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Ekel

Ich hasse es ja diesen Satz zu sagen, da er nach meiner Meinung inflationär gebraucht wird und die Bedeutung dadurch verwässert oder verschoben wird: Wir sind getriggert.

Ich würde mich so gerne übergeben. Wirklich, ich würde gern. Ich kanns nicht. Dabei bin ich ein Stress-Kotzer. Harte Woche im Institut oder der Firma? Kein Thema, da versucht sich der Magen jeden morgen pünktlich um halb 7 – wenn auch fruchtlos – in die Schüssel zu entleeren und der Tag kann kommen und mitbringen was er will. Jetzt will ich, denn ich weiß nicht wie ich diesen Ekel runterschlucken soll, aber nein, das sei mir versagt.

Wir sind allgemein sehr dünnhäutig dieser Tage, alles Mögliche „tickt“ uns an uns unser Umgang damit ist auch nicht der Geschickteste.

Der Geruch in unserem Treppenhaus ist immer… was wäre ein politisch korrekter Ausdruck… sagen wir mal mit „Bergfrühling“ oder einer sanften Sommerbrise hat das nichts zu tun. Es „menschelt“, wie  eine Bekannte mal versuchte es wertfrei auszudrücken. Im Haus unten wohnt eine etwas ältere Frau, die nicht immer ganz bei sich ist und unter anderem Schwierigkeiten mit der Körperhygiene, bzw. Hygiene allgemein hat. Es riecht muffig-süßlich, eben wie ein Mensch, der sich und seine Kleidung lange nicht mehr diversen Tensiden ausgesetzt hat. Eben der Geruch, der sich entwickelt, nachdem beißend-scharfer Schweißgeruch lange genug gegoren hat. Insgesamt versucht die Hausgemeinschaft sie zu integrieren, wenn es geht, bzw. so viel Toleranz wie nötig zu üben. Wir pflanzen alle gerade fleißig Geranien und anderes Grünzeug an, das nimmt schon viel Geruch, gelüftet wird so gut es geht und Raumspray muss den Rest besorgen. Auch der Geruch „tickt“ uns an, aber wir kommen meist damit zurecht und können ihn als lediglich unangenehm betrachten und Vergangenes davon trennen (es ist der Geruch von Vernachlässigung, von Menschen, die nicht mehr lange leben werden… ich weiß grad nicht ob und wie ich das erklären kann und soll)

Nun hat es besagte Dame geschafft in unserem Treppenhaus Fäkalien zu verteilen. Hier hörts bei uns auch schon auf damit umgehen zu können, abgesehen davon, dass Fäkalien, wenn man sie ne Weile „stehenlässt“ wirklich übel übel stinken. Dieser Geruch löste hier eine ganze Reihe von Flashbacks aus, die mit dem hier durchlaufenen Ekeltraining zu tun haben. Beim Ekeltraining wird man, wie der Name ja so schön beschreibt, Situationen ausgesetzt, die starken Ekel hervorrufen, z.B. das konsumieren von Kot, Urin, Blut, lebendigem Getier, mit Kakerlaken, Ratten oder Spinnen in eine Kiste gesperrt werden… und wo ich diesen Satz gerade so schreibe fällt mir auf, dass es alles sehr nach Dschungel-Camp-Prüfungen klingt. Die haben es jedenfalls geschafft eine anschauliche Darstellung einiger Praktiken des klassischen Ekeltrainings medienwirksam in Szene zu setzen. Sinn und Zweck des Trainings soll die Beseitigung der natürlichen Hemmschwellen sein, man soll abstumpfen, sich vom Körperlichen distanzieren, eine neue oder „höhere Bewusstseinsebene“ erreichen und für eine RiGaG bedeutet es auch ihre Mitglieder von klein auf fit für die praktizierten Rituale zu machen, da viele davon Elemente (z.B. das Konsumieren von Blut, rohem (Menschen)Fleisch) enthalten, die eben eklig sind und die keiner, schon gar kein Kind, so einfach freiwillig mitmachen würde.

Was irgendwie nicht funktioniert hat und was, wenn ich da meinem Therapeuten glauben schenken durfte, auch nicht in der Form passiert, ist, dass es keineswegs so ist, dass mich all diese Dinge nicht mehr ekeln. Vielmehr wird das Ekelgefühl von der Person, die agieren muss, so gut es geht abgespalten. Einige Dinge ekeln uns tatsächlich weniger als manch andere Menschen, die wir kennen. Wir essen rohes Fleisch, können schlachten, Blutwurst anrühren, und das Sezieren von Leichen in den Anatomiekursen an der Uni war für uns weit weniger problematisch, als für die anderen Kommilitonen. Bei anderem scheinen wir dann aber mehr abzudrehn als Otto-Normalverbraucher. Nicht so oft nach außen glaub ich, ein paar kleinere motorische Tics und dann ist gut, während der Gegenüber meist lautstark seinen Ekel äußert, aber bei dem ist dann gut. Hier gehts danach erst richtig los. So wie momentan. Wir kommen auf abgestandene menschliche Sch%!@§ einfach nicht klar. Das Ekelgefühl ist überwältigend. Wir rennen durch das Treppenhaus wie auf Autopilot, nur nix anmerken lassen. Ich will nur noch kotzen, aber das geht nicht. Auch son Überbleibsel des Trainings. Da is ne Kotzhemmung. Für mich ungewöhnlich, auch damit komm ich nicht gut zurecht. Ich fühl mich wieder fremdgesteuert. Mir ist übel und auch wenn ich mich normalerweise nicht übergeben müsste und etwas frische Luft reichen würde, so überfordert mich die Tatsache, dass ich es nicht könnte, selbst wenn ich es wollte oder forcieren würde. Ich bin wütend, ich bin angewidert und ich möchte am liebsten schreien. Ich werd theatralisch, fühle mich wieder wie eine Marionette, die verzweifelt versucht die Fäden durchzuschneiden, es aber dennoch nie ganz schafft.

