„Kultidentität“

Kultidentität.

Ein Begriff, den unsere Therapeutin geprägt hat. Ein Begriff der uns offenbar hilft das wie im uns zu verstehen. Kompliziert ausgedrückt? Ist es wohl auch. Trotz eines nicht zu verleugnenden Aha-Effektes bei den Ausführungen unserer Therapeutin, wirft es mindestens genau so viele Fragen auf, wie es zu beantworten scheint.

Wir sprachen über unsere Lebens- und (damit) auch Therapieziele. Wir sind schon einen langen Weg gegangen, haben ja schon einiges erreicht. Sind schon in einige Untiefen unserer Seele vorgedrungen, aber anstatt den Boden des Abgrundes erkennen zu können, scheinen wir (gefühlt) ein Fass ohne Boden zu sein.

Sein vielen Jahren suchen wir ja schon nach einer/m erfahrenen TherapeutIn, der/die bereit ist sich gemeinsam mit uns in diese Untiefen vorzuwagen.

Bisherige Therapien hatten eher „kosmetische“ Ziele. Jeder Therapeut machte uns deutlich, dass es zuerst wichtig ist, dass wir (möglichst unauffällig) in der Gesellschaft funktionieren (cool, da hätte meine Familie, als sie es herausfand gar nicht so ausflippen müssen, es wollten ja alle das gleiche)

Zunächst ging es darum die Essstörung zu überwinden, wen von dem krankhaften Untergewicht -> Ziel erreicht (gut, seien wir ehrlich, das Essverhalten ist immer noch gestört und was das Untergewicht betrifft sind wir über’s Ziel hinausgeschossen).

Es ging darum die Selbstverletzung, die damals massiv war und eingeschränkt werden musste, wenigstens der Schaden an Knochen und Weichteilen -> Ziel in dem Sinne erreicht. Selbstverletzung ist selten und passiert nur noch in Situationen mit großem Druck, die neu für uns sind (intensive Gefühle) und wo sonst wirksame Skills scheitern.

Es ging um die äußere Funktionalität. Von irgendetwas mussten wir ja leben, also war wichtig, dass wir auf der Arbeit zurecht kamen, dass wir nebenbei unser Studium bewältigen konnten und die parallel laufenden Ausbildung -> Ziel lange erreicht. Wir haben Skills gelernt mit bestimmten Triggern, die wir nicht vermeiden konnten umzugehen -> Ziel erreicht.

Wir haben gelernt uns als System zu akzeptieren, jede Menge Psychoedukation gemacht. Verstehen gelernt, warum das, was man hatte eben keine Schizophrenie ist, sondern Dissoziation. Das war wohl eher ein Nebeneffekt oder etwas, was wir einem damals noch sehr unerfahrenen, aber sehr verbissenen Therapeuten zu verdanken hatten (der uns davor bewahren konnte dauerhaft und ohne Aussicht auf Ausstieg in ein Programm für Schizophrene Menschen, die nicht mehr für sich sorgen konnten, zwangseingewiesen zu werden – man bedenke: damals hatten wir einen Job, eine gerade erfolgreich abgeschlossene Ausbildung und waren auch akademisch erfolgreich, dazu ein soziales Netz und tragfähige Beziehungen… aber das ist eine ganz andere Geschichte, damit könnte ich Bücher füllen und nicht nur ausschweifend vom Blog-Artikel Thema ablenken 😉 ). Dieser Therapeut leitet heute, 9 Jahre später übrigens recht erfolgreich eine wunderbare Institution, die sehr vielen psychisch Beeinträchtigten Menschen eine gute Stütze ist. Und auch wenn wir damals nur philosophiert und gemeinsam Unmengen an vorhandenem Material durchforstet haben, ihm die Freude einer (ein Jahr lang dauernden) ausführlichen Differentialdiagnostik gegönnt haben, so war das nicht ganz beabsichtigte Ziel: Erkenne dich selbst -> erreicht.

Auf sein Geheiß machten wir uns dann wieder auf die zermürbende Suche nach guten Traumatherapeuten. Oft wurden wir mehr oder weniger abgewiesen, weil z.B. noch der Studienabschluss ausstand. Das solle man doch bitte zuerst machen.

