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„Wollt ihr irgewann mal eins werden?“

„Wollt ihr irgewann mal eins werden?“ – Integration, Fusion, Volksunion, Kontemplation, Resignation?

Vor über einem Jahr (an dieser Stelle: bitte verzeih mir, dass es sooo lange gedauert hat) stelle Sherry eine Frage, die glaube ich auch jede(n) Multiple(n) früher oder später beschäftigt:

Hättet ihr denn gerne nur eine einzige Persönlichkeit? Oder könnt ihr euch die Beschränktheit der Normalos gar nicht mehr vorstellen?

Auch wenn hier wir darauf schon ein wenig ausführlicher geantwortet hatten, wollen wir das Thema erneut aufgreifen.

Ob die Fusion der Persönlichkeitsanteile, bzw. Innenpersonen, angestrebt werden soll wird für viele Multiple zur Gretchenfrage. Für die meisten Therapeuten ist die Verschmelzung eines multiplen Systems zu einer einzigen Persönlichkeit, also die Fusion (oft auch „Integration“ genannt, allerdings halte ich diese Bezeichnung für zu unpräzise, da eine Integration des Erlebens, des Wahrnehmens und Fühlens, sowie der erlittenen Traumata auch ohne eine Verschmelzung aller Identitäten eines Systems erreicht werden kann) das primäre Therapieziel. Viele Multiple haben das Gefühl, dass eine Entscheidung für eine Fusion ihr bisheriges Selbstverständnis in Frage stellt, selbst wenn der Wunsch nach „Normalität“ und einem einzigen Gesamt-Ich vorhanden ist so ist doch auch die Angst dia, dass mit einer Integration Eigenschaften, Wesenszüge oder Fähigkeiten bestimmter Innenpersonen verlorengehen, diese regelrecht “sterben”.

Das Thema Fusion eines multiplen Systems wirft eine ganze Reihe Fragen auf, die meiner Meinung nach auch geklärt werden müssen, und stellt sowohl den Therapeuten, als auch den Patienten vor immer wieder neue Probleme stellen.

Was geschieht mit den einzelnen Anteilen während und nach einer Fusion?

Diese Frage können am Besten Systeme beantworten, die bereits erfolgreich das gesamte System oder Teile davon fusioniert haben. An dieser Stelle kann und darf ich etwas aus dem Nähkästchen plaudern. Wir sind etwas, was wir selbst als „spaltungsfreudiges System“ bezeichnen. Unter Druck, was alleine neue, ungewohnte Anforderungen sein können bis hin zu überwältigenden Erlebnissen, neigen wir dazu weitere Fragmente oder ganze Innenpersonen abzuspalten. Dieses Prozedere ist nicht immer dysfunktional, immerhin haben wir so über Jahrzehnte eine recht erfolgreiche akademische Laufbahn und sehr gute Leistungen im Job erzielt. Es ist nur furchtbar anstrengend. Auch ist es kaum einem „normalen“ einzelnen Menschen verständlich zu machen, wie anstrengend die pure Existenz, schon gar das Funktionieren ist.

Unser System ist verhältnismäßig groß (was sich höchstens in der Organisation auswirkt, man geht andere Wege. Schwerer scheint es definitiv nicht zu sein. Systeme, die ich kennengelernt habe und die „nur“ ca. 5 Innenpersonen hatte, hatten es für meine Begriffe deutlich schwerer Struktur ins System zu bringen) und so kommt es, dass nicht eine „Host“ oder Gastgeberpersönlichkeit oder eine ANP (ich muss das Buch „Das verfolgte Selbst“ von van der Hart, Nijenhuis und Steele noch fertiglesen, bevor ich da zu tief und zu falsch in die Materie einsteige – übrigens nicht schlecht was ich bisher las) die Situationen des Alltags meisterst, sondern eine ganze Gruppe Innenpersonen. Mittlerweile sind wir sogar in der glücklichen Position fast alle von uns zu kennen und in diversen Formen miteinander zu kommunizieren. Wir haben es gelernt uns aneinander anzupassen, Wechsel möglichst fließend zu gestalten, so, dass wir nicht auffällig sind. Bei geschulten Therapeuten oder dem besten Nicht-Ehemann von allen hilft das oft wenig (gerade was Therapeuten betrifft, da fuchst es uns schon, wenn da jemand JEDEN erkannt hat, der auch nur ein halbes Wort beigesteuert hat… und es freut zur gleichen Zeit 😉 . Andere Menschen erkennen nur radikalere Wechsel, die nicht den Alltag betreffen und selten beabsichtigt sind.)

