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Alltag mit DIS #1: Schreib dir deine Termine auf

…und vergiss dabei nicht die Hälfte! …sprach es, seufzte tief und legte die Finger wieder auf die Tastatur…

Wie hier schon an verschiedenen Stellen berichtet, zeichnet sich die dissoziative Identitätsstörung durch amnestische Barrieren zwischen den verschiedenen Anteilen oder Innenpersonen aus. Das heißt Person A ist amnestisch für Person B und weiß folglich nicht immer was B tut. In der Therapie wird versucht diese Barrieren zu überwinden, Kommunikation zwischen den Anteilen möglich zu machen und im Idealfall ein Co-Bewusstsein zu erreichen (das bedeutet Person A kann „zuschauen“, wenn Person B im Außen agiert, eventuell sogar selbst eingreifen).

Ich denke es ist auch für Außenstehende gut nachvollziehbar, dass sich die Organisation des Alltags als ein ganz winzig kleines bisschen schwierig gestaltet, wenn man über große Teile des Geschehens nicht informiert ist. Aufgrund dieses Handicaps entwickeln Multiple häufig eine gewisse Routine in Improvisation, einen reichhaltigen Fundus an Ausreden zu jeder Gelegenheit und peinlich genau geführte Kalender und Notizbücher.

Wir wären ohne unsere heiß geliebten Kalender wahrlich aufgeschmissen. Da wir insgesamt betrachtet allerdings ein tendenziell eher chaotischer Haufen sind, ist das mit dem „peinlich genau geführt“ nicht weit her. Wir geben uns dennoch Mühe so viel Ordnung und Struktur wir möglich in den Alltag zu bringen. Sämtliche Termine werden nach einem vorgegebenen Schema farbcodiert, für die Arbeit werden täglich Aufgabenpläne erstellt, bzw. aktualisiert, erledigte Aufgaben werden nicht nur abgehakt, sondern auch kommentiert. Wir hinterlassen uns gegenseitig kleine Nachrichten an dafür vorgesehenen Orten (z.B. „M., könntest du bitte den grauen Hosenanzug aufbügeln, ich brauche den am Montag.“ oder eine Anfahrtsbeschreibung für einen Termin) und führen Buch über aktuelle persönliche Kontakte, damit man auch im Notfall nachvollziehen kann, wen man in welcher Situation anruft. Mit all diesen Maßnahmen versuchen wir zu kompensieren, dass die Anforderungen des Alltags von verschiedenen Innenpersonen gemeistert werden.

Alles in allem sind wir ein System, dass eine verhältnismäßig gute Kommunikation untereinander hat und begrenzt auch co-bewusst ist. Damit erscheinen wir im Alltag auch nicht auffälliger als jeder andere „zerstreute Professor“.

Das Co-Bewusstsein ist allerdings ein dynamischer und kein stabiler Zustand. Gerade in stressigen Zeiten oder belastenden Situationen verlässt einen dieser äußerst praktische Zustand. Arzttermine gehören zu diesen belastenden Situationen. Da hüpft man lieber tagelang mit einem gebrochenen Fuß durch die Gegend oder redet sich ein, dass die Hörfähigkeit auf dem linken Ohr schon von alleine wiederkommt – immerhin ging sie ja auch von alleine – als sich den manigfaltigen Problemen im Umgang mit sich und der Berufsgruppe des mitteleuropäischen Medizinmanns zu stellen. Es herrscht bei uns noch das Gesetz des Dschungels: Wer es bei einem Arzttermin nicht schafft schnell genug nach Innen zu verschwinden, hat die Arschkarte gezogen und darf die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit oder eine Vaginalsonografie ganz allein genießen. Wir sind nicht immer nett zueinander – aber darin sind wir großzügig!

Ich bin froh, dass es doch eine Handvoll Innenpersonen in unserem System gibt, die sich für die Organisation und Einhaltung von Arztterminen verantwortlich fühlen. Da es sich bei einigen von ihnen um jüngere Anteile unseres Systems handelt, die zwar eifrig (denn den Großen zu helfen macht schon stolz), aber unerfahren und häufig nicht besonders effizient sind, kommt es immer wieder zu kleineren Zwischenfällen. So auch heute wieder geschehen.

