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„Die müssen sie schon wegsperren.“ – Vom Umgang mit schwierigen Anteilen

Jeder Mensch hat an sich Seiten, die ihm oder anderen unangenehm sind, die als schwierig empfunden werden oder unangemessen.

Hat man eine dissoziative Persönlichkeitsstruktur, bezieht sich dieses „Problem“ weniger auf einzelne Verhaltensweisen eines Individuums, sondern auf einige vollständige und separate Identitäten innerhalb eines Persönlichkeitssystems.

Als wir vor einiger Zeit auf der Suche nach einem Therapeuten waren, der uns helfen sollte einen Umgang mit uns als System zu finden und uns aus dem Griff des Täterkreises zu lösen, hatten wir unter anderem auch ein Telefonat mit einer Therapeutin, die von sich selbst behauptete Ahnung zu haben. Also machten wir einen Termin für ein Erstgespräch aus, zu welchem wir voller Hoffnung einige Wochen später fuhren. Im Laufe dieses Gespräches wich die anfängliche Hoffnung endlich einen Therapeuten gefunden zu haben, der wirklich helfen konnte, nach und nach aufkommender Enttäuschung und Ernüchterung. Obwohl diese Therapeutin behauptete schon „viele multiple Frauen erfolgreich therapiert zu haben“, warfen ihre Äußerungen zu dem Thema bei uns die Frage auf, ob wir da von dem Gleichen sprechen und ob diese Frauen, von denen sie (übrigens auch viel zu viel) berichtete, tatsächlich multipel waren, oder (und man möge mir das verzeihen) lediglich gelangweilte Hausfrauen, denen etwas mehr Aufmerksamkeit, als sie zu Hause bekommen, schon Hilfe zur Heilung genug war.

Eine ihrer Äußerungen war, dass sie erst bereit wäre mit uns in die therapeutische Arbeit einzusteigen, wenn wir es geschafft hätten sämtliche „unerwünschte“ Innenpersonen dauerhaft wegzusperren. „Unerwünscht“ war ihren Worten nach jeder Anteil, der destruktives Verhalten zeigte, sich z.B. selbst verletzte, Wutausbrüche hatte oder in irgendeiner Form täteridentifiziert und -loyal war. Sie riet dazu einen Kerker zu imaginieren, in den diese Innenpersonen geworfen werden würden und zu dicken Gitterstäben, die sie daran hindern sollten wieder an die Oberfläche zu kommen. Großzügig bot sie uns an, uns dabei zu helfen, wenn wir das selber noch nicht schaffen würden. Wir lehnten dankend ab und gingen wieder unserer Wege. Dafür war uns unser sauer verdientes Geld dann doch zu schade, denn sie war keine Psychotherapeutin, lediglich Heilpraktikerin, die einige Modulen Traumatherapie belegt hatte, und somit hätten wir sie selber gezahlt. Hätte sie getaugt, wären wir mehr als bereit gewesen die Kosten der Therapie selbst auf uns zu nehmen, allerdings war die oben wiedergegebene Äußerung nicht die einzige, die uns an ihrem Verständnis der Störung zweifeln ließ.

Anteile wegsperren.

Das ist ein Konzept, das damals (und zugegebener Maßen auch heute noch) für einige von uns eine große Verlockung darstellte. Wie ruhig könnte doch das Leben sein, wenn alle Innenpersonen dauerhaft verschwinden würden, die emotionalen Druck mit Selbstverletzung kompensieren, die es bis heute nicht geschafft haben ein gesundes Essverhalten an den Tag zu legen, deren Geduld an einem zu dünnen Faden hängt, die noch immer an ihrer Loyalität gegenüber einzelnen Tätern festhalten, die den Mist glauben, der ihnen in der RiGaG eingetrichtert wurde, die sich mit dem Verhalten einzelner Täter identifiziert haben und kurz alle, deren eigenes Verhalten so stark durch Familie, RiGaG und Leben in Zwangsprostitution beeinflusst wurde, dass sie in der normalen Taggesellschaft auffallen.

