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Verarbeitungsphase

Im Moment ist es hier ein wenig stiller.

In den letzten Wochen und Monaten haben wir einiges an Texten und Inhalten generiert und uns damit auch zwangsläufig auseinandergesetzt. Noch achten wir sehr darauf hier im Blog nicht allzu privat zu werden. Nicht zu intim – so paradox das vielleicht auch klingen mag, denn die hier behandelten Themen sind sehr persönlich. Was ich damit aber sagen möchte ist, dass wir, wenn wir hier schreiben, uns in aller Regel bemühen viel emotionalen Abstand zu halten. Ein bisschen Ironie, ein bisschen Sarkasmus, möglichst sachlich bleiben, all das hilft gut kurzfristig die Illusion zu kreieren, dass „das alles“ einen selbst nur marginal tangiert. Wir nähern uns der Thematik rituelle Gewalt, destruktive Familienstrukturen und systematischer Missbrauch wie einem Gedankenexperiment, wobei wir oft verdrängen, wie sehr unser eigenes Leben davon beeinflusst ist. Mit dieser Haltung schreiben wir hier und – durch das Bloggen angeregt – diskutieren wir mit Familie und Freunden (was wir im Übrigen als sehr produktiv wahrnehmen).

Ab und an und momentan verstärkt trifft uns die Erkenntnis, dass das tatsächlich unser Leben ist und was eigentlich alles ge- und zerstört ist, wie ein Faustschlag in die Magengrube. Dann ist es mit sonst gut aufrechterhaltenen Distanz zur eigenen Geschichte vorbei. Dann werden auch die emotionalen Dimensionen dessen, was wir sonst „nur wissen“, deutlich. Wir wissen, dass wir wahrscheinlich nie ein unbeobachtetes Leben führen werden, dann aber fühlen wir wir es auch.

Wir stecken gerade wieder in so einer Verarbeitungsphase. Das passiert in unregelmäßigen Abständen. Wir beschäftigen uns damit, wie es für uns war in unserer Herkunftsfamilie aufzuwachsen, wie sich systematische Folter und mind control auf der einen Seite und die Unberechenbarkeit der häuslichen Gewalt auf der anderen auf uns, unsere Wahrnehmung, unsere Denkstrukturen und unser Verhalten ausgewirkt hat. Wir erleben gerade lange verschüttete oder abgespaltene Emotionen, wenn auch eher in der „dritten oder vierten Reihe“, quasi im Hinterkopf, während man sich vorn versucht stabil zu halten und seinen (im Moment zugegebenermaßen sehr schönen) Alltag so gut es geht zu leben. Auch der Körper reagiert, „macht mit“. Wir erleben Furcht, Wut, Verwirrung und auch einige körperliche Schmerzen, die zu vergangenen Ereignisse gehören, wieder. Einige unserer Verhaltensmuster und verinnerlichten „Mantras“ werden uns deutlich. Wir verstehen ein wenig mehr.

In den stilleren Stunden wird all das noch deutlicher, noch plastischer, noch realer. Viel Schlaf gibt es so gerade nicht. Es ist erschreckend und wahrscheinlich würde ich hier durchdrehen, wenn ich nicht mittlerweile gelernt hätte, dass, bevor wir innerlich vollständig überflutet werden und zu ertrinken drohen, die altbewährten Schutzmechanismen greifen. Dissoziation, dein Fallschirm und dein Rettungsboot.

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13 Kommentare zu “Verarbeitungsphase

  1. Ich drücke dir die Daumen, dass du deine Emotionen gut verarbeitest.. 🙂 Ich muss ehrlich sagen, dass ich manchmal nicht viel von deinen Texten verstehe.. vielleicht hat das mit meinem Alter zu tun, vielleicht aber auch nur, weil ich nicht in deiner Situation bin.
    Ich lese absolut gern deinen Blog und versuche zu verstehen 🙂 Ich danke dir für deine Texte, auch wenn ich manches davon nicht verstehe ♥

    • Danke, dass du trotzdem liest 🙂

      Du kannst im übrigen auch immer nachfragen, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich es auch immer schaffe mich genügend verständlich auszudrücken.

  2. Du hast sehr gut beschrieben, was mir beim Lesen Deines Blogges so ab und an durch den Kopf geistert. Das „distanzierte“ Schreiben, welches es wahrscheinlich überhaupt erst möglich macht, diese Dinge aufzuschreiben. Das das viel antict ist klar. Das kostet sicherlich viel Kraft, auch wenn es sich weiter hinten abspielt.

