…und wenn ich mir nun doch einen Therapeuten suche?

Eine Ebene meines Selbst hat mit dem Thema endgültig abgeschlossen. Uns therapeutisch Hilfe zu suchen war – wenn es nicht kläglich scheiterte – selten so hilfreich, dass ich sagen würde die Kosten, die die Krankassen dadurch haben rentieren sich. In dem Artikel “Therapie oder nicht Therapie; das scheint hier die Frage” sind wir schon einen kleinen Teil unsere persönlichen Frustes losgeworden. Das Lesen der Blogs der Mosaiksteinchen, Rosenblätter und Paulines konfrontiert und auch im Außen mit Themen, die innerlich täglich gewälzt werden. Auch hier bin ich wieder dankbar für dieses Blogphänomen. Es regt ungemein zum Denken an, man experimentiert für sich im stillen Kämmerlein, man lässt Hoffnungen wachsen.

Und ich? Ich schäme mich. Denn ich möchte das nicht mehr alleine durchstehen. Ja, verdammt noch mal, ich wünsche mir eine/n Therapeuten/in, der/die bereit wäre mit uns all die Probleme anzugehen, die es uns nicht erlauben ein größtenteils unbeschwertes Leben zu führen.

Ja, wir können ja schon so viel. Wir sind als System ja schon so unglaublich integriert, weil wir eine teilweise Co-Bewusstheit geschaffen haben und so furchtbar normal aussehen (das ist kein WITZ, so traurig das auch ist, so messen moderne Gutachter und Therapeuten “Erfolg”).

Und nein, wir brauchen keinen der uns imaginative Stabilisierungsübungen beibringt. Da die selten ihren Zweck erfüllten, haben wir unsere eigenen erfunden. Funktioniert.

Und jetzt?

Stabilisierung ist das weiteste, was selbsternannte Traumatherapeuten bereit sind zu gehen.

Ich wurde Zeuge von Therapeuten mit Therapien, die auf Menschen mit einer dissoziativen Persönlichkeitsstruktur abgestimmt war, Zeuge davon, dass sich nicht jeder von Klienten mit einem Hintergrund in organisierter Gewalt oder bekannten destruktiven Sekten abschrecken lässt.

Die lies in mir den Wunsch erstarken auch so etwas haben zu wollen. Wie angemessen das ist, kann ich nicht beurteilen. Logische Überlegungen sagen mir, dass ich eine geringe Chance habe, da ich nur einige wenige Therapeuten eines solchen Kalibers in der Nähe habe. Die alte Denkweise, die das meiste meines Bewusstseins ausfüllt, weil sie einfach überall ist sagt mir:

Du Dummerchen. Hast du noch immer nichts gelernt? Du hast den größten Fehler überhaupt begangen: Du wünscht es dir. Du weißt doch, dass alles, was du dir wünschst, für dich in unerreichbare Ferne rückt. Schau nicht mich so trotzig an, schau dir dein Leben an, die letzten Jahre reichen. Nun blick mir in die Augen und sage ich habe unrecht.

Nein Erfolg erwarte ich nicht, aber ich habe ein Fünkchen Hoffnung, dass irgendwann dieser Fluch, der sich über unser gesamtes Leben legt durchbrochen wird, nur für einen kurzen Moment. Hoffnung soll ja allen Qualen trotzen (THX Mosaiksteinchen)

Ich tu es jetzt einfach. Es kann ja nur schief gehen und mein Frust wird dabei kaum vergrößert.Ich versuche unterzukommen, denn ich möchte Hilfe mit den Sachen, die mir alleine über den Kopf wachsen. Es sind sehr erfahrene Therapeuten dabei, ich hatte das Privileg in der Vergangenheit in meist anderen Zusammenhängen gute Gespräche mit ihnen zu führen.

