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Keine Drogen sind auch keine Lösung

Frei nach diesem Motto stapften wir also zu unserem örtlichen Dealer, ließen das Krankenkassenkärtchen einlesen und nahmen im Wartezimmer platz.

Das alte Thema mal wieder: Medikamente (Ja oder nein? Wenn ja, dann welche?), bei uns Drogen genannt. Ich für meinen Teil halte eine begriffliche Unterscheidung, nur weil die eine Substanz teuer über Pharmariesen vertickt wird und die andere durch Trips in das ein oder andere europäische Nachbarland (oder einschlägige Straßenecken der eigenen Ortschaft) besorgt wird, für irrelevant. Droge bleibt Droge. Eine Substanz mit psychoaktiver Wirkung. Kaffee ist eine Droge, Alkohol ist eine Droge, Cannabis ist eine Droge und das ärztlich verordnete Opioidanalgetikum ist auch eine Droge.

Mensch und Droge sind eine untrennbare Einheit. Es gibt kaum eine Gesellschaft, ein Naturvolk, eine Subkultur, die nicht den Gebrauch ihrer bevorzugten Drogen pflegt. Nehm’ ich meinem Männe den Kaffee weg, war’s das mit häuslichem Frieden, klau ich den Studis aus der WG im Haus gegenüber ihre Hanfprodukte… nein, daran wollen wir nicht denken, das wäre dann doch zu grausam.

Drogen sind ein Bestandteil unseres Lebens, seit wir denken können. Seien es die Valium-Tropfen, die wir als Kind in den Fencheltee geträufelt bekamen, damit wir etwas gefügiger wurden (noch heute mögen wir diesen bitter-süßen Geschmack… waren wohl gut auf die direkt folgende Ruhe konditioniert), wenn der Onkel Günter mit Kamera und zwei Kumpels kam. Die Halluzinogene, die während diverser Rituale innerhalb der RiGaG konsumiert wurden oder so wunderbar die Methoden der Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle unterstützten. Drogen waren es, die uns unendliche Qualen bescherten, die uns das Feuer der Hölle physisch haben spüren lassen und es waren Drogen, die uns Momente der inneren Ruhe, Angst- und Schmerzfreiheit schenkten. Eine Belohnung, die wir uns mit harter Arbeit verdienen konnten und die für uns einen hohen Wert hatte. Selbst wenn ich eine Schublade voll mit Benozodiazepinen, Opiaten, Brabituraten und anderen Narkotika hätte, genug um eine Elefantenherde ins Land der Träume zu schicken – wir würden diese Drogen niemals nehmen, um uns umzubringen. Es käme uns vor wie ein Sakrileg. Wir sind nie ein Kandidat für den goldenen Schuss gewesen, egal wie suizidal wir waren. Es mag schräg klingen, aber wir haben da ganz bestimmte Vorstellungen, selbst im Affekt – Drogen sind heilig und werden nicht missbraucht.

In der von Schulezeit und den  anderen “normalen” Aktivitäten dieser Phasen (wir sind heute noch jeden Tag dankbar, für diese Stunden der Flucht und dem, was wir so von anderen, “halbwegs normalen” oder nur “milde gestörten” Gleichaltrigen gelernt haben) geprägten  Jugend… *räusper* haben wir natürlich nur gehäkelt und gebetet… ganz bestimmt!!! …und manchmal vielleicht gesungen…

Irgendwann landeten auch wir im sozialpsychiatrischen Mühlwerk und da kommt man ohne (teils erzwungene) Einnahme diverser Psychopharmaka nicht davon. Auch wir hatten diese “Hilfe” offensichtlich dringend nötig, also wurd’ geschmissen was geschmissen werden konnte. Einige der übelsten Trips in unserem Leben haben wir kassenbezahlt in der Psychiatrie ausgesessen, von Ärzten als erfolgreich eingestellt abgehakt, wir lagen ja ruhig im Bett und keiner vom Personal wurde gezwungen sich mit dieser Frau zu befassen. Erfolg. Dass wir innerlich vor psychotisch-halluzinatorischem Erleben, der daraus resultierender Panik und körperlichen Schmerzen geschrien haben, uns aber keine Lautäußerung mehr gelang und wir kaum stehen konnten, war nicht relevant (ach Katatonie in Form von Stupor und Mutismus, du Segen aller polyklinikausgebildeten Schwestern und überforderten Assistenzärzte). Auf unseren äußeren Zustand wurde man aufmerksam, weil wir in der Visite das Gleichgewicht verloren und vom Stuhl rutschten. Reaktion: Strafmaßnahme.

