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F62.0, oder was (kompl.) PTBS für uns bedeutet – Pt. I

Traumata haben Folgen.

Jedes Trauma stellt eine Verletzung dar, egal ob körperlich oder seelisch. Wenn ich dir mit einem Hammer auf den Daumen schlage, breche ich dir die Knochen und quetsche das Gewebe. Das ist eine Verletzung, die heilen muss und dazu Zeit benötigt. Wenn du Pech hast, ist der Daumen dauerhaft beeinträchtigt, vielleicht nicht mehr so beweglich wie vorher oder es bleiben Schmerzen.

Mit einem seelischen Trauma, einem Psychotrauma, verhält es sich nicht anders. Auch hier liegen Verletzungen infolge einer starken Erschütterung vor, nur ist diese Erschütterung kein Hammerschlag, sondern es können Katastrophen, Unfälle, Kriegserlebnisse, Vergewaltigungen und vieles weitere sein. Die Folgen sind ebenfalls psychischer Natur.

Eine Reihe psychischer Störungen können Folgen von Traumatisierungen sein. Wir haben neben einigem anderen auch eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung, bzw. eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung, wie der korrekte deutsche Terminus lautet, entwickelt. Die Störung kennzeichnet sich durch

[…]eine feindliche oder misstrauische Haltung gegenüber der Welt, durch sozialen Rückzug, Gefühle der Leere oder Hoffnungslosigkeit, ein chronisches Gefühl der Anspannung wie bei ständigem Bedrohtsein und Entfremdungsgefühl[…]

(aus: ICD-10-GM Version 2012)

Um sie diagnostizieren zu können, müssen mindestens zwei  dieser Symptome vorliegen, ebenso wie einige weitere Kriterien. Dazu gehören, dass diese Persönlichkeitsänderung über wenigstes zwei Jahre bestanden haben muss und dass ihr eine „extreme“ Belastung von „katastrophalem Ausmaß“ vorausgegangen sein muss. Eine Posttraumatische Belastungsstörung (kurz PTBS) kann hier ebenfalls vorausgegangen sein.

Das alles klingt natürlich sehr abstrakt, selbst für uns, wenn wir es so lesen, obwohl wir davon betroffen sind. Zudem ist es so, dass jeder Betroffene der gleichen Störung diese leicht anders wahrnimmt oder eine andere Symptomkombination aufweist. Wir möchten hier ein wenig darüber schreiben, welche Symptome bei uns vorherrschen und wie wir unsere eigene kompl. PTBS wahrnehmen.

Die Grundvoraussetzungen sind gegeben. Wir sind sind mit vielen Formen der Gewalt aufgewachsen, kennen Prügel, Vergewaltigungen, angekettet sein, in Kisten gesperrt werden, Unterkühlung, Schlafentzug, unter Drogen gesetzt werden oder anderes und dass über einige Jahrzehnte hinweg.

Nun zu den Symptomen. Eine „feindliche oder misstrauische Haltung gegenüber der Welt“ zählt dazu. Feindlich gegenüber der Welt sind wir nicht eingestellt. Eher das Gegenteil ist der Fall. Wir mögen Menschen an sich tatsächlich sehr. Soziale Gefüge und gesellschaftliche Regeln faszinieren und beschäftigen uns, genauso wie Verhalten und Wahrnehmung. Wir arbeiten auch gerne mit Menschen, der Job im Altersheim machte uns seinerzeit viel Spaß, genauso wie Umgang mit Kunden und Klienten heute. Eine misstrauische Haltung haben wir dennoch. Wir trauen anderen oft nicht über den Weg, haben immer Angst vor Verschwörungen gegen uns, so dass wir aufpassen müssen uns nicht darin zu verlieren und die Realität im Auge zu behalten. Auch wenn wir es meist gut schaffen soziale Kontakte aufzubauen, schwingt die Angst immer mit. Wir müssen uns sehr bewusst bemühen, um überhaupt ein Vertrauensverhältnis aufbauen zu können. Einerseits suchen wir den Kontakt zu anderen Menschen, andererseits versuchen wir auch immer sie uns emotional auf Abstand zu halten.

An diesem Punkt kommen wir auch zum zweiten Symptom, dem „sozialen Rückzug“. Wir schwanken zwischen Phasen, in denen wir Kontakte suchen und gut aufrechterhalten können, in denen wir mit sozialen Situationen gut umgehen können und Phasen, in denen wir uns stark zurückziehen und in denen uns jegliche soziale Interaktion überfordert. Diese Phasen des Rückzugs können sich über viele Monate bis hin zu 1-2 Jahren ausdehnen. Das Misstrauen gegenüber der Umwelt nimmt dann überhand. Jedes Gespräch, jede Form der Kommunikation verlangt uns enorm viel ab, kostet zu viel Kraft. Wir verstehen Menschen dann nicht mehr, verstehen uns nicht richtig. Das und die Angst vor Verletzungen führt dazu, dass Kontakte einfach gemieden werden.

Continued: F62.0, oder was (kompl.) PTBS für uns bedeutet – Pt. II

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