Und wenn wir schon dabei sind, können wir noch mehr Ruhe reinbringen, wenn wir die Anteile loswerden, die viel zu emotional sind, die bei jeder Gelegenheit einen Heulkrampf bekommen, das ist ja sowas von peinlich. Die männlichen Anteile können auch verschwinden, die haben in einem Frauenkörper ohnehin nichts verloren. Weg mit Teenagern mit zweifelhafter Körperhygiene und Wortwahl, Innenkinder, die sich nicht richtig artikulieren können – wer brauch die schon – oder überhaupt sämtliche Innenkinder, die nicht „herzerfrischend“ oder „niedlich“ gefunden werden (diese Worte hat ohne Witz mal jemand Außenstehendes benutzt), weil sie nicht still und artig sind, laut krähen, ungeduldig sind, Bedürfnisse äußern und keinen Charme, Witz oder erstaunliche kindliche Weisheit besitzen (Kunststück, wenn eine 5-Jährige schon 40 Jahre auf dem Buckel hat). Wenn wir dann noch alle traumatisierten, depressiven, verängstigten, psychotischen und zwanghaften Anteile in den Kerker geworfen haben, alles mit dicken Stahlgittern gesichert haben, können wir uns den Staub von den Händen klopfen und uns beruhigt zurücklehnen.

Übrig bleibt das ach so „niedliche und herzerfrischende“ Innenkind Iks, das darf dann zwei mal im Monat nach draußen und Bilder von Schmetterlingen und Regenbögen für die Therapeutin malen und die Innenpersonen Üpsilon und Tsett – wie praktisch, die eine übernimmt viele Aufgaben auf der Arbeit und die andere kocht und putzt. Dass Üpsilon jegliche Form von menschlichem Kontakt verabscheut und in Gesprächen mit Geschäftspartnern ein Desaster ist und Tsett weder lesen noch schreiben kann sind doch nur kleine Schönheitsfehler. Autofahren kann auch keiner mehr? Macht nichts, die Kiste kann der zukünftige Ex-Mann gleich mitnehmen, wenn er mit Hund und Kind, für die sich keiner der Übriggebliebenen verantwortlich fühlt, auszieht, denn immerhin waren es ja nicht Üpsilon und Tsett, die diesem haarigen Dreibein vor dem Altar ewige Treue geschworen haben.

Alles egal, denn endlich ist Ruhe.

Abgesehen davon, dass wir es für unmöglich (oder mindestens sehr sehr unwahrscheinlich) halten, dass eine ganze Kategorie an Innenpersonen dauerhaft so weggesperrt werden kann, dass vollständig verhindert wird, dass das Denken, Fühlen und Handeln der übrigen Innenpersonen beeinflusst wird, frage ich mich, ob man dem Menschen als Ganzes einen Gefallen damit tut, wenn man einen wichtigen Teil der Persönlichkeit ausschaltet. Oben erwähnte Therapeutin würde einem nicht-Multiplen kaum raten seine Wut in ein ausbruchsicheres Gefängnis zu stecken und keiner von beiden würde ernsthaft erwarten, dass sich das Agressionsproblem des Klienten von heute auf morgen in Luft auflöst. Nein, der Klient wird lernen mit seinen Emotionen umzugehen und weniger destruktive Verarbeitungsmechanismen entwickeln. Jeder weiß, dass umdenken und -lernen Zeit und Energie erfordert. Für Multiple gilt das nicht weniger. (Psycho)edukation ist das Zauberwort des 21. Jahrhunderts (und wenn nicht, dann leg ich das hier und heute einfach mal so fest). Verstehen verändert so vieles. Wie will ich als Arzt oder Therapeut für meinen Patienten eine Gesundung der Psyche erreichen, wenn ich konsequent wichtige und zum Überleben des Menschen notwendig gewesene Anteile abschneide. Ich amputiere einem Mann mit eitrigen Geschwüren ja auch nicht beide Beine mit den Worten: „Damit können sie die 100m Hürden noch schneller laufen als vorher!“.

