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Was es für uns bedeutet „Viele“ zu sein – Pt. I

Ca. 2005/’06 haben wir schon einmal versucht in Worte zu fassen, wie das Leben mit einer dissoziativen Identiätsstörung bei uns ausschaut, auch das möchten wir hier mit euch teilen und zu einem späteren Zeitpunkt das als Referenz für eine Bestandsaufnahme hernehmen, schauen, was sich eventuell bis heute verändert hat:

Der ganz normale Wahnsinn eines Alltags mit DIS

So, wunderbar, man hat vielleicht hier in äußerst knappen Worten gelesen was so der handelsübliche Fachmensch über diese nicht ganz alltägliche Störung zu berichten weiß. Vielleicht hat man auch ein erstes grobes Verständnis in sich aufkeimen lassen und die lang genährte Vorstellung über Board werfen können, dass eine gespaltene Persönlichkeit ja wohl ein schizophrener Mensch ist, der schleunigst, aber ganz schleunigst in die nächstgelegene Psychiatrie gehört wo er brav mit Antipsychotika gefüttert wird, bis er nicht mehr geradeaus laufen kann.

Wie bei fast allen Dingen ist die Theorie das eine… und die Praxis schaut ganz anders aus – oder viel differenzierter.

Ich bin multipel. Ich habe eine Störung. Nein, ich bin deswegen nicht krank.

Störung heißt, dass ich in meiner Entwicklung, so wie sie von der Natur wahrscheinlich vorgesehen war (denn komischerweise scheinen die meisten Menschen ja nur aus einer Identität zu bestehen, das scheint wohl der „Normalzustand“ zu sein), ein wenig vom Wege abgekommen bin. Aufgrund äußerer Einflüsse musste sich die Seele, die Gesamtpersönlichkeit, aufspalten und hat mehrere Identitäten hinterlassen, eigenständige „Ichs“, mit eigenen Erinnerungen, eigenen Gefühlen, auch eigenen Persönlichkeitsmerkmalen, eigener Entwicklung und einem ganz eigenen Selbstbild.

Krank ist diese Tatsache allein nicht. Denn eine Krankheit ist laut Definition  eine Störung der normalen physischen oder psychischen Funktionen, die einen Grad erreicht, der die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden eines Lebewesens subjektiv oder objektiv wahrnehmbar negativ beeinflusst.

Gut, ich gebe zu, dass das hier schon etwas mit Haarspalterei zu tun hat, aber dafür sind wir ja im Allgemeinen bekannt.

Ja, es ist schwierig mit vielen „Personen“ in einem Körper zu leben. Personen, die zum Teil vollkommen unterschiedliche Vorstellungen, Wünsche und Lebenseinstellungen haben. Es ist verdammt kompliziert und das Leben alleine stelle ich mir doch um ein vielfaches einfacher vor. Aber auch, wenn es kompliziert ist, so sind wir als System nur durch die Tatsache, dass wir Viele sind nicht funktionsuntüchtig was das Alltagsleben betrifft. Wir arbeiten, wir studieren, wir leben in einer funktionierenden und gesunden Beziehung. Wir haben Freunde und wir können das Leben genießen.

Und trotzdem ist es kein Zuckerschlecken, denn die Seele hat sich nicht ohne Grund aufgespalten. Wir, dieser Körper oder wie auch immer man es nennen mag hat seit frühester Kindheit sehr viel Gewalt erfahren. Schon bevor wir überhaupt ein Jahr alt waren begann der sexuelle Missbrauch. Wir erfuhren als Kleinkind Deprivation, Schläge, Missbrauch, Vergewaltigung, Folter. Gewalt hinterlässt Spuren. In unserem Fall einige körperliche Schäden und unter anderem auch eine gespaltene Persönlichkeit. Für einen allein war das Leid nicht zu ertragen, jedes neue „Ich“ trug einen Teil der Erinnerungen, des Grauens ganz für sich alleine, wie durch Mauern von den anderen getrennt. Und reichte es nicht, wurde es wieder zu viel, um zu ertragen was uns Tag für Tag passierte, so spaltete sich ein neues „Ich“ ab.

Somit sind viele der Innenpersonen hier schwer traumatisiert. Sie haben viel Negatives erlebt und haben logischerweise sehr viel Angst, kommen nur selten zur Ruhe, erleben das Schlimme immer wieder und wieder.

Die DIS tritt selten alleine auf. So gut wie alle Betroffenen zeigen auch Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (Intrusion, Vermeidung, Überrerregung), sie leiden oft unter Schlafstörungen, Albträumen, Depressionen, Ängsten und Panikattacken, Flashbacks, Konzentrationsstörungen, verletzen sich selbst, sind suizidal. Multiple erleben meist auch die gesamte Bandbreite anderer dissoziativer Störungen

Eigentlich ist es ziemlich bescheiden multipel zu sein. Ich hab schon öfter mal gehört: „Ach, ich wäre das auch gern, dann wäre ich nicht so einsam und alleine.“ Meist werde ich dann etwas zickig, weil ich mich darüber ärgere. Ich kann nicht verstehen wie jemand ein Leben als Viele vorziehen würde, eigentlich doch nur, wenn er nicht versteht was dahinter steckt.

Ja… gut… ich kann tatsächlich manchmal mit jemandem innen reden, es kann tatsächlich gut tun, wenn man es nach jahrelanger und „sehr anstrengender Arbeit geschafft hat ein Mindestmaß an Kontakt herzustellen. Doch ohne den ganzen „Rattenschwanz“ dahinter, ist das Leben deutlich erstrebenswerter.

(Teil 2)

(Teil 3)

(Teil 4)

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