Den Therapeuten, den wir fanden, hat sich immerhin unserer angenommen. Auch hier war das erklärte Ziel: Äußere Funktionalität. Funktionalität über allem. Dennoch nahmen wir einiges für uns mit. Er hatte keine Ahnung, war aber in der Welt herumgekommen und brachte viele Sichtweisen in die Therapie mit. Häufig war uns beiden klar, dass das, was wir innerhalb der Therapie besprachen, erarbeiteten, usw. gelinde gesagt suboptimal war. Es half uns aber unsere eigenen Wege und Interventionen zu finden. Die eingeübten Imaginationsübungen nach Muster gingen nach hinten los? Also wurden neue geschrieben. Wir schafften uns Projekte und damit unfreiwillig die ersten Anläufe von Innenkommunikation und später sogar (steuerbarer) Co-Bewusstheit. Unsere Funktionalität verbesserte sich zeitweise -> sein Ziel erreicht (leider schien er es regelrecht persönlich zu nehmen, als dieses Korsett der äußeren Funktionalität begann zu knarzen und dann zu zerbrechen). Unser Ziel: ein Miteinander zu schaffen haben wir in den Anfängen – erreicht.

Damit können wir jetzt arbeiten. Mit vielen Innenpersonen und Gruppen (wir haben uns da die Begrifflichkeiten der Systemik, wie wir sie gelernt haben, angeeignet und bezeichnen solche Gruppen als Subsysteme, wir als ganzer Mensch, mit allen bekannten und unbekannten Anteilen, nennen wir System) haben wir die Möglichkeit in Kontakt zu treten. Wir können bedürftige Innenpersonen (z.B. traumatisierte Kinder) an innere, imaginierte, sichere Orte schicken oder – falls es (wie in den meisten Fällen) nicht funktioniert einen imaginierten sicheren Ort zu schaffen, so können sich andere Innenpersonen nach ihren Fähigkeiten kümmern.

Es ist also schon eine Basis vorhanden.

Für die jetzige Therapie haben wir klar gemacht, dass es uns kurzfristig nicht um „Frisur und Make-up“ geht, sondern, dass wir jetzt diese Therapie machen um dort zu graben, wo es vor sich hinschimmelt, dass man es bis nach draußen riechen kann. Was wir auch tun, das, was aus uns versucht wurde zu machen, das was wir auch sind, beeinflusst und heute kaum weniger als noch vor ein paar Jahren. So viele eingepflanzte Überzeugungen, die es fast unmöglich machen gesunde Entscheidungen zu treffen. So viel zerstörtes, dass man seine gesamte Energie darauf verwendet, dass es nach außen nicht so auffällt, dass man imitiert, wie man angemessene Gefühle äußert, dass man Nähe spielt, ohne je wirklich zu vertrauen.

Wir wissen um diese Untiefen. Wir wissen, wie man ein Kind seiner Bindung berauben kann. Ich weiß, dass ich meine Mutter bestimmt liebe, aber ich habe mich auch als Kind nie nach meiner Mami gesehnt, wenn ich krank war. Ich wollte nie zu ihr (oder einer der anderen „Bezugspersonen“) laufen, um ihnen zu erzählen, was der freche Andi heute in der Schule wieder angestellt hat. All diese Menschen waren mir egal. Und auch, wenn ich heute mit viel Mühe versuche eine Beziehung zu meiner Mutter (die übrigens nie aktive Täterin an mir war, sie war nur die unglückliche Seele, die mich austragen musste) aufzubauen, so trifft es mich doch immer wieder, wie egal es mir ist. Stürbe sie, so wäre meine erste Sorge, wie ich ihren Nachlass verwalten soll und wie man eine Beerdigung organisiert.

Für mich ist es eine dieser Abgründe. Mit Bindungen war ich schon als Kind nicht zu ködern. Einmal in unserem Leben, haben sich welche von uns „verwoben“. Ich hoffe es war nicht das letzte Mal.

So, wie schlage ich nun den Bogen?