Will ich als Multiple/r oder deren/dessen Therapeut/in (ab und an mal politisch korrekt sein hilft dem Gewissen) wirklich etwas verändern und vor allem verbessern, muss ich mich auch oder gerade mit den unangenehmen Anteilen auseinandersetzen, denn (auch) diese Anteile haben zum Überleben des gesamten Systems beigetragen. Ich wünschte auch oft, ich könne einen Flammenwerfer in die Hand nehmen und eine innere Brandrodung machen, wenn Franz, die braune Socke, in meinem Schädel „Heil Hitler“ brüllt, bloß weil die Dorfdeppen von der NPD mal wieder fähnchenschwingend die Kreuzung blockieren. Franz kennt nur den Mist, den sein Onkel und dessen Freunde ihm erzählt haben, die einzigen Menschen, die er je kennengelernt hat und auch der wird es früher oder später noch lernen. So ist es mit dem unerwünschten Verhalten anderer Innen auch. Irgendjemand musste den Schwachsinn nachplappern, der von Familie oder anderen Tätern eingetrichtert wurde, irgendjemand musste die Beine breit machen und wenn sich dann auch noch jemand gefunden hat, dem das nichts ausmacht und der vielleicht sogar Spass dabei hatte: prima, das ist eine gute Anpassungsleistung, auf die das System stolz sein darf. Viele der als schwierig oder unerwünscht angesehenen Anteile bringen Fertigkeiten und Fähigkeiten mit, die dem ganzen System von unschätzbarem Nutzen sein können, auch wenn das System oder diese Anteile selbst, dass oft nicht ganz glauben können.

Es lohnt sich im in den Dialog zu treten, auch wenn das – gerade am Anfang – nicht immer leicht ist.

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27 Kommentare zu “„Die müssen sie schon wegsperren.“ – Vom Umgang mit schwierigen Anteilen

  1. Zu spüren, dass der von dieser „Thrapeutin“ angebotene Weg mit dem Wegsperren nie und nimmer zu Ganzheit und echter Gesundung führen kann, obwohl es höchst verführerisch ist, empfinde ich als ganz schön gesund.

    Und vielleicht brauchte es genau solche gesunden Anteile in euch, um das Ganze überhaupt zu überleben?

    Ich hab jedenfalls großen Respekt vor dieser Klarheit, die ihr oben schildert.

    Liebe Grüße
    Marion

    • Danke Marion

      Ja, ich glaube den ersten Schritt zu einer wirklichen „Heilung“ – womit wir meinen, dass es uns besser geht und der Leidensdruck abnimmt, denn die DIS ist keine Krankheit, kann und muss in dem Sinne nicht geheilt werden – haben wir in dem Moment gemacht, als wir begriffen haben, dass wir alle, ohne Ausnahme, zusammen gehören, auch wenn wir uns als so eigenständig wahrnehmen, wie es völlig fremde Leute auf der Straße tun würden, und z.T. höchst unterschiedliche Biographien haben (weil bestimmte Innenpersonen nur bestimmte Ereignisse im Laufe des Lebens miterlebt haben).

      • Danke euch ganz herzlich für diese Innensichten, die sehr hilfreich sind, um DIS besser begreifbar zu machen.

  2. Wieder ein Artikel, in dem unendlich viel Arbeit und differenziertes Denken steckt. Man müsste meinen, dass gerade Therapeuten, die die menschliche Seele angeblich studiert haben, dieses Denken so verinnerlicht haben, dass es solche Aussagen wie von der oben zitierten Frau nicht geben kann. Gut, sie hat „nur“ ein paar Module belegt. Aber ich weiss aus einigen Gesprächen und dem was ich so immer mal wieder lese, dass es so viele Therapeuten und Ärzte gibt, die es so sehen. Die sich nicht die Arbeit machen wollen oder auch können, mit den nicht so angenehmen Facetten, bzw. Anteilen der Menschen umzugehen. Dabei ist das doch genau ihr Job.

    Und ja, warum denn bei Multiplen anders? Was ist der Unterschied. Der Unterschied ist, so denke ich inzwischen, die Autarkheit der einzlenen Innenpersonen. Aber jeder Mensch, wie Ihr schon schreibt, hat in sich eine ganze Bandbreite von Facetten, die auch Niemand weg sperren würde.