So hab ich Santa gespielt und mir eine Liste gemacht. Die ließ sich schnell ausdünnen. Übrig geblieben sind 5 Therapeuten im Umland. Zwei kenne ich bereits ein wenig und dass der eine sich noch an mich erinnert hat uns doch etwas gut getan, zumal der letzte Kontakt (anderer Zusammenhang) über acht Jahre her ist.

[Namen natürlich wie immer geändert]

Wir haben da den Therapeuten Christoph Amundsen. Wir hatten das Glück sehr schnell ein Vorstellungsgespräch bei ihm zu ergattern. Es befremdete ihn in der Anamnese zunächst, dass wir wohl mit einer relativ stoischen Geduld über Jahre hinweg immer wieder auf der Suche nach einer hilfreichen Therapie sind. Schien ihm noch nie untergekommen – was uns etwas befremdete, aber das passiert, wenn man vergisst nicht von sich auf andere zu schließen. Er ist ein älterer Mann, eine gewisse Lebenserfahrung setzen wir hier voraus aber es zeigte sich schnell, dass er mit unserem Hintergrund insgesamt vollkommen überfordert wäre. Er nahm uns dennoch auf seine Warteliste auf, die laut seinen Aussagen und Entschuldigungen sehr lang sei – wir finden ein Jahr im Vergleich wirklich Kindergeburtstag.

Herr Amundsen verwies mich in unserem gemeinsamen Gespräch an eine Frau Christine Brecht und bot an, dass ich ihn dort als Referenz angeben dürfe. Frau Brecht interessiert mich sehr. Sie nutzt Methoden in der Traumatherapie, die uns zum einen neu sind und zum anderen sehr danach klingen auf uns zu passen. Sie ist Analytikerin und würde so abrechnen. Ist etwas organisatorisches aber ein definitiver Bonus. Ich hoffe sehr, diese Frau bald kennenzulernen

Herr Amundsen empfiehlt mir genauso wie Frau Bender, die ich aus anderen Gründen einige Wochen zuvor besuchte, einen gewissen Herrn Dr. Richard Crumbiegel. Für uns nichts neues, wie kennen ihn ein wenig, halten seine therapeutische Arbeit für effizient und wir geben zu, dass wir mehr als Glück brauchen um den nächsten freien Termin zu ergattern. Wir sind ja überhaupt froh, dass er im Moment Patienten aufnimmt.

Als wir vor vielen Jahren schon einmal suchten, verwies er uns an seine Kollegin Cornelia Degen. Wir mochten sie auf Anhieb und hatten auch das Gefühl, sie würde und genügend hart rannehmen und auch über das nötige Hintergrundwissen verfügen. Wir haben bereits fast 2 Jahre auf ihrer Warteliste verbracht, bevor wir die Entscheidung trafen und mit einer weniger geschulten Therapeutin zu arbeiten. Wir würden gerne mit ihr arbeiten, wenn wir es nicht schaffen bei Dr. Crumbiegel unterzukommen und da wir sie bereits kennen, würden wir auch den weiteren Weg in Kauf nehmen.

Es gibt noch Sabrina Ebermann, allerdings wissen wir noch nicht viel über diese Therapeutin. Wir lassen uns überraschen.

Ja, ICH hoffe auf eine angemessene Therapie. Ich muss lernen meinen Frust beiseite zu schieben, sonst ist alles zum scheitern verurteilt

Den härtestend Kampf führe ich noch immer gegen mich selbst

Mein Kopf ist voll, voll mit Gedanken und voll mit Gefühlen, die ich kaum je fühle, die ich nur ein wenig begreifen kann, wenn ich sie denke. Ich könnte hier täglich 20 Beiträge schreiben – käme ich doch nur dazu.

Ich will mir ein Leben aufbauen und zwar eins, das diese Bezeichnung auch verdient. Ich will keine Reichtümer anhäufen, keine Ruhm, keine Macht. Ich will nur ausatmen können, mich einmal nicht wie ein gehetztes Kaninchen fühlen. Ich möchte genug Kraft, um mich aus meiner kauernden Haltung aufrichten zu können und mit dem Blick nach vorn gerichtet loslaufen zu können.