Ja, das System gehört gründlich überarbeitet. Nein, nicht jede Psychiatrie und ihre Angestellten schiebt heute noch die “Kuckucksnest-Nummer”.

Heute sind wir weniger autoritätshörig.

Gerade dieses führte zu einem kürzlich (aber seit Jahren theatralisch angekündigten) Dealer-… Verzeihung, FACHarztwechsel. Unsere Ärztin war hilfreich in den ersten zwei Jahren, die wir bei ihr waren, weil sie sich Zeit nahm, uns für voll nahm und uns die Kompetenz zusprach, die wir tatsächlich hatten. Wir betrachteten die Sache nüchtern (mal wieder, aber diesmal  mit der Möglichkeit die Implikationenen nicht zu verdrängen), denn in den letzten 4 Jahren hatten wir pro Jahr exakt einen Termin mit ihr und einer davon betraf eine andere Erkrankung, die ich aufgrund der Größe der Praxis dort abklären konnte, ja und einen anderen Termin bekam ich nur durch ein geschicktes Täuschungsmanöver.

Es geht mir seit geraumer Zeit mit meinen Depressionen nicht besonders gut. Ich spüre es besonders am Antrieb, denn ich brauche eeeeewig für jede noch so kleine Aufgabe, wenn ich es überhaupt geschafft habe, aus meiner “Starre” zu erwachen. Ich skille mir den Arsch ab, Struktur ist vorhanden und genügend freie Räume, damit ich mich nicht beginne selbst weiter unter Druck zu setzen und alles in einer Rauchwolke hochgeht.

Also: Drogen

Nach dem ermogelten Termin (und dem Hinweis der neuen Sprechstundenhilfe, ich solle doch einfach neue Termine machen, wenn ich da bin, meinem freundlichen Nicken und beim Verlassen der Praxis lächelndes Kopfschütteln über so viel Naivität) wurde das Thema antidepressive Drogen angesprochen, ebenso wie andere aktuelle Probleme, die ich in ihr Fachgebiet fallen sah, so z.B. die gute Wirkung des Pregabalin, meiner Unfähigkeit seit Mitte 2012 zu schlafen (wenn, dann gelegentlich 1 1/2 Std. in 20 min. Rhythmen) und dem immer größer werdenden Problem der Antriebslosigkeit seit einer unabgesprochenen Medikationsänderung. Wir sagten, dass wir mittlerweile nicht mehr kompensieren können und dass sich auf unsere Arbeit, sei es außen, innen, oder Lebensbewältigung, wozu wir auch Therapeutensuche und soziale Kontakte zählen, massiv auswirkt.

Wir bekamen ein Agomelatin-haltiges Präparat und die Instruktion es mindestens 2 Monate zu nehmen. Wir sind brav, taten wie uns gesagt.

Einen neuen Termin bekamen wir – andere Sprechstundenhilfe, wir <sarcasm>mögen sie</sarcasm>, sie wird hier nur der Drache genannt und ich bin so froh unabhängige Zeugen zu dem ein oder anderen Termin bei mir gehabt zu haben – für einen Zeitraum nach 5 Monaten, früher wäre da nichts zu machen (Leute, diese Praxis ist nicht überlaufen, ich war schon so oft dort, mit 3 Patienten, 5 Ärzten und 6 Arzthelferinnen/-azubinen, die schwatzten und Kaffee tranken). Milder Schock, eher Fassungslosigkeit. Ich fragte sie, wie lange ich bei dieser Betreuungsdichte wohl das richtige Medikament finde. Nun, das sei wohl nicht ihr Problem. Ich fragte höflich, ob es denn möglich wäre wie früher Frau Dr. Schadewars, meine Fachärztin donnerstags, so wie sie es mir immer zusagte, kurz abpassen zu können. Nein, das ginge nicht, Frau Dr. Schadewars sei donnerstags nie in der Praxis und wäre es auch nie gewesen, so lange die Praxis existierte. Ich wusste ausnahmsweise mal genau, dass das nicht stimmte, weil ich mir die Zeiten, zu denen ich Frau Dr. erreichen konnte jedes Jahr neu in meinen Kalender schreibe. Ich konfrontierte den Drachen damit, dass das nicht sein könne, ich hätte 6 Jahre lang immer donnerstagsTermine gehabt. Der Drache schmetterte mir doch gar entgegen, dass das nie im Leben sein könne und dass sie es ja wohl besser wissen müsse als ich, schließlich arbeite sie dort und ich wäre eine psychisch gestörte Patientin, deren Verlässlichkeit in solchen Dingen bestimmt nicht die beste sei.