    Ich bin ein ausgesprochener Fan von manchen Aussagen von Michaela Huber. Natürlich nicht allem, aber doch vielem was sie sagt. Und sie hat einmal ein meiner Meinung nach echt gutes Beispiel hinsichtlich traumatisierter Innenkinder gebracht. Es wurde in der Innenwelt ein Ort geschaffen, wo sie Hilfe erhalten konnten, wo ein Arzt war und ein Therapeut und all das was es brauchte, um ihnen zu helfen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt haben sie immer noch in ihrer Welt gelebt. In einem schrecklichen Haus. Sie wurden in der Therapie also nach und nach aus diesem Haus von einem Beschützer gerettet und dort an den anderen Ort gebracht und da hatten sie Zeit zu verarbeiten, ohne jeden Tag wieder traumatisiert zu werden.

    Warum ich das erzähle? Weil ich glaube, dass es auch Wege gibt mit den Dunkeln oder Depressiven oder wie auch immer andersartigen Anteilen (nicht herabwertend gemeint!) in Kontakt zu treten und mit ihnen zu arbeiten. Ihnen so nach und nach die Welt wie sie heute ist zu zeigen, ohne dass sie einen Kulturschock bekommen und was ich ganz wichtig finde, ihnen zu zeigen, dass man weiss wo sie her kommen, dass man versteht wieso sie wie geworden sind. Man muss sie nicht rechtfertigen, aber man sollte sie „da abholen, wo sie gerade stehen“ und versuchen einen Weg zu finden, der sie von der Welt wegführt, die es nicht mehr gibt.

    Ich glaube, dass das die eigentliche therapeutische Arbeit ist, die echt beide Seiten (Therapeut und Patient fordert). Wie sagte meine Therapeutin einmal, als ich sie fragte, warum sie Traumatherapeutin ist und wie sie dazu gekommen ist. Sie habe einen Lehrgang besucht und dann festgestellt, dass das Leben aus mehr besteht als den neurotischen Problemen, die man im Studium vornehmlich kennen lernt.

    • Hallo Seelenlabyrinth

      Ich habe mich im obigem Artikel ja eher darauf beschränkt zu sagen, wie man es unserer Meinung nach nicht macht. Darum vielen Dank, dass du Beispiele anbringst, wie man stattdessen verfahren kann.

  3. Hallo ihr,

    als ich das gelesen habe, musste ich an eine meiner Therapieen denken. Dort ging es auch darum, die unerwünschten Anteile wegzusperren und, ich muss gestehen, damals dachte ich, es wäre ein Weg, zumindest für eine Weile. Das dem nicht so ist, wurde mir allerdings erst später bewusst.
    Die Therapeutin, mit der wir jetzt arbeiten geht auch sehr danach, mit allen Innenpersonen ins Gespräch zu gehen.

    Liebe grüße
    Regenbogentaenzerin

    • Hallo Regenbogentänzerin

      Bin froh zu hören, dass ihr nun eine Therapeutin habt, die ganzheitlicher mit euch arbeitet.

      Wir haben auch lange gedacht, es wäre sinnvoll bestimmte Anteile zu unterdrücken. Abgesehen davon, dass es nicht funktioniert hat – oft war das Gegenteil der Fall – haben wir irgendwann realisiert, dass auch diese Anteile zum Gesamtpaket dazu gehören und dass wir Probleme mit reiner Verdrängung nicht lösen können, jedenfalls schaffen wir so keine Veränderung, sondern konservieren nur etwas, was uns Probleme bereitet.

  4. Es passiert mir leider immer öfter, dass ich mich für meine „Kolleginnen“ schämen muss. Ich bin aber noch nicht in der Therapieausbildung, sondern im Master Psychologie, aber ich überlege, ob ich eine Zusatzausbildung zur Traumatherapie mache, intensiver als die, die in der obligatorischen klinischen Ausbildung inbegriffen ist. Aber ich bin mir unsicher, ob ich dieser Belastung standhalten und Menschen wie euch gerecht werden könnte. Viel zu sehr habe ich Angst, dass ich mich überidentifiziere, zuviel Gefühl zeige, was auch falsch sein kann.