Was mich ja eigentlich beschäftigte war der Begriff „Kultidentität“, der mich und uns auf so vielen Ebenen traf. Die Therapeutin sprach davon, dass es für uns notwendig ist, dass wir uns mit dieser Kultidentität auseinandersetzen. Zunächst war mir nicht ganz klar, was sie meint. Glaubt sie da gibt es einen einzigen Anteil, der sämtliches Gedankengut der RiGaG in sich vereint und mit dem müsse gearbeitet werden? Nein, so sieht sie es offensichtlich nicht. Sie sprach damit den Teil unserer Gesamtpersönlichkeit, des gesamten Systems an, der in der RiGaG entstanden ist, deren Gedankengut vertritt, der darin gefangen ist, aber noch mehr betonte sie die Anteile, die in der RiGaG ja ihre Heimat gefunden haben. Die dort jemand waren. Die Gefühle der Grandiosität, die mit bestimmten Aufgaben oder einfach dem „Stand“ einhergehen, das Ausleben von sadistischen Gelüsten. All die Widerwärtigkeiten, die man sehr gerne von sich abschiebt.

Ein weinendes und sich vor Schmerzen windendes Innenkind, dass gerade in einem Flashback eine Folterszene wiedererlebt mag für viele herzzerreißend sein. Aber der Mensch, der dieses Innenkind in sich beherbergt wird leichter Akzeptanz erfahren, als wenn statt des kleinen Kindes ein erwachsener Mann da steht, der süffisant grinst, deutlich macht, dass seiner Meinung nach alle anderen nur Bodensatz für ihn sind. Einer der  vielleicht mit Lust in seiner Stimme von Handlungen erzählt, die er noch gestern durchgeführt hat und die man hier nicht so ohne weiteres beim Namen nennen kann. Und es ist immer noch der gleiche Mensch, dessen Innenkind nur Stunden vorher Schutz unter einer Decke gesucht hat, sein Kuscheltier an sich nahm, den Daumen in den Mund steckte und nach seiner innerlich durchlebten Tortur endlich einschlief.

Das ist es also, was uns erwartet, wir schauen genauer hin. Arbeit mit der Kultidentität. Es geht um Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle, wir mögen den Begriff „mind-control“ mit jedem Tag mehr, er erfasst mehr und ist doch deutlich kürzer. Wir wollten es ja auch. Wir wollten im zähen Morast waten, denn früher oder später breitet sich die Fäulnis aus dem inneren bis ganz an die Oberfläche durch – und so können und wollen wir nicht leben.

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„Wollt ihr irgewann mal eins werden?“

„Wollt ihr irgewann mal eins werden?“ – Integration, Fusion, Volksunion, Kontemplation, Resignation?

Vor über einem Jahr (an dieser Stelle: bitte verzeih mir, dass es sooo lange gedauert hat) stelle Sherry eine Frage, die glaube ich auch jede(n) Multiple(n) früher oder später beschäftigt:

Hättet ihr denn gerne nur eine einzige Persönlichkeit? Oder könnt ihr euch die Beschränktheit der Normalos gar nicht mehr vorstellen?

Auch wenn hier wir darauf schon ein wenig ausführlicher geantwortet hatten, wollen wir das Thema erneut aufgreifen.

Ob die Fusion der Persönlichkeitsanteile, bzw. Innenpersonen, angestrebt werden soll wird für viele Multiple zur Gretchenfrage. Für die meisten Therapeuten ist die Verschmelzung eines multiplen Systems zu einer einzigen Persönlichkeit, also die Fusion (oft auch „Integration“ genannt, allerdings halte ich diese Bezeichnung für zu unpräzise, da eine Integration des Erlebens, des Wahrnehmens und Fühlens, sowie der erlittenen Traumata auch ohne eine Verschmelzung aller Identitäten eines Systems erreicht werden kann) das primäre Therapieziel. Viele Multiple haben das Gefühl, dass eine Entscheidung für eine Fusion ihr bisheriges Selbstverständnis in Frage stellt, selbst wenn der Wunsch nach „Normalität“ und einem einzigen Gesamt-Ich vorhanden ist so ist doch auch die Angst dia, dass mit einer Integration Eigenschaften, Wesenszüge oder Fähigkeiten bestimmter Innenpersonen verlorengehen, diese regelrecht “sterben”.

Das Thema Fusion eines multiplen Systems wirft eine ganze Reihe Fragen auf, die meiner Meinung nach auch geklärt werden müssen, und stellt sowohl den Therapeuten, als auch den Patienten vor immer wieder neue Probleme stellen.

Was geschieht mit den einzelnen Anteilen während und nach einer Fusion?