Meine Herkunft klebt an mir wie schubkarrenweise zäher, schwarzer Teer, so viel, dass ich kaum stehen kann, geschweige denn laufen. Er drückt mich zusammen, ich kann nur mit Mühe atmen. Oft kann ich mich selbst nur schwer bewegen, weil meine Glieder ganz von dieser zähen Masse zusammengeklebt werden. Wo auch immer ich bin, ich hinterlasse schwarze Spuren.

Es ist geistiger Unrat, mit dem Herkunftsfamilie und RiGaG mich großzügig überschüttet haben.

Es ist heute überhaupt nicht mehr nötig mich auf Schritt und Tritt zu überwachen. Das war es wahrscheinlich auch nie. Es hat ja ausgereicht mir beizubringen, dass meine “Herren” überall sind, dass sie alles wissen, selbst meine geheimsten Gedanken und Wünsche sind vor ihnen nicht verborgen. Methoden der Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle, ein paar Special Effects und wohlüberlegte Drehbücher für scheinbar zufällige Begegnungen haben genügt um mich von der Allmacht der RiGaG zu überzeugen.

Sie brauchen nicht das Telefon abzuhören, sie haben Anteile in unserem System geschaffen, die auf Anfrage alles preisgeben, was ein autorisiertes Mitglied der RiGaG oder Herkunftsfamilie wissen will. Sie brauchen nicht permanent um uns zu sein, sie haben Anteile geschaffen, die uns auch so ohne Unterlass bedrohen und sabotieren.

Es gibt kaum Menschen auf der Welt, mit denen wir darüber sprechen können und noch weniger können überhaupt nachvollziehen, wie es uns damit geht. Ich wünsche mir so oft einmal zu erleben, wie ein normaler Mensch denkt und fühlt. Ich sehe nur immer wieder, war anders meine Gedanken strukturiert sind. Ich muss so viel Kraft aufwenden um sie nicht nach außen durchscheinen zu lassen, um möglichst normal zu wirken.

Meine Gedanken quälen mich und ich kann nicht auf Dauer vor ihnen davon laufen. Die Droge wurde noch nicht erfunden. Meine Überzeugungen beeinflussen meine Entscheidungen und auch wenn ich vermute (denn wie kann ich wirklich etwas wissen?), dass die Realität eine andere ist, wüsste ich nicht, wie ich mich mir selbst widersetzen könnte.

Ich will ja kämpfen, auch wenn meine Überzeugung hauptsächlich darauf fußt, dass es wahrscheinlich das richtige wäre – aber wie und mit welchen Waffen?

Etwas Schönes

Gestern ist hier auf einen Schlag mehr Schnee vom Himmel gefallen als im gesamten Winter zuvor.

Ich liebe das weiße Funkeln, ich liebe es, wenn die Luft so kalt ist. Es gibt mir das Gefühl besser atmen zu können. Ich habe heute Nacht draußen mein Gesicht im Schnee vergraben. Einfach inne gehalten. Für ein paar Minuten ist die Welt stehen geblieben. Es war still. Mein Kopf war kühl, im buchstäblichen und übertragenen Sinn.

Ich nehme Abschied vom Winter. Die Tage sind schon länger geworden, die Sonne scheint öfter. Bald werde ich ohne dunkle Brille draußen nichts mehr sehen können und ohne Sunblocker zu Staub zerfallen (wahrscheinlich wurde einer meiner Vorfahren von einer Fledermaus gebissen).

Nur der Kater sitzt auf dem Fensterbrett und schaut unzufrieden nach draußen. Mit anklagendem Maunzen drückt er sein Missfallen darüber aus, dass ich schon wieder dieses eklige, weiße Zeug überall auf den Boden verteilt habe, dass so blöd an Pfoten und Bauch kleben bleibt um dort langsam zu schmelzen.