    Es tut mir immer wieder Leid, wenn ich von so etwas lese. Wenn ich lese, dass einem von Therapeuten entweder nicht geglaubt wird oder wenn sie Menschen abweisen, weil sie eine bestimmte Diagnose haben. (Borderliner sind da sehr stark betroffen von). Andererseits weiß ich, wie belastend dieser Beruf sein kann. Denn völlige Abgrenzung klappt nicht, ohne dass daran nicht die zwischenmenschliche Qualität einer Therapie leidet.

    Ich komme ein wenig aus dem Konzept und weiß nicht, was ich schreiben will. Aber ich würde euch nicht unbedingt raten, zu Heilpraktikern zu gehen. Ich hab‘ mir deren Ausbildung und „Prüfung“ einmal angesehen; und das ist so wenig von dem, was man in diesem Beruf wissen muss, dass ich sie nicht einmal Beratungstätigkeiten ausführen lassen würde, geschweige denn so ein komplexes „Störungsbild“ wie eures.

    Noch eine Frage am Rande: Habt ihr eine Hauptpersönlichkeit? Eine, die jene repräsentiert, bevor die Persönlichkeit dissoziierte?

    Lieben Gruß an euch … Im Moment denke ich oft daran, was ihr erlebt habt, weil mich die Geschichte der Inderin nicht loslässt. Ich bin ein Mensch mit ausgepräter Wut und habe große Hassgefühle und Rachegedanken gegen solche Täter. Ich glaube, allein deshalb wäre ich ungeeignet als Traumatherapeutin. =(

    • Hallo Sherry

      Zunächst zur Randfrage: Wir haben weder eine Hauptpersönlichkeit noch eine, die als „Gastgeber“ für all die anderen fungiert, genauso haben wir hier auch keine „Ursprungspersönlichkeit“. Wir haben schon Personen, die mehr im Außen agieren als andere, einige mit mehr „Substanz“, andere mit weniger.

      Der Beruf des Therapeuten verlangt einem viel ab, es sind ja nicht nur die Patienten selber, allein der ganze Papierkram, der nötig ist, wenn man eine Kassenzulassung hat. Das frisst oft viel zu viel Zeit und erlaubt manchmal nicht, dass der Therapeut eine für sich sinnvolle Vor- und Nachbereitung der jeweiligen Sitzungen machen kann.

      Ich erwarte nicht, dass jeder Therapeut mit jedem Störungsbild gleich gut arbeiten kann, was ich aber erwarte ist Aufrichtigkeit und ein gewisses Maß an Professionalität. Wo bei mir das Verständnis aufhört ist, wenn ich vor einem überforderten Therapeuten sitze, der dies aber nicht zugeben kann oder möchte, anfängt zu projizieren wie ein Weltmeister und aggressiv oder eingeschnappt reagiert.

      Ich finde deine Haltung sehr verantwortungsbewusst. Du überlegst dir klar, was du kannst und was du für welche therapeutische Richtung können solltest. Meine ehemalige Therapeutin vertrat auch die Meinung, dass jeder Therapeut, vor allem aber Therapeuten, die mit Traumapatienten arbeiten oder in Krisengebieten eingesetzt werden, lernen sollte funktional zu dissoziieren, um so bestimmte Belastungen von der Arbeit oder einigen Bereichen des Privatlebens fernzuhalten. Abgrenzung zu lernen ist unglaublich wichtig, die meisten können das mit Abschluss des Studiums noch nicht. Ich persönlich finde es daher auch eine sehr sinnige Praxis, dass viele ihr erstes großes Praktikum in der Ausbildung auf einer geschlossenen Station absolvieren. Es ist ein Sprung ins kalte Wasser, aber man wird gezwungen sich selbst abzugrenzen und gleichzeitig Erfahrungen zu sammeln ohne, dass die eigene Unerfahrenheit beim Patienten Schaden anrichtet (da die meisten auf der Geschlossenen nicht oder kaum therapiefähig sind, sonst wären sie schon auf andere Stationen verlegt worden).