    Ich finde es gut und wichtig, dass Du Menschen hast, mit denen Du darüber reden kannst. Ich glaube, dass reden da das einzigste ist, was helfen kann mit den nachschwappenden Emotionen umzugehen.

    Wünsche Dir, dass die Verarbeitungsphase positiv wirkt.

    • Ja, ich versuche mich schon recht stark zu distanzieren, weil ich merke, dass es mir sehr hilft überhaupt so etwas wie eine Verarbeitungsphase einzuläuten. Ich versuche diese Distanz nicht in Verdrängung ausarten zu lassen und sie entsprechend konstruktiv zu nutzen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb (?) bin ich meist erschreckt, wenn der emotionale Tsunami über mich hinüberrollt.

  3. Der Abstand zu mir selbst und meinen Gefühlen, ähnlich wie Du es beschreibst, hilft mir auch manchmal über das Geschehene zu reflektieren und es überhaupt erst bewusst zu werden. Ich hoffe sehr, dass Dir das Bloggen hilft.
    Liebe Grüße

    • Ja, genau so erlebe ich es auch. Ich kann erst verarbeiten, wenn ich vorher versucht habe zu reflektieren. Reflektieren kann ich nur, wenn ich eine gewisse emotionale Distanz wahre. Das Bloggen hilft mir da tatsächlich sehr.

  4. Eure harte Distanz beim Schreiben bekommen natürlich viele von uns mit. Ich bin sehr erstaunt und auch voller Respekt, wenn ich euch hierbei ein wenig beim Überleben betrachte. Ich stellte mir immer vor, dass Menschen, die so etwas erlebt haben – und das all die Jahre und so tiefgreifend, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie eure Wahrnehmung von der Welt sein muss – eigentlich viel „zerstörter“ sein müssten. Das seid ihr aber nicht. Ich sehe wertvolle, intelligente, aufklärende, kämpferische, akzeptierende aber auch zweifelnde, hadernde, ängstliche und vor allem ehrliche Zeilen, die mir von eurem Lebenswillen erzählen.

    Danke, dass ihr das mit uns teilt. Ich kann das nicht oft genug wiederholen. Wenn auch nur ein aufmerksamer Leser dadurch sensibilisiert wird und ein Auge auf eine zufällige Betroffene oder einen zufälligen Betroffenen wirft, dann ist das sehr viel wert. Ihr rüstet uns mit Werkzeug aus und befreit uns vor Ignoranz, indem ihr namenlose Themen und Schrecken kommunizierbar macht. Danke.

    Diese Phasen sind sicherlich wichtig. Ich stelle mir gerade vor, wie ihr gemeinsam einen schönen bunten Teppich mit vielen Anteilen zusammenflickt … Die Stiche tun weh, aber sie werden letztendlich zur Ruhe führen. Das wünsche ich euch von Herzen.

    • Ganz ehrlich, es tut schon sehr gut zu lesen, dass das, was wir schreiben von einigen Menschen als hilfreich betrachtet wird.

      Wir fragen uns auch manchmal, warum wir nicht „kaputter“ sind… aber das geschieht in aller Regel immer dann, wenn wir von außen das Gefühl vermittelt bekommen, wir müssen ein schlechtes Gewissen haben, weil wir einige Klischees nicht erfüllen, kein „ordentliches Opfer“ sind, was einigen Menschen den Umgang mit uns erschwert. Es ist wahrscheinlich leichter wenn man sich so verhält, wie das vorgefertigte Bild von einem, ich denke das verunsichert weniger.

  5. Als ich mir den Film „Alles was wir geben mussten“ ansah, musste ich an euch denken, um eine leise Ahnung davon zu bekommen, wie furchtbar es ist, wenn man Menschen so etwas antut.

  6. das gefühl, diese distanz herstellen zu müssen, kenne ich vom eigenen schreibprozess her, als nicht von DIS betroffene, sehr gut. ich glaube, das ist eine art „ganz normaler schutzmechanismus“ – eigentlich. nur ist es bei euch eben immer vielschichtiger und damit auch viel schwerer. und sehr not-wendig.
    obwohl nicht persönlich betroffen, kann ich mir, durch eure texte, das ganze thema je länger je besser vorstellen. wohl zwar nicht das, was war, eher das, wie ihr jetzt damit umzugehen wagt.
    und doch, eigentlich weiss ich es nicht wirklich. ich stelle es mir nur vor.
    danke für eure offenheit und den mut, über dieses heikle thema zu schreiben.
    herzlich, soso

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