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Was es für uns bedeutet „Viele“ zu sein – Pt. III

Ca. 2005/’06 haben wir schon einmal versucht in Worte zu fassen, wie das Leben mit einer dissoziativen Identiätsstörung bei uns ausschaut, auch das möchten wir hier mit euch teilen und zu einem späteren Zeitpunkt das als Referenz für eine Bestandsaufnahme hernehmen, schauen, was sich eventuell bis heute verändert hat:

(Teil 1)

(Teil 2)

Der ganz normale Wahnsinn eines Alltags mit DIS (Teil 3)

In deinem Kleiderschrank sind Baggypants (du würdest so was im Traum nicht anziehen), komische rote Rollkragenpullover, T-Shirts mit Totenschädeln und bei keinem der Kleidungsstücke könntest du dich erinnern es gekauft zu haben. „Ach“ sagst du dir „die muss wohl jemand hier vergessen haben“ oder du ignorierst es einfach, vergisst, dass es da ist. Ebenso wie die Legosteine, auf die du nachts trittst. Hast du überhaupt Lego? Doch schon seit Jahren nicht mehr…

Du hast aufgehört Tagebuch zu führen. Es macht dir Angst. Es ist als ob sich die Bücher von selber schreiben, du hast es tagelang nicht zur Hand genommen und dennoch sind wieder 20 Seiten mit zum teil merkwürdig fremd und doch vertrauten Handschriften, die hast du schon öfter gesehen, nur was da geschrieben steht, das ergibt für dich keinen Sinn.

Du zeichnest auch nicht mehr gerne, beziehungsweise dein schlägt Herz jedes mal schneller, wenn du deinen Block aufmachst. „Bitte, bitte, lass ihn heute leer sein, nicht schon wieder eines dieser schrecklichen Bilder“. Du öffnest den Block und es flattert dir ein Blatt entgegen mit einer merkwürdigen Szene. Du hast diese Szenen schon öfter gesehen, es gibt bestimmt tausende solcher Bögen in deiner Wohnung, aber sie machen dir Angst. Du weißt nicht genau warum, aber diese merkwürdigen Bilder, die du nicht verstehst, lösen in dir ein tiefes Grauen aus, dass du gar nicht benennen kannst. Ab und an nimmst du einen Stapel und wirfst ihn in die Papiertonne.

Dein Lehrer möchte dringend mit dir reden. Er hätte dich schon eine ganze Weile beobachtet, dein Verhalten sei so merkwürdig, er findet du benimmst dich, als wärst du eine gespaltene Persönlichkeit. Du denkst: „Ich bin doch nicht schizophren“, bekommst Angst. Etwas tief in dir schreit „Er hat uns erkannt“ mit vielleicht so was wie Hoffnung, andere Stimmen, lautere Stimmen schreien „Verräter“, in deinem Kopf wird es so laut, dass du nicht mehr klar denken kannst, du hast hämmernde Kopfschmerzen, bekommst nicht mehr mit was passiert. Irgendwie raus aus der Situation, die du selber nicht verstehst. Im Ausreden finden bist du klasse, los, lass dir was einfallen.

Du gehst in eine Kirchengemeinde, schon recht oft, recht lange. Du suchst nach etwas, vielleicht ist es Gott, vielleicht aber nur andere Menschen, die nett zu dir sind. Du liest in der Bibel, dort steht etwas geschrieben von einem Mann, der von Dämonen besessen wurde, diese nannten sich Legion, denn sie waren viele. Es knallt in deinem Kopf. Vielleicht ist es das, denkst du dir, vielleicht ist es das was mit mir los ist. Ich bin von vielen Dämonen besessen die in meinem Kopf wohnen. Der nette Geistheiler mit dem blonden Bart ist schon seit Tagen dieser Meinung und bietet dir an dir die Dämonen auszutreiben. Drei Tage und Nächte verbringst du im Kreis einiger unermüdlicher, die Beten, in Zungenreden, die Dämonen in dir anbrüllen und sie zum Auszug zu bewegen. So jedenfalls stellst du dir das vor. Du tauchst ständig ab, bist in Trance und verstehst ohnehin nicht was passiert.

Gebracht hat es nichts. Dein Leben geht weiter wie bisher. Du hast einfach keine Ahnung was passiert. Du betest jeden Tag, du verzweifelst. Du fühlst dich dreckig und schmutzig.

Dein Kumpel macht dir eine mächtige Szene, weil du nicht mit ihm Schlafen willst (hast du auch noch nie, ihr seit einfach gute Freunde), er meint, dass du dich sonst ja nicht so anstellen würdest, du beschimpfst ihn als dreckigen Lügner, bekommst das auch prompt zurück. Du bist sauer, verstehst die Welt nicht mehr und ziehst von dannen.

Du hasst es. Es scheint als hätte jeder Mensch mehr Kontrolle über sein Leben als du. Oftmals wachst du morgens auf, hast überall blaue Flecke, dein Hals tut dir weh und du hast Schürfwunden an Hand und Fußgelenken. Du hast Schmerzen im Schritt und als du aufs Klo gehst, stellst du fest, dass der Damm ein Stück eingerissen ist, ein „nicht schon wieder“ verhallt in deinen Gedanken, du willst es einfach gar nicht wissen. Wenn du dich geduscht hast und zur Uni gegangen bist, hast du es auch schon wieder vergessen, du wunderst dich vielleicht noch über die Schmerzen in deinen Hüften… aber das muss wohl daran gelegen haben, dass du heute Nacht wieder so schräg im Bett gelegen hast.

Nächte sind sowieso miserabel. Du hast eigentlich nur Albträume, du traust dich kaum einzuschlafen, wenn du mal mehr als 3 Stunden geschlafen hast, beglückwünschst du dich. Jeden Morgen fühlst du dich gerädert, wie ein benutztes Taschentuch. Das Chaos in deinem Kopf kannst du kaum aushalten, du bist depressiv, verzweifelt und weißt nicht wo all das herkommt. Du hast Angst. Oft ist es als drifte die Welt von dir weg, oder du aus deinem Körper. Um dich überhaupt mal spüren zu können schlägst du deinen Kopf so lange gegen deine Zimmerwand, bis es blutet oder du ohnmächtig wirst.

(Teil 4)

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