Dass ich mich aber auch überhaupt nicht schäme…

Intuition

Verlass dich ruhig auf deine Ahnungen. Sie beruhen gewöhnlich auf dicht unterhalb der Bewußtseinsschwelle registrierten Fakten.
(Joyce Brothers)

Ich bin erstaunt darüber wie oft sich meine Ahnung im Nachhinein als richtig erweist. Und dennoch, obwohl ich das mittlerweile weiß, handle ich meist entgegengesetzt dieser Intuition.

Vor vielen Jahren lernte ich im Studium eine Frau kennen. Wir kamen beide aus unterschiedlichen Fachrichtungen, belegten aber ein Seminar zusammen. Sie war gut 20 Jahre älter als ich, hatte bereits Pädagogik und Soziologie studiert und arbeitete therapeutisch mit Kindern und Jugendlichen. Wir verstanden uns auf Anhieb, entdeckten gemeinsame Interessen und begannen viel Freizeit miteinander zu verbringen. Wir saßen oft stundenlang im Park oder den Treppenhäusern der Universitätsgebäude und sprachen über Gott und die Welt. So wurde einmal auch das “Bauchgefühl” und intuitives Wissen, was richtig und was falsch ist, Thema. Sie erzählte mir, dass gerade Menschen, die in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erfahren haben, große Schwierigkeiten haben später auf ihre eigene Intuition zu hören und danach zu handeln.

Sie erklärte es mir folgendermaßen:

(Pädophile) Täter, die ein Kind missbrauchen, haben zum einen ein Interesse daran, dass ihre Taten unentdeckt bleiben und versuchen auf der anderen Seite bewusst oder unbewusst ihre Taten vor sich selbst, dem Kind und anderen Außenstehende zu rechtfertigen. So motiviert investieren sie einige Energien in die Manipulation der Wahrnehmung des Kindes und deren Bewertung durch das Kind. Ich behaupte, dass die meisten Kinder, die routinemäßig sexualisierte Gewalt erfahren haben, einige dieser Sätze so oder in abgewandelter Form gehört haben:

Es gefällt dir doch auch.

Du hast mich verführt, ich konnte mir doch überhaupt nicht anders helfen.

Ich tue das doch nur, weil ich dich liebe.

Wenn du nicht so hübsch/ungezogen wärst, müsste ich das doch gar nicht tun.

Alle Väter machen das mit ihren Töchtern.

Was stellst du dich so an? Es hat doch gar nicht weh getan, ich habe dir noch nie weh getan.

Kinder wissen instinktiv, dass diese Sätze unwahr sind. Sie wissen, dass da etwas nicht stimmt, aber genau dieses intuitive Erfassen der eigentlichen Realität und das Hören auf ihr Bauchgefühl wird ihnen Schritt für Schritt abtrainiert. Sie lernen, dass ihre Intuition falsch sein muss und gegenteilig zu handeln, was sie bis ins Erwachsenenalter mit hinein nehmen.

Nach diesem Gespräch hat es bei mir “klick” gemacht.

Ich habe ein unglaubliches Talent dazu mich mit Menschen zu umgeben, die mir auf Dauer nicht gut tun. Dabei werde ich selten überrascht. Bisher haben sich noch alle anfänglichen Ahnungen und ersten Eindrücke im Nachhinein als richtig herausgestellt, trotzdem höre ich nicht auf sie. Ich entscheide mich oft genau das Gegenteil von dem zu tun, was mein Bauchgefühl mir rät, weil ich glaube zu wissen, dass per Definition nichts von diesem Bauchgefühl richtig sein kann. Ich beginne dann zu rationalisieren, finde tausend vermeintlich logische Gründe mein Handeln vor mir selbst zu rechtfertigen, rede meine Intuition klein, denn ich war ja schon immer überempfindlich und paranoid. Oft genug ist es auch passiert, dass Außenstehende diese meine Rationalisierungsversuche “stützen”. Wenn ich Pech hatte, geschah dies um einen Vorteil für sich herauszuschlagen.