      • Genau das ist das Wichtigste. Therapeuten müssen nicht alles können und wissen. Leider haben sie – genauso wie Ärzte und z.T. auch Lehrer – ständig das Gefühl, sie müssen jedoch beweisen, sie können alles. Und womit sie nicht umgehen können, stülpen sie sehr oft sehr gerne auf den Patienten über, er sei Schuld und er solle sich ändern. Ich kann es nur nicht leiden, wenn Therapeuten sagen: „Boah, nee, die Borderlinerin ist so nervig, die kann dies und das nicht.“ Natürlich kann sie „dies und das nicht“, das gehört ja auch zu ihrem Störungsbild. Besser, man sagt „Ich kann mit diesen typischen Symptomen in der Interaktionsqualität mit Borderlinern nicht umgehen.“ Der Tag, an dem ich gemerkt habe, dass Therapeuten wirklich auch nur Menschen sind, war ganz schön hart. *lach*

        Ja, ich bin mir meiner „Schwächen“ durchaus bewusst, was bei mir nicht sehr schlimm ist, ich kann auch sehr gut in der Forschung bleiben oder im Präventions und -coachingbereich in Firmen, das ist auch sehr gefragt. Im Psychologiestudium ist es tatsächlich so, dass wir zwar zum Ende hin sehr viel Klinische haben, aber das Studium doch recht wissenschaftsorientiert aufgebaut ist. Will man klinisch arbeiten, macht da die Ausbildung wirklich Sinn (ist eh Pflicht).

        Bis bald, ich muss jetzt lernen. Persönlichkeitsstörungen + PTBS. Schade, dass Dissoziative Identitätsstörungen nicht durchgenommen worden ist, gerade das interessert mich brennend. Deshalb frage ich dich auch ständig Sachen. Sag‘ Bescheid, wenn’s zuviel wird.

    • Keine Sorge, das wird uns nicht zu viel, drum frag, frag, frag 😉

      Die DIS ist tatsächlich selten ein Thema im Psychologiestudium, ich denke dafür ist sie ein wenig zu komplex und ein wenig zu selten. Es gibt auch viele andere Störungen, die meist nur oberflächlich, wenn überhaupt, behandelt werden.

      Ich denke im Job als Therapeut/in ist es unerlässlich, dass man sich selbst spezifisch weiterbildet, eben genau in den Bereichen, die bei einem in der Praxis (oder Klinik) auftauchen.

      Das Therapeuten eben auch (nur) Menschen sind fällt einigen Patienten (leider) gar nicht auf, was ich persönlich sehr schade finde, weil ich glaube, dass darin ein ungeheures Konfliktpotential steckt.

  5. Ja, es ist schon krass, was man mit manchen oft selbst ernannten Traumatherapeuten erleben kann. Bei uns wollte mal ein Therapeut (oder war er gar Arzt?) unsere Stimmen aufnehmen und mischen.
    Nur gut, dass man irgendwie ja doch noch die Wahl hat, auch zu anderen Therapeuten zu gehen. Und obendrein auch noch eine gewisse Portion an Intuition vorhanden ist. Hat ja irgendwie keinen Sinn, wenn die Therapeutin bestimmte Teile ausgrenzt. Wäre ja so, als würde ein Therapeut sagen: „Sie sind willkommen, wenn sie immer gut drauf sind“.
    Aber generell zu sagen, dass Heilpraktiker nicht als Therapeuten taugen ist schon etwas sehr krass. Es gibt auch approbierte Therapeuten die keine Ahnung von Traumatherapie haben. Ganz abgesehen davon, dass nicht alle Heilpraktiker gleichzeitig keine adäquate Ausbildung in Traumatherapie haben. Ich denk mal, dass es generell wichtig und unerlässlich ist, genau zu gucken wen man da eigentlich vor sich hat.
    Wir sind da auch oft nach dem Prinzip gegangen, wie die durchschnittliche Meinung ist. Wenn die meisten abgeneigt sind, dann kann das nichts werden. Und das ist natürlich so, wenn die sozusagen weggesperrt werden sollen.
    Uns ist das allerdings auch schon in Kliniken passiert, dass gesagt wurde, es dürfe nur eine an der Gruppe teilnehmen, die anderen müssten dann weggesperrt sein. Und selbst das fanden wir heftig.
    Ich wünsche euch, dass ihr nicht vergesst, wie gut ihr auf euer Bauchgefühl vertrauen könnt.