Ich hätts selbst nicht geglaubt, wenn Männe nicht hinter mir gestanden hätte.

Ich ging, nahm Kontakt mit der ausgelagerten Privatpraxis auf, wurde – auch als Kassenpatient – freundlich behandelt, bekam die Daten, wann ich Frau Dr. erreichen könne und tat etwas, was ich seit Jahren hätte tun sollen (abgesehen davon, das das Agomelatin die gleiche Wirkung wie Smarties hat und ich recherchieren musste um die nächste Droge, die ich dann ausprobieren würde, “auszuwählen”, Frau Dr. scheint dazu nicht in er Lage), ich setzte mich hin und verfasste sämtliche aktuellen Probleme stichpunktartig, ebenfalls einen Brief an Frau Dr. Schadewars, den ich ihr dort lassen wollte und die Bitte das von mir ausgesuchte Medikament, Verzeihung, Droge zu verschreiben.

Da die Praxis eh leer war, nahm sie sich also Zeit (darauf war ich nicht vorbeireitet, aber improvisieren ist keine meiner Schwächen), ich trug ihr meine Anliegen vor, dankte ihr für ihre kompetente Hilfe zu beginn der Zusammenarbeit, munierte – wie schon so oft, die Einstellung einiger Mitarbeiter, würdigte aber auch, dass es dort massive Veränderungen gegeben hat. Ich teilte ihr mit, dass ich nicht bereit bin mich von Mitgliedern ihres Personals anlügen zu lassen (ich brauchte keine Namen nenne, sie wusste, wen ich meine), als retardiert darstellen zu lassen und dass es nicht sein kann, dass ich quasi betrügen muss, um einen zeitnahen Termin zu bekommen.

Sie zuckte mit den Achseln und damit war das Thema für sie und nun auch für mich erledigt. Als ich ihr dann noch erklären musste, dass sie mich auch in andere Krankenhäuser einweisen kann, nicht nur das eine “um die Ecke”… blieb ich ruhig und verkniff es mir ihr einige einschlägige Literatur, z.B. das SGB o.ä. zu leihen.

Aaaaber

Dank Dr. Crumbiegel und einigen seiner Verweise bin ich bei einer Fachärztin gelandet, deren umfassende Kompetenz mich etwas schockiert hat, die sich sowohl in der Behandlung chronischer Schmerzen, sowie der Behandlung von Depressionen, Traumafolgeerscheinungen und der Differentialdiagnostik zwischen DIS und Schizophrenie auskennt – und es ihrerseits zu würdigen wusste, dass ich einem armen kleinen Assistenzarzt, der nachts um zwei Bereitschaft in der Notaufnahme schieben muss, bei der ehrlichen Beschreibung meiner Symptome in einer Krisenphase viel leichter zum Schluss: halluzinatorische Psychose kommen muss, als zu etwas anderem (der arme Assi hat genug zu tun als sich noch mit Psychopathologie zu befassen, der soll lieber ne Mütze voll Schlaf nehmen)

Frau Dr. Nachtigall (Ja, die Kreativität geht uns flöten) ist in jedem Fall eine Fachärztin, an die wir uns jederzeit wenden können. Entweder ist sie selbst erreichbar oder jemand anderes in dieser überdimesionierten und herrlich chaotischen Praxis. Als ich mit meinem doch recht langen Gespräch mit Frau Dr. fertig war, war es später Freitag Nachmittag, das Haus war fast leergefegt und das benötigte Rezept konnte nicht so einfach ausgestellt werden. Ich wurde aber nicht einfach nach Hause geschickt. Eine Sprechstundenhilfe, die schon mit Sack und Pack Richtung Aufzug verschwinden wollte, sah Männe und mich etwas verzweifelt in der Lobby stehen, fragte nach unsere Begehr und antwortete: “Ich kann sie ja so nicht nach Hause gehen lassen, warten sie, ich helfe ihnen.”