Ich fand in unserem Blog einen kleinen, als privat markierten, Beitrag:

29.01. 15:30 Schädel-MRT, Kreatinin-Wert nicht vergessen!

Fein, es hat tatsächlich jemand daran gedacht letztes Jahr noch einen Termin beim Radiologen auszumachen. Das ist gut, denn mir ist das vollkommen entfallen. Einen Kalender für dieses Jahr hatten wir da wahrscheinlich noch nicht. Okay, ein Zettel auf dem Schreibtisch hätte es auch getan, aber ich kann schon verstehen, dass so ein Novum wie der Blog und seine Funktionen zum Herumspielen einlädt. Die Nachricht hat mich immerhin erreicht. Kreatinin-Wert ist auch wichtig, da kann ich gleich einen Termin beim Hausarzt ausmachen. Wunderbar. Ich hab alles, was ich brauche. Moment… nee… stopp mal… wo müssen wir überhaupt hin? Halloohooo!?! Wer hat denn den Termin gemacht und wo habt ihr angerufen?

Ihr kennt die Szenen in schlechten Western, wenn der Protagonist auf der staubigen Straße inmitten einer verlassenen Stadt steht? Grillen zirpen, der Wind bläst einen Steppenläufer vor sich her, ein Kojote heult… so ähnlich habe ich mich gefühlt.

Also gut, ich habe meine Antipathie dem Telefon gegenüber beiseitegeschoben und mich daran gemacht jede Klinik und jede radiologische Praxis im Umkreis anzurufen, um zu fragen, ob ich zufällig dort am 29.01. um 15:30 Uhr einen Termin habe. Ganz murphy-getreu war die vorletzte Praxis auf meiner Liste diejenige welche.

Wir lernen: Vollständige Informationen mach das Leben erheblich einfacher.

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8 Kommentare zu “Alltag mit DIS #1: Schreib dir deine Termine auf

  1. Ich wäre froh, wenn ich ein solches Organisationstalent hätte, aber theoretisch ists ja wie ein Muss für dich, richtig? Ich glaube für richtige Organisation brauch ich eine gewisse Motivation.. 😦 So doof von mir.

  2. Herrje, ich wünschte ja wir hätten etwas mehr Organisationstalent. Das wenige, was wir haben, war nicht leicht zu erarbeiten (und ist das erste, was geht, wenn’s hier wacklig wird). Wir kommen erst richtig in Fahrt, wenn wir sämtliche vorgefertigten Pläne über Bord werfen und improvisieren müssen. Da fühlen wir uns „zu Hause“. Für den Hausgebrauch ist permanenter Notstand allerdings nicht das Wahre :mrgreen:

  3. Und das sind die Momente, wo ich nicht weiss, ob ich lachen oder weinen soll. Situationskomik ja, aber echt anstrengend, belastend – ja wohl auch.

    Und es sind die Momente, wo ich dankbar denke, dass ich derart von glücklich bin, dass der Kelch der vollausgeprägten DIS an mir vorüber gegangen ist.

    Aber zu Thema Termine. Ich neige zu Zettelwirtschaft und ja wie oft, weiss ich noch, dass ich da einen Zettel habe, wo drauf steht, dass man einen Termin bei einem bestimmten Doc hat. Aber wann war der denn bitte nochmal und vor allem WO ist der Zettel. Das kann einen schier in den Wahnsinn treiben. 😀

    • Was das betrifft bin ich ein Fan der modernen Technik. Man hat unglaublich viele Möglichkeiten sich mit Smartphones, Internet, Drahtlosverbindungen usw. zu organisieren. Uns macht es das Leben auf jeden Fall leichter 😀

  4. Wie bekannt uns das vorkommt 😀
    Ohne Kalender und Smartphoneorganisation wären wir vollkommen aufgeschmissen. Selbst mit ist es immer Glück, dass wirklich alles wichtige darin vermerkt wird und auch noch jeder reinschaut 😉

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