Wie üblich: laaange Vorrede.

Nun zu dem, was ich eigentlich berichten wollte. Nein, es ist nicht so, dass unser gesamtes System zu einer einzelnen Person verschmolzen ist (sonst hätte der Blog auch einen anderen Namen), aber wir hatten einen Vorgeschmack darauf, wie es sich wohl anfühlen könnte, wenn wenigstens einzelne Gruppen von uns verschmelzen.

Ohne unser aktive Zutun, ohne Therapeuten, Kliniken oder andere professionelle Helfer, passierte es vor ca. 1 1/2 Jahren dass die etwa 20 Innenpersonen, die derzeit das Alltagsteam (so bezeichnen wir es) ausmachen langsam aber stetig zusammenwuchsen. Anfänglich wurde es erst gar nicht bemerkt. Der beste Nicht-Ehemann von allen war der erste, der die Veränderung bemerkte. Immerhin hatte er täglich mit diesen Innenpersonen zu tun.

Wir sprachen über seine Beobachtungen, beobachteten uns selber, fühlten nach usw. und stellten fest, dass aus diesen 20 Innenpersonen im Laufe einige Wochen eine Einzige geworden war. Es war nicht so, dass irgendjemand oder irgendetwas verloren ging, im Gegenteil. Als Gesamtheit haben wir einiges gewonnen, hauptsächlich mehr Energie oder Kraft oder wie immer man es nennen möchte. Ich schreibe jetzt von mir als Beispiel für das Empfinden dieser einzelnen Person und das empfinden der Innenperson, die lediglich einen Teil des Alltagsteams darstellte. Ich war ja eine von ihnen.

Ich weiß, ich kann nur von uns reden.

Nichts ging verloren. Kein wissen, keine Persönlichkeitseigenschaften, keine Fertigkeiten. Das hat uns sehr viele Ängste genommen.

Vorher, als Team, als Gruppe von Leuten, wenn wir dann jemanden benötigten, der ordentlich Pigmente zusammenmischen konnte, dir rückwärts den Pschyrembel (253. Auflage) herunterbeten konnte oder der in der Lage war ein Essen zuzubereiten, das tatsächlich genießbar war… ja dann wartete man, versuchte die Person zu kontaktieren und hoffte, dass die Situation (z.B. Küche, Kochtöpfe oder ein breit grinsender Professor in seinem winzigen Konferenzraum, aka Büro) genügend „Trigger“ für die passenden Innenperson sei.

Nun war es so, dass die Anforderungen die gleichen waren, nur waren all diese sonst beteiligten Innenpersonen ein einziges „Ich“. Da ich nun mal eine dieser ca. 20 war, mitverschmolz, war das ein neues und regelrecht aufregendes Gefühl. Ich wusste auf einmal all die Dinge, die Reiner* weiß, ich konnte, was Katja tat, war so launisch wie Dunja und so liebenswürdig, gerade zu fremden, wie Helene. Natürlich nicht alles auf einmal, oder können sie Balken zurecht sägen, während sie das Mittagessen kochen und einen Plausch mit einer älteren Dame auf der Straße führen? Im Grunde hatte sich wenig verändert. das „Ich“ funktionierte ein wenig reibungsloser – und auch hier waren Abstriche zu machen. Wir sind doch alle nur Menschen. Es war aber nicht die Funktionalität, vor allem war es die Energie und Kraft die diesem neuen Individuum zur Verfügung stand. Niemand ging verloren. Reiner war genauso das „Ich“, wie ich, Helene, Dunja, Katja und all die anderen. Als gemeinsames Ich hatten wir mehr Energie für uns zur Verfügung als jeder Einzelne vorher alleine

Leider hielt dieser Zustand nur einige Wochen und wir zerfielen wieder in unsere Einzelteile. Das machte nichts. Es war eine wundervolle Erfahrung und auch wenn die Gesamtheit unseres Systems eine vollständige Fusion weder für möglich noch für sinnvoll hält, so steht es doch jedem frei mit anderen danach zu streben.