    • Es tut mir leid, wenn ich mich eventuell missverständlich ausgedrückt habe. Ich meine natürlich nicht, dass Heilpraktiker als Therapeuten generell nicht taugen. Ich kenne da selbst eine Menge gute, genauso wie ich schon über eine Reihe unfähiger oder allzu narzistischer psychologischer Psychotherapeuten gestolpert bin. Gibt in jedem Beruf Leute, die ihren Job super machen und andere, die sich vielleicht besser ein anderes Fach ausgesucht hätten.

      Den Ausschluss bestimmter Innenpersonen in therapeutischen Settings als Praxis kenne ich auch. Oft wollen Therapeuten auch nur mit dem „Host“, bzw. der sog. Gastgeberpersönlichkeit arbeiten. Dass viele multiple Systeme so eine Person gar nicht habe oder wenn doch, dass dieser „Host“ meist nur die Aufgabe hat den Alltag unbehelligt von Erinnerungen an traumatische Erfahrungen u.ä. zu meistern und damit kaum Sinnvolles für eine tiefergehende therapeutische Arbeit beitragen kann, wird da gerne vergessen/nicht beachtet/nicht gewusst. Oft findet man diese Haltung auch bei Therapeuten und Kliniken, die lediglich „Basisarbeit“ machen, sprich Stabilisierung. Allerdings sind die meisten multiplen Patienten, die diese Stabilisierungsphase brauchen und die Techniken hierfür zuerst lernen müssen, kaum in der Lage Wechsel zu kontrollieren und auf äußeren Wunsch hin bestimmte Anteile und Innenpersonen „vorne zu halten“.

      Meiner Meinung nach machen es sich viele Therapeuten und Kliniken zu einfach, die Arbeit dort gleicht mehr einer kosmetischen Korrektur als einem ernsthaften Versuch die Probleme, die eigentlich der Behandlung bedürfen, anzugehen.

      Ich bin froh, dass da langsam ein Umdenken stattfindet und dass die neuere Fachliteratur deutlich vernünftigere Ansichten vertritt.

    • Sorry, ich glaube ich habe dich etwas missverstanden, das mit den Heilpraktikern war wohl nicht auf mein Geschreibsel bezogen… ja ich sollte Kommentare vielleicht doch chronologisch lesen 😉

  6. Zunächst einmal: Danke für dein „Like“ für meinen Artikel. 🙂

    Ich wäre auch dafür, mit deinen Persönlichkeiten zusammen zu arbeiten, statt sie, wie diese unmögliche Person riet, einfach wegzusperren. Das geht mal garnicht!

    Sag(t) mal ….. aber jetzt bitte nicht falsch verstehen: Pfeift oder summt eine der Stimmen zufällig pausenlos die Melodie von Tetris? … Würde mich interessieren. :3

    • Nach dem Schreiben des Beitrags ist uns auch aufgefallen, dass wir selbst noch einige gedankliche Altlasten mit uns herumtragen

      „[Name hier einsetzen] gehört trotzdem weggesperrt.“
      „Ja… aber… es wurde doch geschrieben, dass -“
      „Schhht, das ist doch was ganz anderes“
      „Ja, aber -“
      „Was anderes hab ich gesagt!“

      Nun ja, Blogschreiben scheint wohl auch zu helfen, dass man seine Haltung hin und wieder etwas kritischer hinterfragt.

      Oh je, wenn hier ständig jemand die Tetris-Melodie pfeifen würde, sollte ich fixiert auf der Geschlossenen liegen, denn sonst würde ich versuchen mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen *grusel*… wobei das nicht so ungewöhnlich wäre, wir haben hier so den einen oder anderen, der mit Vorliebe den ganzen lieben langen Tag singt, summt oder pfeift. Das kann einem ganz schön auf die Nerven gehen und manchmal schlafe ich deswegen vor dem laufenden Fernseher ein, weil es mich in den Wahnsinn treibt. Zum Glück war Tetris bisher noch nicht dabei 😉

      • Was mich betrifft, so denke ich nie über das nach, was hinter mir liegt. Was passiert ist, ist passiert. Und wenn ein Bruchteil dessen sich wieder den Weg ins Bewustsein bahnt und man Zähneknirschend in der Ecke liegt, weil man den Gedanken an diese peinliche, verstörende oder unschöne Erinnerung nicht ertragen kann und hofft, dass alles wieder verschwindet, wartet man einfach ab.