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9 Kommentare zu “Ekel

  1. Sehr unschön! Oh ja, sehr! Nicht übergeben können vor Ekel kennen wir sehr gut, ansonsten auch eher weniger ein Problem. Aber wehe man hätte wirklich mal einen Grund dafür, dann ist es verboten und unmöglich.
    Wie siehts denn aus mit Vermieter kontaktieren und ihn bitten sich darum zu kümmern, dass es gereinigt wird? Vielleicht kann sich da auch wer anders drum kümmern? Ansonsten fällt mir gerade ein, wenn mans Treppenhaus nicht meiden kann, mit nem ätherischen Öl, direkt unter der Nase, durchdüsen.
    Drücken euch die Daumen, dass dieses Problem nicht zu häufig auftaucht und möglichst schnell wieder beseitigt wird! Diese Konfrontation muss man wirklich nicht haben.

  2. Ich denke mit dem Vermieter kann gesprochen werden, sie ist zwar Eigentümerin hier, aber gehört zur Verwandtschaft unseres Vermieters. Leicht wird das nicht, bzw. es kann noch etwas dauern, bis wir den Mut für ne Konfrontation aufbringen. Ich finds ja allgemein super, dass sie die Möglichkeit hat ein recht selbstbestimmtes Leben hier zu führen… nur merke ich, dass ich die Zeit vermisse, als hier im Treppenhaus renoviert wurde und es einige Wochen nur nach Bauschutt und frischer Farbe roch.

    Ansonsten ist das Gegenarbeiten mit anderen Gerüchen auch mein Mittel der Wahl. Ich hab z.T. selbstgemixtes Lippenbalsam oder festes Parfum, dass ich ohnehin immer in der Handtasche habe, falls ich mich unterwegs mal erden muss (oder die Busse und Züge im Sommer zu voll sind 😉 ) und damit überbrücke ich den „Normalgeruch“ unten im Haus… grad zieht das nich mehr, vllt was Stärkeres für die kommenden Tage.

  3. Ich wünschte, ihr könntet euch übergeben und hättet dann erst einmal Ruhe. Der Zustand kann doch nicht so bleiben, er würde auch mich – ohne eure Erlebnisse – fertigmachen. Gibt es gerade rein gar nichts, was euch helfen könnte? Die alte Dame braucht vermutlich ein betreutes Wohnen, weil ich glaube nicht, dass es mit der Zeit besser wird.

    Lieben Gruß hinterlasse ich …

  4. Huhu 🙂

    ganz ehrlich, es könnte gut sein, dass Du dadurch Miete sparen kannst. Wenn die Vermieterin nichts tut, dann versuchs auf die Tour, diese Drohung zieht meistens.
    Duftöl halte ich nicht unbedingt für eine gute Idee, es kommt nämlich manchmal vor, dass man in späteren Situationen den guten Geruch mit dem übelriechenden Assoziiert.
    Und von wegen theatralisch – das ist eine absolute Zumutung!

    Alles Liebe

  5. Puh ..das klingt grauenvoll – und ich hätte in jedem Fall die größten Probleme, mit so etwas umzugehn..für Euch muss es ungleich schlimmer sein. Was das Duftöl angeht – dachte ich spontan dasselbe wie Stellinchen wegen der Gefahr der späteren negativen Assoziation ..

    Hoffentlich findet sich ein für alle Beteiligten guter Weg ..

    Liebe Grüße,
    Ocean

  6. Hallo, es gibt die Möglichkeit den sozialen Dienst der Stadt einzuschalten. Die würden dann bei der Frau vorbeischaun und gucken, ob sie noch in der Lage ist alleine zu leben. Die Tatsache, dass sie im Treppenhaus Fäkalien verteilt hat, deutet stark darauf hin, dass dem nicht mehr so ist. Häufig verschließen Angehörige ihre Augen davor, aus den diversesten Gründen bis hin zu finanziellen, wenn eine Wohnheimaufnahme notwendig sein sollte.
    Es ehrt Euch, dass Ihr der Frau die Teilhabe größtmöglich erhalten wollt, aber ich vermute, dass diese Frau nicht nur die Wäsche und so Dinge nicht mehr richtig hinbekommt, sondern auch mit den sonstigen Grundbedürfnissen Probleme haben wird. Und Ihr müsst auch an Euch denken. Ihr seid so lieb, versucht die Mensche so sein zu lassen wie sie sind. Doch es geht hier um Eure eigene Gesundheit.
    Klingt alles mal wieder sehr abgeklärt. Aber manchmal ist die Hilfe von Aussen für die betroffene Person gar nicht mal das schlechteste und wer der Frau mittels Sozialdienst oder anderer Wohnform geholfen wird, kann es sogar sein, dass deren Lebensqualität steigt.
    LG Silbermond

  7. Das Treppenhaus ist geräumt und gereinigt worden, ich denke, es hat auch noch anderen im Haus „gestunken“.

    Druck, auch im Sinne einer Mietminderung, möchten wir nicht ausüben. Wir haben einen sehr netten und kulanten Vermieter und zahlen für unsere doch überaus geräumige Wohnung in ner tollen Lage einen Spottpreis.

    Ich würde schon gern einmal allgemein mit meinem Vermieter über die Situation reden, aber möchte das auch vorsichtig in ein Gespräch einflechten. Möchte eben nicht, dass es so rüberkommt als wolle ich mich einmischen, aber ich denke eben auch, dass die Frau noch etwas mehr Hilfe benötigen würde.

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