Hat die Fusion einen Einfluss auf eventuelle komorbide Störungen?

Die Zeit war sehr kurz und die neuen Erfahrungen überwogen. Ich bezweifle, dass eine Fusion Einfluss auf andere Persönlichkeitsstörungen hat. Aus Erfahrungsberichten anderer weiß ich, dass sich die Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung, bzw. der sog. Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung nicht verbessert haben und die eigentliche therapeutische Arbeit er nach der Fusion hätte beginnen sollen. Die Patienten kennen neben der Dissoziation wenig andere Strategien um mit den Belastungen im Leben fertig zu werden. Der „Fusions-Boom“ in den USA in den späten 80ern und 90ern hat seine Spuren hinterlassen. Als fusioniert und damit geheilt entlassene Patientinnen, leben eine Weile ihr Leben, aber bei der nächsten Krise zerbrach die Gesamtpersönlichkeit wieder, teilweise sogar in weitaus mehr Fragmente, als ursprünglich da gewesen waren.

Ich glaube nicht, dass es viele komorbide Störungen gibt, auf die eine Fusion Einfluss hat. Depressionen vielleicht? Das ist aber nur meine Vermutung, weil ich während der Zeit der Fusion, mit nur einem winzigen Teil meines Systems deutlich weniger Erschöpfung wahrgenommen habe und das Leben mir auch etwas „bunter und farbenprächtiger“ erschien, weil ich es gleichzeitig durch „andere“ Augen sehen konnte.

Was verändert sich für den Patienten, wenn er fusioniert hat?

Vieles habe ich oben erläutert. Es ist natürlich nur meine eigene Erfahrung und ich brenne darauf auch mit anderen Multiplen zu sprechen oder anderweitig direkt zu kommunizieren, die ähnliches erlebt haben oder vielleicht sogar ganz fusioniert haben.

Laut meiner Erfahrung wird sich wenig ändern, was die Barrieren im Kopf verschwinden lässt, aber auch dazu führt, dass man sich mit vielem, was einem vorher nicht bewusst war auseinandersetzen darf oder muss (Emotionen, (Körper)Empfindungen, Kognitionen die einander widersprechen, unterschiedliche Selbst- und Weltbilder, usw.) und das sind ganz neue – und wichtige – Herausforderungen

Wie kann ich eine Fusion erreichen?

Therapeuten hier mit Ahnung? Bitte vortreten!

Ich habe im Laufe der Jahre schon viele Therapeuten und solche, die es gerne wären, kennengelernt und jeder hatte da so seine eigenen Techniken eine zersplitterte Persönlichkeit wie die meine zusammenzufügen. Da waren die Geistlichen, die zu ihrem Gott beteten. Als das nichts half, so schickte man mich zu den Charismatikern (heidenei, das gab Beulen) und betete in Zungen (oder das, was der unaufmerksame Bibelstudent dafür hält… Grundgütiger, studiert wenigstens die Texte, auf die ihr euch beruft *seufz* ), auch ein Katholik, jung an Jahren, war schnell dabei seinen wahrscheinlich ersten Exorzismus durchzuführen. Er las in der Bibel von den Dämonen und war (wie die meisten anderen fundamentalistischen Christen, die eine gute Beobachtungsgabe besitzen) überzeugt, ich trage den Dämon Legion (wer’s wissen will: Markus 5 Vers 9 aus der Elberfelder Bibel, findet sich auch in Lukas 8 Vers 30 – übrigens die erste mir bekannte schriftliche Erwähnung des Phänomens der multiplen Persönlichkeit) in mir. Schweine waren wohl gerade nicht zur stelle, aber der gute Mann schritt zur Tat. Es schien wohl nicht in gewünschtem Maße zu helfen. So tut der gute Christ, was der gute Christ tut – er schickt seine gleichaltrige Tochter zu mir um mir mitzuteilen, dass ich „okkult vorbelastet“ sei (wäre ich’s nicht vorher gewesen, nach den 7 Jahren war ich’s bestimmt) und ich solle mich „bebeten“ lassen oder besser doch den Kontakt abbrechen. Das Mädchen tat mir unendlich leid.