Nun weiß ich ja nicht erst seit gestern, dass ich auf meine Intuitionen hören und danach handeln darf. Ich weiß auch nicht erst seit gestern, dass sie ein recht guter Indikator sind. Ich habe mich nun lange genug selbst beobachtet und kenne meine Selbstmanipulationsversuche. Dennoch kämpfe ich seit Jahren viel zu oft erfolglos gegen dieses Verhaltensmuster und für intuitives Handeln. Jedes Mal, wenn ich es geschafft hatte, wurde ich dafür belohnt und zwar mit den besten Freunden, die ich mir wünschen könnte, einer wunderbaren Partnerschaft und einer tollen Familie. Ich scheine es aber nicht lassen zu können wider besseren Wissen und Gewissen in Situationen und auf Menschen einzusteigen, die mir erheblichen Schaden zufügen.

Da ist nichts mit “Gefahr erkannt – Gefahr gebannt”, dieser Lernprozess, dieser Kampf ist einer der zähsten, die ich auszufechten habe. Der Erfolg stellt sich nur in winzig kleinen Schritten ein.

Und während ich hier schreibe frage ich mich in welche ungesunde Situation ich mich als nächstes hineinmanövriere oder auf welchen Menschen ich als nächstes reinfalle.

Orpheus ohne Rückfahrschein

Als mir bewusst wurde, dass das, was ich seit meiner Kindheit erleb(t)e Gewalt und Missbrauch ist (es mag paradox klingen, ich kannte die Begriffe, wusste, was dazu im Wörterbuch stand, konnte sie aber lange nicht mit dem, was ich erlebte, in Verbindung bringen), fiel es mir noch schwer die Folgen für mich in meinem Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln zu erkennen.

Ich lernte dann, dass das, was ich erfahren hatte, traumatisierend war. Ich lernte den Begriff Psychotrauma und erfuhr von Ärzten, dass ich offenbar unter einem solchen litt. Man erklärte mir dazu kaum etwas, aber ich habe mein Graecum und wusste, dass “Psychotrauma” übersetzt in etwa “Verletzung der Seele” bedeutet. Eine Vertraute schickte mir ein Selbsthilfebuch aus dem ich lernte, was es bedeuten kann traumatisiert zu sein. Ich lernte, dass viele meiner Verhaltensweisen, Gefühle und meiner Denkmuster Folgen der erlittenen Gewalt und dem Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familienstruktur waren. Bis dahin war ich der Meinung dass ich so war, wie ich bin, weil ich einfach schlecht war. Ängste, Zwänge, Tics und Anfälle waren für mich Zeichen, dass ich wohl einfach mit einem “minderwertigen” Gehirn geboren worden war, Depressionen ein Zeichen von Faulheit, scheinbar irrationale Verhaltensweisen ein Zeichen für Dummheit und die furchtbaren Bilder in meinem Kopf, die mich Tag und Nacht quälten zeigten doch nur zu deutlich, dass ich zu all dem anderen offenbar auch verrückt und wahnsinnig war.

Schnittwunden kann man nähen, Abszesse kann man eröffnen und gebrochene Knochen lassen sich schienen. Wenn sich körperliche Wunden heilen lassen, dann muss es doch auch Wege geben die seelischen zu heilen. Das schien mir logisch und ich machte mich auf den Weg der Heilung. Ich suchte mir neue therapeutische Unterstützung, kaufte Bücher, lieh Fachartikel, ging in Selbsthilfegruppen, denn ich wollte wissen, was auf mich zukommen sollte.

Immer wieder hörte ich, dass ich noch einmal zurück in die Hölle müsse, mich meinen Dämonen stellen, sie mir betrachten, sie mir bewusst machen, um dann gestärkt, genesen, integriert wieder zurückzukehren.