Diese Frage können am Besten Systeme beantworten, die bereits erfolgreich das gesamte System oder Teile davon fusioniert haben. An dieser Stelle kann und darf ich etwas aus dem Nähkästchen plaudern. Wir sind etwas, was wir selbst als „spaltungsfreudiges System“ bezeichnen. Unter Druck, was alleine neue, ungewohnte Anforderungen sein können bis hin zu überwältigenden Erlebnissen, neigen wir dazu weitere Fragmente oder ganze Innenpersonen abzuspalten. Dieses Prozedere ist nicht immer dysfunktional, immerhin haben wir so über Jahrzehnte eine recht erfolgreiche akademische Laufbahn und sehr gute Leistungen im Job erzielt. Es ist nur furchtbar anstrengend. Auch ist es kaum einem „normalen“ einzelnen Menschen verständlich zu machen, wie anstrengend die pure Existenz, schon gar das Funktionieren ist.

Unser System ist verhältnismäßig groß (was sich höchstens in der Organisation auswirkt, man geht andere Wege. Schwerer scheint es definitiv nicht zu sein. Systeme, die ich kennengelernt habe und die „nur“ ca. 5 Innenpersonen hatte, hatten es für meine Begriffe deutlich schwerer Struktur ins System zu bringen) und so kommt es, dass nicht eine „Host“ oder Gastgeberpersönlichkeit oder eine ANP (ich muss das Buch „Das verfolgte Selbst“ von van der Hart, Nijenhuis und Steele noch fertiglesen, bevor ich da zu tief und zu falsch in die Materie einsteige – übrigens nicht schlecht was ich bisher las) die Situationen des Alltags meisterst, sondern eine ganze Gruppe Innenpersonen. Mittlerweile sind wir sogar in der glücklichen Position fast alle von uns zu kennen und in diversen Formen miteinander zu kommunizieren. Wir haben es gelernt uns aneinander anzupassen, Wechsel möglichst fließend zu gestalten, so, dass wir nicht auffällig sind. Bei geschulten Therapeuten oder dem besten Nicht-Ehemann von allen hilft das oft wenig (gerade was Therapeuten betrifft, da fuchst es uns schon, wenn da jemand JEDEN erkannt hat, der auch nur ein halbes Wort beigesteuert hat… und es freut zur gleichen Zeit 😉 . Andere Menschen erkennen nur radikalere Wechsel, die nicht den Alltag betreffen und selten beabsichtigt sind.)

Wie üblich: laaange Vorrede.

Nun zu dem, was ich eigentlich berichten wollte. Nein, es ist nicht so, dass unser gesamtes System zu einer einzelnen Person verschmolzen ist (sonst hätte der Blog auch einen anderen Namen), aber wir hatten einen Vorgeschmack darauf, wie es sich wohl anfühlen könnte, wenn wenigstens einzelne Gruppen von uns verschmelzen.

Ohne unser aktive Zutun, ohne Therapeuten, Kliniken oder andere professionelle Helfer, passierte es vor ca. 1 1/2 Jahren dass die etwa 20 Innenpersonen, die derzeit das Alltagsteam (so bezeichnen wir es) ausmachen langsam aber stetig zusammenwuchsen. Anfänglich wurde es erst gar nicht bemerkt. Der beste Nicht-Ehemann von allen war der erste, der die Veränderung bemerkte. Immerhin hatte er täglich mit diesen Innenpersonen zu tun.

Wir sprachen über seine Beobachtungen, beobachteten uns selber, fühlten nach usw. und stellten fest, dass aus diesen 20 Innenpersonen im Laufe einige Wochen eine Einzige geworden war. Es war nicht so, dass irgendjemand oder irgendetwas verloren ging, im Gegenteil. Als Gesamtheit haben wir einiges gewonnen, hauptsächlich mehr Energie oder Kraft oder wie immer man es nennen möchte. Ich schreibe jetzt von mir als Beispiel für das Empfinden dieser einzelnen Person und das empfinden der Innenperson, die lediglich einen Teil des Alltagsteams darstellte. Ich war ja eine von ihnen.

Ich weiß, ich kann nur von uns reden.

Nichts ging verloren. Kein wissen, keine Persönlichkeitseigenschaften, keine Fertigkeiten. Das hat uns sehr viele Ängste genommen.