Das sind weder Witze noch Übertreibungen um einen Blog interessanter zu gestalten. Das war meine (frühe) Jugend.

Im jungen Erwachsenenalter begegnete ich dann den anprobierten Quacksalbern ihrer Zeit, Psychiater, Neurologen, Psychologen. Ich hatte dort auch Glück und all das habe ich einer lieben Freundin und Mentorin zu verdanken, ohne die ich damals die richtige Therapeutin nie gefunden hätte. Die war echt in Ordnung.

Aber wieder zurück zu der Frage, wie mache ich aus so einem gestörten Etwas eine Person, die den Normen der Gesellschaft entspricht. Jedenfalls war das in aller Regel der Tenor. Wie es mir und uns dabei ging wurde nicht einmal gefragt. Wir waren nicht normal, damit krank und das müsse geändert werden (lest doch bei Interesse einfach mal einen Artikel aus dem Blog „vieleineinerhülle“). Es gab da die abenteuerlichsten Herangehensweisen. Hypnose, bestimmte Mantras, das simple durchlaufen einer Psychoanalyse und ein Verhaltenstherapeut war der Meinung (oder hoffte), dass ich ihm nur alles schlimme, was mir je widerfahren sei erzählen müsse, und dann hätten wir die Fusion automatisch nach allerspätestens 2 Monaten. Ja. Is klar, ne.

Ist eine Fusion, all das betrachtet, dann überhaupt sinnvoll?

Hey, Ich hätte gerne etwas mehr Fusion. Wenigstens in Teilen und natürlich auch nur mit und für die, die es auch wollen. Für uns war es eine positive Erfahrung. Ich würde mich gerne wieder so „stark“ fühlen, nicht immer chronisch müde und antriebslos. Vielleicht könnte eine Fusion mit einigen Gleichgesinnten helfen.

Ich glaube auch, dass eine erzwungene Fusion nie gut für Körper und Seele ist. Wenn die Seele bereit ist, wird es automatisch passieren – ohne Schaden anzurichten. So ist es meine aktuelle Meinung. Ich lese, ich erfahre, ich lerne und so ist auch meine Sicht auf dieses Thema bis zu einem gewissen Grad (da wo er sich noch mit den Menschenrechten vereinbaren lässt) dynamisch

*Ihr kennt mich, ich verändere auch Namen von Innenpersonen 😉

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9 Kommentare zu “„Wollt ihr irgewann mal eins werden?“

  1. Es entspricht voll und ganz unserer Erfahrung, dass eine therapeutisch aufgezwängte Fusion sinnlos ist. Bei uns zerbrach sie bereits nach wenigen Tagen wieder. Es hat sich falsch und komisch angefühlt, irgendwie leer und einsam.
    Ganz anders verhält es sich mich der Erfahrung die wir derzeit innerhalb einer Gruppe von überwiegend Alltagspersönlichkeitsanteilen machen. Da ist es genau das was du hier so sehr gut beschrieben hast. Es ist ein sich näher kommen, zusammenrücken. An manchen Tagen erscheint es mir dann ganz komisch, wenn meine Therapeutin dann nach der Meinung der anderen fragt. Sie erscheinen ja nicht als getrennt von dem was gerade da ist.
    Dieses Zusammenrücken geschieht einfach aus uns heraus und es fühlt sich richtig und gut an, wenn auch manchmal ungewohnt fremd.
    Die Frage danach, ob wir eins werden wollen, würde wohl immer panische Angst vor Auslöschung hervorrufen. Es fühlt sich nach Verlust an und nicht nach Gewinn. Weil wir das in der Therapie so erlebt haben. Früher.
    Heute haben wir zum Glück eine Therapeutin, die uns vermittelt, dass jeder Anteil wichtig ist und auf niemanden verzichtet werden kann.
    Ich hatte kürzlich ein Bild für das, was uns unterschiedet von Nicht-Multiplen. Wenn man sich vorstellt, dass jeder Mensch Schubladen für seine Fähigkeiten hat, aus denen er sich je nach Bedarf und Anforderung bedienen kann. Dann ist das bei Nicht-Multiplen so, dass die Schubladen alle offen stehen und sie einfach schnell nach dem greifen können was erforderlich scheint. Bei Multiplen sind die Schubladen aber zu und es muss erst die passende gesucht werden und dann kann nur diese eine geöffnet sein.

