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I Ain’t Bovvered

Am I bovvered? Do I look bovvered? Does my face look bovvered? I ain’t bovvered!

(Catherine Tate als „Lauren Cooper“)

Erst letzte Woche hielt mir mein Hausarzt einen Vortrag über die Sinnhaftigkeit von Psychohygiene. Aus ihm sprach der Frust von Jahrzehnten. Er hat ja recht. Psychosomatische Erkrankungen sind heutzutage der vorherrschende Grund für Arbeitsunfähigkeit. Auch Allgemeinmediziner werden notgedrungen immer öfter mit psychischen Störungen konfrontiert.

Als mein lieber Hausarzt dann begann seinen Monolog zu halten und sämtliches Geschehen um sich auszublenden, hatte ich etwas Schwierigkeiten weiter lächelnd und nickend auf meinen Stuhl sitzen zu bleiben. „Was glaubt denn dieser Laie mir bahnbrechend Neues erzählen zu können?“ dachte es in mir. Die eigene unwillkürliche Arroganz erschreckt mich doch immer wieder. Also sammelte ich mich wieder und bemühte mich weiter seinen Ausführungen zu folgen. Insgesamt war da wenig, was auf mich zutraf, aber an einem Punkt blieb ich doch hängen. Psychohygiene ist unerlässlich.

Ich gehöre ja nun in die Kategorie Menschen, die man getrost als „therapieerfahren“ bezeichnen kann. Es gibt wenige Interventionen und Konzepte, mit denen ich mich noch nicht auseinandergesetzt habe. Eigentlich könnte man meinen ich habe immer alles im Griff, handle und fühle immer bewusst. Wie betriebsblind ich geworden war ist mir allerdings erst dort in der Praxis meines Hausarztes klargeworden – nicht zuletzt, weil „mir kannst du sowieso nichts Neues erzählen“ meine erste Reaktion war.

Aber *puh* der Gute hat nicht ganz Unrecht, was das Thema Psychohygiene betrifft. Das kam hier arg ins Hintertreffen. Stressoren waren mannigfaltig und omnipräsent. Ohne es bewusst wahrzunehmen hab ich mich vereinnahmen lassen. I was bothered. Definitely.

Und so begann ich mit einer Bestandsaufnahme. Eberhard Schomburg formulierte acht Lebensgrundbedürfnisse, „Liebe, Sicherheit, Anerkennung, Bestätigung, Erfolgserlebnisse, Raum zu freiem schöpferischen Tun, Erlebnisse mit Erinnerungswert und Selbstachtung“. Die Psychohygiene strebt danach diese Bedürfnisse zu erreichen und zu erhalten.