Ich schnürte meine feuerfesten Wanderschuhe und stieg hinab.

Wie bei fast allen neuen Wegen, die ich beschreite, begleitete mich eine Naivität, die dem härtesten Rocker die Milch einschießen lässt, und ein merkwürdiger Optimismus, der nur Kopfschütteln verdient hat. Dass ich dennoch Panik schob, ist für mich kein Widerspruch. Wie schlimm konnte es schon sein sich mental in die Hölle zu wagen und die Dämonen betrachten, wenn man mit dem ganzen Rest seines Seins noch immer in ihren Tiefen feststeckte.

Auf der Reise stellte ich fest, dass die von mir betretene Unterwelt aus Ebenen oder Schichten bestand, wie eine Zwiebel oder die Höllenkreise aus Dantes Inferno. Nur unterschieden sich die Kreise, die ich nach und nach betrat, nicht darin, wer dort gepeinigt wurde, sondern darin, was ich erneut und doch ganz anders zu erleben hatte.

Ich pflegte stets zu sagen, dass es nicht so schwer sein würde sich mit mir und meinem Hintergrund auseinanderzusetzen, schließlich sei das Schlimmste die Gewalt und der Missbrauch selbst gewesen. Je tiefer ich aber in die Abgründe meiner Herkunft und meines bisherigen Lebens eintauchte, desto klarer wurde mir, dass dieser Glaubenssatz, an den ich mich wie eine Ertrinkende klammerte, nicht der Realität entspricht. Was zu stimmen scheint ist, dass mir jetzt weniger Schaden zugefügt wird. Es werden nicht konstant neue Wunden geschlagen. Es tut aber nicht weniger weh. Auf eine ganz bestimmte Weise ist es schlimmer. Während ich aufwuchs und solange ich noch körperlich in den destruktiven Strukturen meiner Familie und der RiGaG feststeckte wurde alles, was ich dort erlebte – Dissoziation sei Dank – in kleine, feine Päckchen aufgeteilt und getrennt voneinander in meinen Hirnwindungen abgespeichert. Nun aber soll oder will ich verarbeiten. Was das bedeutet wird mir mit jedem Schritt, den ich wage, klarer. Einer der ersten Therapeuten, die ich aufsuchte, sagte mir ich müsse über das, was mir widerfahren ist, reden. Wenn ich das täte, wäre ich geheilt. Aus der multiplen Persönlichkeit würde automatisch eine einzige, ganze, unbelastete Person werden, wenn ich alles ausspreche.

Die Dinge beim Namen zu nennen ist ein wichtiger Schritt, aber nach meiner Erfahrung nicht alles und auch nicht so einfach, wie es zunächst scheint. Es ist schwer jemanden zu finden, der sich das, was man zu sagen hätte, anhören kann und will. Der erwähnte Therapeut stellte nach kurzer Zeit fest, dass er sich den Inhalten nicht gewachsen fühlt und damit war er auch nur einer in einer langen Reihe Ärzten und Therapeuten in ambulanten und stationären Settings, die mir rieten doch endlich über die Traumatisierungen zu sprechen – aber bitte woanders.

Fall man doch das Glück hat einen Ort zu finden, wo man aussprechen dürfte, was einem auf der Seele brennt und was einen so sehr geprägt hat, dann finden sich noch genügend innere Barrieren, die das zu verhindern wissen. Oft kennt man keine Worte, die annähernd beschreiben könnten, was man erlebt hat. Man hat ja nie darüber geredet. Es fehlt das Vokabular, denn vieles findet keine Entsprechungen im normalen Alltag. Zudem ist man lange darauf trainiert worden niemals auszusprechen, was hinter den verschlossenen Türen vor sich geht. Man muss kreativ werden, um diese Schweigegebote zu umgehen, viel Geduld mitbringen und Vertrauen lernen, um sie zu durchbrechen.