    Wenn die Zeit dafür reif ist und es gute Wegbegleiter gibt, bin ich überzeugt, dass jedes System seinen eigenen Weg findet, der für diese Seele passend ist. Sei es eine Teil-Fusion oder eine komplette oder vielleicht einfach nur ein Co-Bewusstsein. Und immer muss es aus dem System selbst heraus entstehen. Ganz genau so wie es gebraucht wird. Das kann niemand anderes besser wissen als die eigene Psyche.

    • Wie meinte der Therapeut das damals hinbekommen zu können? (natürlich nur, wenn ihr euch wohlfühlt zu erzählen, oder gibts schon was bei euch im Blog, was mir entgangen ist?)

      Und wenn wir das Bild mit den Schubladen aufgreifen und weiterspinnen, gerade weil viele Therapeuten „unbeliebte“ Anteile ja gerne loswerden wollen (die werden ja heute nicht mehr gebraucht), dann ist es so, als ob man sich die Kommode schnappen würde und einfach mal jede Schublade entfernt, deren Inhalt aktuell vielleicht nicht wichtig genug scheint.

      Was würde übrig bleiben? Ein Nicht-Multipler, der selbst auf selten genutzte Fähigkeiten zugreifen kann, wenn ihm danach ist und ein ehemaliger Multipler, der in seiner Handlungsweise so eingeschränkt ist, dass er kaum mit Stressoren zurecht kommt, ja nicht einmal einen ganz normalen Alltag mit seinen vielfältigen Anforderungen meistern könnte. Es sind zu wenig Schubladen vorhanden.

      Ich kenne forcierte Fusion nur aus berichten von Bekannten aus einer engl.-sprachigen Mailingliste. Besonders drei Erzählungen, eine einer Kanadierin, eine einer US-Amerikanerin und eine einer Südafrikanerin hatten mich sehr berührt. Sie alle wurden Mitte der 90 mit diversen hypnotherapeutischen Verfahren fusioniert (alles Systemgrößen zw. 5 und 20 Innenpersonen). Sämtliche bis dahin bekannte Innenpersonen hatten den Auftrag mit der existierende „Gastgeberpersönlichkeit“, die auch als Hauptpersönlichkeit betrachtet wurde, zu verschmelzen. Es waren herzzerreißende Geschichten. Jeder hatte das Gefühl etwas zu verlieren. Einige gingen Abends zuvor chic aus, eine Henkersmahlzeit sozusagen.

      Nach der Fusion gab es ein kleines Hoch: man hatte die Erwartungen des Therapeuten erfüllt und hatten einige der selten Momente mit Gefühlen von Stolz und Erfolg. Es hielt nur nicht lange. Die „Gastgeberpersönlichkeit“ war überwältigt von dem Schmerz der traumatisierten Kinder, angewidert von den körperlichen Bedürfnissen einiger anderer Erwachsener und schockiert darüber, dass der männliche Beschützer, von dem sie zwar nach langer Therapie wussten, aber doch nicht recht damit leben konnten „so ein unrasiertes Rauhbein“ so innewohnen zu haben, dass man es nicht einfach wieder wegschieben kann.

      Mit drei der vier habe ich noch sporadischen Kontakt. Bei zweien hielt der „Spass“ immerhin fast ein Jahr, bei der dritten sogar 7. Spätestens bei der nächsten größeren Lebenskrise (Trennung, Tod eines geliebten Menschen, Geburt, usw.) zerfiel das das verschmolzene System wieder. Keine der Frauen (in diesem Fall waren sie alle weiblich) hatte nach der Fusion gelernt wie man mit Stress umgeht. Sie kannten nur Dissoziaton. Hatten nicht gelernt was Gefühle sind, wie man damit umgeht. Für die Therapeuten war ihre Arbeit damit getan.