  • Liebe. Check. Das, was mich hier im Leben hält. Ich darf lieben und noch unfassbarer: ich werde zurückgeliebt. Ich habe einen wunderbaren Mann, der meine Vorstellungen von Partnerschaft teilt, mit dem ich offen über alles reden kann. Ich habe Freunde, die mir sehr nahe stehen. Auch da ist Liebe. Wenn ich an diese geliebten Menschen denke, fühle ich mich wirklich gesegnet.
  • Sicherheit. Ein deutlich schwierigeres Thema. Meine Paranoia ist nicht nur wahnhaftes Erleben, die kommt nicht von ungefähr. Für Sicherheit vor den Zugriffen meiner Herkunftsfamilie und dem organisierten Täterkreis haben wir lange gekämpft und wir schaffen es Schritt für Schritt und innerlich und äußerlich zu lösen. Wir haben ein soziales Netz, wir leben nicht mehr alleine, wir können nicht mehr „einfach so“ verschwinden. In den letzten Monaten haben wir erneut lernen müssen, dass es wichtig ist darauf zu achten wem man vertraut. Es gibt eben doch Menschen, die ohne groß zu zögern sensible Informationen gegen einen benutzen und wenn das nicht zieht, dann einfach was erfinden. Wir haben uns wieder verstricken lassen, Ängste, Schlafstörungen, depressive Episoden und Somatisierung waren die Folgen. Wir gehen diese Probleme an, halten Rücksprache mit unseren Nächsten, ziehen uns aus Situationen, die uns nicht gut tun.
  • Anerkennung, Bestätigung, Erfolgserlebnisse. Noch eine Baustelle. Aktuell gibt es eindeutig zu wenig Erfolgserlebnisse. Aber ich arbeite daran, wir arbeiten daran. Es stehen Veränderungen an, gerade was das berufliche betrifft. Wir brauchen das. Anerkennung unserer akademischen Leistungen, Erfolge im Job, Bestätigung durch Kollegen und Vorgesetzte haben hier immer eine enorme Stabilität gebracht. Wir fühlen uns dann nicht beschädigt, behindert und gestört, sondern als Teil der Gemeinschaft.
  • Raum zu freiem schöpferischen Tun. Die Notwendigkeit des schöpferischen Ausdrucks wird oft verkannt. Schlimmer noch: kreative Betätigungen gelten gern als Zeitverschwendung. Es gibt ja Wichtigeres. Selbst in unseren Schulen sind Inhalte wie Kunst, Musik, Tanz, freies Schreiben am ehesten von Kürzungen betroffen. Ich bin im Alltag meist keinen Deut besser. Ich habe so viele Möglichkeiten, um mich auzudrücken. Ich liebe es mit meinen Händen zu arbeiten, ich liebe Musik und kenne die heilende Wirkung des „Schöfpens“. Mit meiner Antriebslosigkeit nehme ich mir aber so viel und gerate in einen Teufelskreis, aus dem ich nur ausbrechen kann, wenn ich mir immer wieder bewusst mache, wie wichtig es ist die eigene Kreativität auszuleben. Ich muss nicht gleich eine meterhohe Marmorstatue schaffen. Im Alltag bleibt genügend Raum für größere und kleinere Projekte. Mal wieder jammen, mit Kindern ein Lego-Raumschiff bauen, ein Fensterbild oder ein Gedicht schreiben. Es gibt so viele Möglichkeiten zum Ausdruck. Die eigene Psyche dankt’s einem.
  • Erlebnisse mit Erinnerungswert. Check. Ein Essen mit Freunden, bei denen sein darf wie man ist oder über die guten alten Zeiten plaudern kann, ein Ausflug, den ersten Schnee begrüßen… die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Die Erinnerungen an positive Erlebnisse bleiben und sind ein Licht in der Dunkelheit, wenn wieder alles über einem zusammenzustürzen scheint.
  • Selbstachtung. In Ordnung. Da reden wir ein anderes Mal drüber. Alles, was wir da gerade tun können, ist und von uns selbst nicht allzu arg zerfleischen lassen, sich nicht immer wieder plagen. Baustelle.

Mit der Bestandsaufnahme, motiviert durch den Hausarzt, wurde uns auch klar, dass wir in letzter Zeit zu wenig haben distanzieren können. We were bothered. Das führte dazu, dass Sicherheit und Selbstachtung wieder stärker zu einem Problem wurden. Drum der Versuch einer neuen Haltung. Ich lass mich nicht weiter blockieren.

I won’t be bovvered

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2 Kommentare zu “I Ain’t Bovvered

  1. Hallo zusammen,

    ihr habt uns mit diesem Beitrag sehr zum nachdenken angeregt und auch wir werden diese Bestandsaufnahme durchführen.

    Liebe grüße
    Regenbogentänzerin

  2. Hab jetzt mehrmals den Kommentar gelöscht und neu angefangen, bis ich zu dem Ergebnis kam, dass ich es wohl nie so formuliert bekomme, wie ich möchte: Erst einmal, dass du Betriebsblindheit erwähnt hast, hat mich stark zum Nachdenken gebracht; einmal, weil ich vor ein paar Wochen noch genau nach diesem Wort gesucht habe, aber noch viel mehr, weil ich immer wieder vergesse, dass ich wohl in vielen Bereichen meines Lebens so bin. Aber viel wichtiger: Deine Liste! Möchte keinen ewiglangen Text dazu schreiben, aber hat mich doch sehr dazu gebracht, ebenfalls mal bei mir zu schauen, ob ich nicht an bestimmten Bereichen arbeiten könnte..

    Hab bisher noch keinen Artikel hier gelesen, den ich nicht gut fand. (Obwohl „gut“ immer so ein seltsames Adjektiv ist.)

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