Angeblich sah ich aus, als hätte mir jemand in die Magengube getreten – nur eben… umgekehrt. (Männe konnte nicht anders, als dieses zu kommentieren, er hat mich schon so oft niedergeschlagen erlebt)

Es wurden Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit ich ein Rezept bekomme (und ich bin mir sicher, dass Apotheker extra Kurse in Arztschriftentziffern belegen müssen) und versorgt nach Hause gehen kann.

Ich lass mir nun eben helfen mit Pregabalin, hochdosiert, Bupropion, maximale Dosis, Zopiclon um wenigens ab und an mal zu schlafen und Duloxetin im Einschleichen… weitere Experimente werden anstehen.

Drogen sind keine Lösungen, sie sind Krücken… aber keine Drogen sind auch keine Lösung. Ich geh lieber eine Zeitlang oder von mir aus auch so lang ich lebe an Krücken als im Dreck liegenzubleiben und langsam zu verrotten

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6 Kommentare zu “Keine Drogen sind auch keine Lösung

  1. Die Namensgebung für eure Ärzte find ich ja einfach mal genial *grins*
    Es ist schwer, einen guten „Dealer“ oder wie auch immer man es nennen mag zu finden – wir haben hier zur Zeit auch das Problem und überlegen ernsthaft, uns jemand anderen zu suchen.
    Wir hoffen, dass euch das Zeugs jetzt etwas unterstützen kann.

    • Die Suche nach einem anderen Dealer war langwierig und äußerst frustrierend. Diese gute Frau Nachtigall fiel mir ja mehr oder weniger in den Schoß, als ich eigentlich auf Therapeutensuche war.

  2. Ich glaube, wir teilen dieselbe Art Humor. 😄 Unser Dealern ist leider bei seinen Medikamenten Auswahlrecht beschränkt. Sie hat ihre Lieblings Medikamente-Drogen, die sie immer wieder verschreibt, auch wenn diese nicht helfen oder nicht das bewirken, was sie sollen dasselbe die Nebenwirkungen aktiv sind. Auch ich werde mich auf die Suche nach einem neuen Dealer machen. Es wäre schön, wenn dieser Dealer Ahnung von DIS hätte, vonTrauma und den Folgen und ein bisschen mehr in petto hätte als Seroquel oder Trimipramin… für mich sind Strom auch nur eine Krücke. Mit geht es nicht ohne geht es nicht, aber besser Krücken, als im Matsch liegen. Das Ding ist, dafür nehme ich auch in Kauf, von Z. B. Zopiclon abhängig zu werden, wenn ich dafür solange es nötig ist wenigstens etwas Schlaf bekommen, der auch erholsam ist. Jens Vogel ist nicht schwer. Die Erfahrung hab ich schon gemacht. Ergibt es Medikamente die wesentlich härter sind, wenn man sie entzieht…

    • Immer wieder schön jemanden zu treffen, der unseren Humor zu würdigen weiß :mrgreen:

      Ja, das „gute Zeug“ ist meist das, was aufgrund seines Abhängigkeitspotentials ungern und wenn, dann auch nur sehr gezielt verschrieben wird.
      Meiner Meinung nach ist die DIS selber nichts, was medikamentös sinnvoll beeinflusst werden kann. Wir jedenfalls leiden nicht darunter. Die Forschung dazu, wie akute Belastungsstörung und posttraumatische Belastungsstörung medikamentös beeinflusst werden kann, steckt noch in den Kinderschuhen. Außer dem Einsatz von Beta-Blockern wüsste ich auch keine traumaspezifisch angewendeten Medikamente.

      Es ist einfach gut, wenn Ärzte sich genügend Zeit nehmen können auf dem Laufenden zu bleiben und vor allem, wenn sie die nötige Umsicht zeigen um abzuwägen, was für den Patienten hilfreicher ist: ein potentiell abhängig machendes Medikament eventuell über einen längeren Zeitraum zu verabreichen und einen möglichen Entzug zu riskieren, oder den Patienten seinen Leiden zu überlassen und eventuell eine Chronifizierung eines Symptoms zu riskieren oder den Patienten zu verlieren, weil er Panik und Schlaflosigkeit nicht mehr aushalten konnte und die ICE-Trasse in Laufweite lag.

      Genau das scheint so eine Art Glaubensfrage zu sein, die jeder Arzt für sich beantworten muss.

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