Reden ist wichtig um sich die Gründe für das Trauma bewusst zu machen. Reden allein ist aber nicht der ganze Verarbeitungsprozess, es kann ihn lediglich auslösen oder ein Teil von ihm sein. Will ich “heilen”, das Trauma integrieren, muss ich das, was dissoziiert wurde, re-assoziieren. Was abgespalten wurde, muss wieder zusammengesetzt werden. Eine Erinnerung besteht aus verschiedenen Ebenen, (Körper)Empfindung, Emotion, Fakten, Bilder und Bedeutung des Geschehenen. Bei dissoziierten Erinnerungen an traumatische Erlebnisse sind diese Ebenen voneinander getrennt. Zu einigen Erlebnissen habe ich nur einige Bilder, weiß aber nicht was eigentlich passiert ist. Getrennt davon sind Emotionen, Empfindungen oder das Faktenwissen. Bei uns ist es aufgrund der dissoziativen Persönlichkeitsstruktur so, dass die Ebenen dieser Erinnerungen auf verschiedene Personen verteilt sind. Eine empfindet immer wieder starke Schmerzen in den Fingerkuppen, ohne zu wissen warum. Eine zweite Person sieht vor sich Bilder von einer fixierten Hand und einer Zange, die an einem Fingernagel ansetzt. Eine dritte weiß, dass ihr die Fingernägel gezogen wurden und wieder jemand anderes weiß, dass dies getan wurde um für ein ganz bestimmtes Fehlverhalten zu bestrafen. Hass auf die Täter, Scham, weil man bestraft werden musste oder der Ekel vor den eigenen blutverschmierten Fingern werden von weiteren Innenpersonen getragen.

Man dissoziiert das Erleben, weil alle Aspekte auf einmal in dem Moment zu viel für die Psyche sind. Für uns stellt sich immer wieder die Frage, ob wir eigentlich vollkommen wahnsinnig geworden sind, wenn wir versuchen ein Ereignis mit all dem, was einzelne von uns dazu beitragen konnten, zu rekonstruieren. Gefoltert zu werden und zu dissoziieren ist leichter als alle Aspekte dieses Ereignisses auf einmal zu erleben. Es zerreißt einen förmlich, wenn man die Schmerzen spürt, das Gesicht des Täters vor sich sieht, durchgeschüttelt von widersprüchlichen Gefühlen und alles in dem Wissen, dass es hier keinen tieferen Sinn zu finden gibt. Warum hat er das getan? Weil er’s kann.

Je länger ich mich auf dieser Reise in meine Unterwelt befinde, je tiefer ich vordringe, umso deutlicher wird, dass mein halb gescherztes Motto “einmal Hölle und zurück, bitte” nicht mehr ist als das – nämlich halb gescherzt. Es gibt kein Zurück. Nach all dem, was ich gesehen, gefühlt, erkannt habe kann ich nicht zurück. Zurück bedeutet zurück zum Leugnen, zurück zum abgespalten Leben, zurück zum verzweifelten Versuch wenigstens einen Anschein von Normalität zu schaffen. Selbst wenn ich das wollen würde (und noch gibt es immer wieder Phasen, in denen ich mir das wünsche), ich könnte es nicht, egal wie sehr ich mich anstrengen mag.

Es bleibt mir nur tiefer in die Hölle einzudringen, bis ganz auf den Grund und dann noch ein Stück tiefer, immer in der Hoffnung, dass sich ganz weit unten ein neuer Ausgang verbirgt.

Was bleibt übrig?

Oft scheint es mir als habe man mir mein eigentliches Selbst weggenommen und es durch Scham und Angst ersetzt. Ich weiß heute genug um nicht mehr alle Lügen, die mir erzählt wurden, zu glauben. Ich bin heute stark genug, um ein gewisses Maß an Sicherheit für mich zu gewährleisten..

…und dennoch fühlt es sich so an, als bliebe ohne diese Angst, ohne die Scham nicht mehr viel von mir übrig.