        Tut mir leid, dass ich mit dem alten Tetris-Witz angefangen habe, aber er schwirrt mir einfach immer im Kopf herum, wenn ich euer Blog lese. ^_^

        Versucht halt euch irgendwie zu vertragen, bis einer auszieht. 😉

  7. Meine Bewunderung, wie fundiert und klar Ihr Eure Einträge formuliert .. und was das „Wegsperren“ angeht ..da kann ich auch nur den Kopf schütteln. Jeder Mensch hat die verschiedensten Seiten in sich – aber von aussen gemocht, geliebt, oder gar akzeptiert werden doch meist nur die gesellschaftlich „tauglichen“, nützlichen, und v.a. angenehmen Seiten. Trotzdem – es gibt Hell nicht ohne Dunkel und umgekehrt, und man kann nicht einfach Teile seiner Selbst oder gar ganze Persönlichkeiten einfach negieren. Die würden sich garantiert wieder melden – das funktioniert nicht. Außerdem haben alle Seiten ihre Daseinsberechtigung, irgendwie .. Da fällt mir jetzt ein älterer Song von Subway to Sally ein .. „Zeig mir deine dunkle Seite, die ist was ich an dir mag ..“ (Sag dem Teufel heisst es glaub ich , bin nicht sicher..)

    Mein Thera hat das seinerzeit mit der Angst ein bisschen anders formuliert. Er schlug mir vor, die Angst genau anzusehen (raus aus dem „Angst vor der Angst-Syndrom“) – und ihr dann einen Platz zuzuweisen. Einen Platz auf den hinteren Rängen. Sie ist da, sie hat sogar Daseinsberechtigung – aber es muß klar sein, daß sie „hinten sitzt“ – dass sie mich nicht dominieren darf .. dies als „Lernziel“ quasi.

    Vor vielen Jahren hatte ich schon einmal versucht, eine Therapie zu machen. Dort bin ich nach einer „Sitzung“ wieder raus. Ich hatte damals extreme Schüchternheitsprobleme, Kontaktprobleme, Depressionen, Ängste etc etc .. und was macht dieser Arzt? Er sitzt da und sagt KEIN einziges Wort. Nichts. Erwartet nur, dass ich rede. Komplettes Schweigen seinerseits. Das war dermaßen frustrierend, dass ich lange gebraucht hab, bis ich mich wieder an einen Psychologen gewandt habe, weil ich einfach mit dem inneren Chaos nicht mehr allein klarkam und meine Umwelt in Mitleidenschaft gezogen wurde v.a. durch meine extrem emotional-aggressiven Ausbrüche. Die Erfahrung dann war zum Glück besser ..

    Hoffentlich findet Ihr einen guten Therapeuten, der keine so absurden Ideen und Vorstellungen hat.

    Liebe Grüße, Ocean

  8. mh…jeder muss seinen Weg gehen. Für uns wäre dies ein falscher…
    es gibt viele Meinungen und Möglichkeiten. Es kommmt darauf an, was für einen wirksam ist. Ich finde es nicht schlimm, dass euch die Thera auch diesen Weg nicht vorenthalten hat.

  9. Gute Entscheidung, auf das eigene Bauchgefühl zu hören.
    In einer Therapie muss alles da sein dürfen. Alle Innenpersonen, alle Innenanteile, alle Gefühle, alle Gedanken. Alles.
    Denn alle und alles ist wichtig und hat das Recht, da zu sein.

  10. Hallo, sei lieb gegrüßt!
    Habe eine große Bitte!!!! Ist wichtig für mich.
    Bitte ändere in deiner Rubrik „Betroffener“ meinen Blognamen auf Mariesofies Blog!

    Und dann lösch bitte den Kommentar davor, kann mir nicht erklären, warum da mein Name steht.
    Ich finde das bei Google, will ich aber nicht.
    Sei so lieb, ja?

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