      Und ähnliche Mentalitäten sind mir hier auch begegnet – aber es wird weniger (n paar olle Schrullen gibbet ja immer) und das ist sicherlich den Betroffenen zu zollen, die ihre Sicht darstellen und den Fachleuten, die wirklich ERNSTHAFTE Forschung betreiben (und nicht nur unbewiesene Thesen auf den Buchmarkt werfen *und wieder hab ich nichts gesagt* 😉 )

      • Nein, es ist dir in unserem Blog nichts entgangen. ich denke, darüber haben wir bisher nicht geschrieben. Mit gutem Grund. Dieser Versuch der damaligen Therapeutin, aus uns vielen eine Persönlichkeit zu machen ist etwas, woran wir nicht gerne denken.

        Bei deinen Ausführungen konnten wir zu vielen zustimmend nicken. Auch bei und war die Therapeutin in Hynotherapie ausgebildet. Gekoppelt mit einer Weiterbildung bei M. Huber. (lasse ich jetzt mal unkommentiert 😉 ) Sie hat sehr viele Jahre mit uns gearbeitet, mit Hypnotechniken und allem was klassisch in den 90 ern üblich war. Über einen längeren Zeitraum hat sie daran gearbeitet, einzelne Anteile dazu zu ermutigen, sich miteinander zu „verschmelzen“ Immer mit dem Hinweis darauf, dass sie ja nicht mehr eigenständig nötig seien, wenn das Trauma was sie erlitten hätten ja nun aufgearbeitet sei. Zum Schluss blieb eine Gruppe von 5 Anteilen, die sie in einer Hypnositzung „verschmelzen“ ließ. Ich mag das jetzt nicht in Einzelheiten erzählen. Ich hoffe, dass das okay ist.
        Am Abend lag ich im Bett und habe mich völlig schrecklich gefühlt. Da war keine Kinderstimme mehr zu hören und die Angst vor der Nacht überflutete mich völlig.
        Nach und nach tauchten sie dann auch alle wie auf. Und genau wie du es geschrieben hast, wir hatten gar nicht gelernt mit unseren Gefühlen umzugehen. Wir hatten teilweise Traumaerfahrungen via Bildschirmtechnik angesehen, allerdings ohne überhaupt Gefühlen zulassen zu dürfen. Die seien nicht gut, weil wir dann nur reinrutschen würden. Vieles hat retraumatisiert. Bildschirmtechnik ist uns ein Horror. Alles was Gefühle weniger macht, macht uns Angst, weil es damals eben in der Therapie so verboten wurde.

        Für unsere Therapeutin war damals auch im Prinzip die Arbeit getan. Sie wollte nichts davon wissen, dass diese „Verschmelzung“ nicht von Dauer war. Somit haben wir uns angepasst und es gingen nur noch die Anteile zu ihr, die sie eh noch nie voneinander unterscheiden konnte. Ein paar Mal haben wir uns bemüht, ihr zu sagen, dass es nicht funktioniert hat, aber das hat sie nur verärgert. Also haben wir das getan, was wir ja eh gut beherrschen. Wir haben uns verhalten wie es nötig war, damit sie zufrieden ist. denn im Grunde ging es nie um etwas anderes als ihren Erfolg.
        Was es eben jetzt auch umso schwerer in unserer Folgetherapie macht. Da gibt es immer wieder die Befürchtung, es würde nicht um uns gehen, sondern nur um ihren Erfolg.

      • Ich kann sehr gut verstehen, dass ihr da weder gerne dran denkt noch es genauer ausführen wollt. Ich kann es mir nur vorstellen, wie es gewesen sein muss (und ich friere und mir ist schlecht beim Lesen und bei dem Gedanken – auch nicht so dahergeschrieben, ist wirklich so) und ich empfinde es als respektlos dem Menschen gegenüber (ich schaffe dich nach meinem Bilde, denn nur ich weiß, was recht ist), unverantwortlich, übergriffig und mit einem gewissen Gewaltpotential versehen.

        Der Umgang mit Gefühlen in der Therapie läuft ja genau dem entgegen, was (Trauma)Therapeuten sein Jahrzehnten postulieren. Selbst der alte Fiedler hatte da gesunde Ansichten.

        Es tut mir ernsthaft leid, dass ihr diese Erfahrungen machen musstet (nicht dieses „Standard-leid-tun“, was sich so schnell schreiben lässt). Auch wenn wir derartige Erfahrungen nicht gemacht haben, so haben wir einge, für uns schädliche Therapieerfahrungen gemacht, die folgend einige Zeit in Anspruch nahmen um die mit anderen Therapeuten „anzuarbeiten“… und eben die lange Frage, ob man das Experiment noch einmal wagen sollte. Das Schicksal hat uns nun mit jemand offensichtlich höchst Fähigem bedacht, aber auch da lässt sich altes nicht einfach abschütteln (übrigens, wo ihr die gute Frau Huber erwähnt… da hat sich unsere Therapeutin, die mehr oder weniger notgedrungen dort Teile ihrer Ausbildung gemacht hat, einige Aussagen nicht getätigt… so Dinge, die wir schon seit Jahren denken und die immer wieder bestätigt werden).

        Ich wünsche euch die Möglichkeit alle Vorbehalte und Ängste immer und zu jeder Zeit in der Therapie äußern zu können. An euch ist einfach verdammt viel kaputt gemacht worden, und da spreche ich nicht nur von dem Trümmerfeld der ersten Lebensjahrzehnte. Umso bewundernswerter finde ich es, dass ihr es wirklich wagt und erneut eine Therapie tackelt.

        Vielen Dank für das Erzählen eurer Erfahrungen.

      • Ungefähr so hat sich vieles in der betreffenden Therapie angefühlt. Fremdbestimmt, übergriffig und absolut respektlos. Wir waren das „Kind“ und sie die „Erwachsene“, die uns zu erziehen hat. Das trifft es auf den Punkt. Und da wir keine Erfahrung damit hatten, was so eine „gute Mutter“ ausmacht, haben wir ernsthaft geglaubt, dass sie gut für uns ist und nur „unser bestes“ will. Mag sein, dass sie das auch im Grunde wollte.

        Kommt wohl leider kein Traumatherapeut hier an Frau Huber vorbei. 😉 Wir hatten auch große Vorbehalte, als unsere Therapeutin dort vor einiger Zeit eine Weiterbildung begonnen hat. Aber wir glauben ihr, dass sie nicht vorbehaltlos alles glaubt, was sie dort zu hören bekommt.
        Wir haben eine sehr fähige Therapeutin, zum Glück, mit der wir unheimlich gut arbeiten können. War auch nicht leicht, uns wieder darauf einzulassen. Konnte ja keiner ahnen, dass wir an jemanden geraten, die so gut zu uns passt. Aber wer weiß, was unsere Intuition da geahnt hat. 🙂
        Wir wünschen euch von Herzen, dass eure Therapeutin für euch so gut passt wie unsere für uns.

  2. Uff,
    erst monatelang Funkstille und dann lüftet Pandora den Deckel aber so was von heftig. Keine Ahnung, wer von Euch (ihr seit wirklich 20??) den Beitrag verfasst hat, jedenfalls mußte ich mich konzentrieren. (Na ja, was erwarte ich, wenn Ihr schon Pschyrembel richtig schreiben könnt.)

    Bislang habe ich mit meinem 1/4-Wissen immer geglaubt, die DIS sei durchweg von Übel. Aber offenbar kann man auch mit einem Großteil der Personen seinen Frieden machen und ein Spezialistenteam zur Verfügung haben. Wieder was gelernt. Oder sehe ich das falsch?
    Und daß Charismatiker eine Therapiefunktion haben, ist mir neu. Werd ich bei Gelegenheit mal googeln.

    Ach ja: Die Aussage „Wenn die Seele bereit ist, wird es automatisch passieren – ohne Schaden anzurichten“ scheint mir die Frage nach dem Ob und Wie und Wollen einer Fusion wunderbar knapp und präzise zu beantworten. Gefällt mir, das Fazit. Und manche Persönlichkeiten bleiben vielleicht besser, wo sie sind, im strahlensicheren Glaskokkon oder so. Ich wühle ja auch nicht in meinem Mülleimer 😉 Aber, wie gesagt, daß ist alles sehr fremd für mich.

    Alsdann, eine gute Woche wünscht

    Bombadil

    • Hallo Bombadil

      Seit wann tun wir etwas sinnvolles, so wie regelmäßig Beiträge in adäquater Länge verfassen 😉 .
      Dieser hier lag schon seit einem guten Jahr in den Entwürfen, vollgestopft mit Textteilen (die ich einfach übernommen habe), Stichworten usw. . Von dem was ich hier geschrieben habe, stammen oft nur einige Formulierungen und insgesamt 3 Absätze (auch nicht ohne Vorlage).

      (Insgesamt sind wir mehr als 20, auch die, die hier mitmischen. Noch versuchen wir je nach Beitrag wenigstens die Illusion der Homogenität aufrecht zu erhalten… was auch bedeuten kann, dass bedauernswerte Seelen wie ich und einige andere einige Beiträge nochmal abschreiben und das gröbste glätten. Übrigens nennt sich jeder schreibende hier „ich“, so ist der jeweilige gefühlt versteckt genug und die Verwirrung bei Dritten minimal – so die Hoffnung 😉 )

      DIS ist nicht die Geißel der Menschheit. Es ist nicht einmal eine Krankheit (nochmal der Verweis auf Chaosteams Beitrag in ihrem Blog mit ihren Gedanken zu dem Thema), so wie Depressionen oder Diabetes. Es ist „nur“ eine Störung, ein der Norm abweichendes (in diesem Fall Identitäts)Erleben, Verhalten, usw.. Ohne die Depression und der Angst- und der Schmerzstörung, die ich habe und die wohl auch Traumafolgen sind, der Flashbacks, Intrusionen und einigen weiteren Symptomen, würden einige dissoziative Symptome (das häufige „Vergessen“, Fremdheitsgefühle, nicht immer Wissen wo mein Körper ist (es gäb sonst wesendlich seltener unkoshere-koschere Speisen in diesem Haushalt), dennoch einen gewissen Leidensdruck ausüben, aber einen DEUTLICH niedrigeren.

      Es ist nicht so, dass ich nicht staubsaugen kann, weil ich eine DIS habe, ich kann manchmal nicht Staubsaugen, weil mir der Schlauch aus den Fingern gleitet, weil ich diese nicht feste genug schließen kann.

      Danke bzgl. dieser abschließenden Aussage. Ob sie sich auf lange Sicht als sinnvoll erweist: wir werden (hoffentlich) sehen

      Und dennoch ist da eine Crux. Fusion ist nicht die einzige und bei weitem nicht die sinnvollste Behandlungsmöglichkeit. Ich trenne den Begriff gerne von Integration (vielleicht sollte ich dazu auch noch etwas schreiben). Egal ob noch aufgespalten in Innenpersonen oder nicht. Die Erlebnisse und allgemein das, was den Menschen geprägt hat, sollten in all ihren Qualitäten in die Gesamtperson integriert werden. Sei es die Erinnerung der Fakten an die Vergewaltigung des Kleinkindes auf der einen Seite, der Schmerz, der nur diffus auftritt und keiner weiß, woher die ständigen Bauchschmerzen kommen oder der Ekel, der scheinbar auch nicht in Zusammenhang mit der Vergewaltigung steht und sich äußert, wenn es Pudding zum Nachtisch gibt. All diese Teile sollten meiner Meinung nach behutsam zusammengebracht werden – integriert werden – um das Wachstums des ganzen Menschen überhaupt möglich zu machen.

      Also ohne den stinkenden Mülleimer geht es wohl nicht, jedenfalls nicht, wenn man seine Möglichkeiten ausschöpfen will – auch hier wieder: meine Meinung (gut, zugegeben auch die diverser Fachleute 😉 )

  3. Hach ja,
    das mit der Verwirrung ist so eine Sache. Dreh die Sache mal um: Hast Du je versucht, Dich schreibmäßig auf über 20 Gegenüber einzustellen und den angemessenen Ton zu treffen? Sind die nun ironiefähig? Schnell beleidigt? Hart im nehmen? Ein Minenfeld, sag ich Dir 😉
    Das nur am Rande
    Bombadil

    • Schreiben ist langsam, aber das passiert im Tagebuch automatisch. Interessanter werden da Gespräche und Diskussionen, da kommen wir dem Tempo wenigstens etwas näher :mrgreen: . Wenn dann der Mund noch in der Lage wäre sich parallel unterschiedlich zu äußern, da dann kämen wir dem Realfall näher.

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