Vorher, als Team, als Gruppe von Leuten, wenn wir dann jemanden benötigten, der ordentlich Pigmente zusammenmischen konnte, dir rückwärts den Pschyrembel (253. Auflage) herunterbeten konnte oder der in der Lage war ein Essen zuzubereiten, das tatsächlich genießbar war… ja dann wartete man, versuchte die Person zu kontaktieren und hoffte, dass die Situation (z.B. Küche, Kochtöpfe oder ein breit grinsender Professor in seinem winzigen Konferenzraum, aka Büro) genügend „Trigger“ für die passenden Innenperson sei.

Nun war es so, dass die Anforderungen die gleichen waren, nur waren all diese sonst beteiligten Innenpersonen ein einziges „Ich“. Da ich nun mal eine dieser ca. 20 war, mitverschmolz, war das ein neues und regelrecht aufregendes Gefühl. Ich wusste auf einmal all die Dinge, die Reiner* weiß, ich konnte, was Katja tat, war so launisch wie Dunja und so liebenswürdig, gerade zu fremden, wie Helene. Natürlich nicht alles auf einmal, oder können sie Balken zurecht sägen, während sie das Mittagessen kochen und einen Plausch mit einer älteren Dame auf der Straße führen? Im Grunde hatte sich wenig verändert. das „Ich“ funktionierte ein wenig reibungsloser – und auch hier waren Abstriche zu machen. Wir sind doch alle nur Menschen. Es war aber nicht die Funktionalität, vor allem war es die Energie und Kraft die diesem neuen Individuum zur Verfügung stand. Niemand ging verloren. Reiner war genauso das „Ich“, wie ich, Helene, Dunja, Katja und all die anderen. Als gemeinsames Ich hatten wir mehr Energie für uns zur Verfügung als jeder Einzelne vorher alleine

Leider hielt dieser Zustand nur einige Wochen und wir zerfielen wieder in unsere Einzelteile. Das machte nichts. Es war eine wundervolle Erfahrung und auch wenn die Gesamtheit unseres Systems eine vollständige Fusion weder für möglich noch für sinnvoll hält, so steht es doch jedem frei mit anderen danach zu streben.

Hat die Fusion einen Einfluss auf eventuelle komorbide Störungen?

Die Zeit war sehr kurz und die neuen Erfahrungen überwogen. Ich bezweifle, dass eine Fusion Einfluss auf andere Persönlichkeitsstörungen hat. Aus Erfahrungsberichten anderer weiß ich, dass sich die Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung, bzw. der sog. Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung nicht verbessert haben und die eigentliche therapeutische Arbeit er nach der Fusion hätte beginnen sollen. Die Patienten kennen neben der Dissoziation wenig andere Strategien um mit den Belastungen im Leben fertig zu werden. Der „Fusions-Boom“ in den USA in den späten 80ern und 90ern hat seine Spuren hinterlassen. Als fusioniert und damit geheilt entlassene Patientinnen, leben eine Weile ihr Leben, aber bei der nächsten Krise zerbrach die Gesamtpersönlichkeit wieder, teilweise sogar in weitaus mehr Fragmente, als ursprünglich da gewesen waren.

Ich glaube nicht, dass es viele komorbide Störungen gibt, auf die eine Fusion Einfluss hat. Depressionen vielleicht? Das ist aber nur meine Vermutung, weil ich während der Zeit der Fusion, mit nur einem winzigen Teil meines Systems deutlich weniger Erschöpfung wahrgenommen habe und das Leben mir auch etwas „bunter und farbenprächtiger“ erschien, weil ich es gleichzeitig durch „andere“ Augen sehen konnte.

Was verändert sich für den Patienten, wenn er fusioniert hat?

Vieles habe ich oben erläutert. Es ist natürlich nur meine eigene Erfahrung und ich brenne darauf auch mit anderen Multiplen zu sprechen oder anderweitig direkt zu kommunizieren, die ähnliches erlebt haben oder vielleicht sogar ganz fusioniert haben.

Laut meiner Erfahrung wird sich wenig ändern, was die Barrieren im Kopf verschwinden lässt, aber auch dazu führt, dass man sich mit vielem, was einem vorher nicht bewusst war auseinandersetzen darf oder muss (Emotionen, (Körper)Empfindungen, Kognitionen die einander widersprechen, unterschiedliche Selbst- und Weltbilder, usw.) und das sind ganz neue – und wichtige – Herausforderungen

Wie kann ich eine Fusion erreichen?

Therapeuten hier mit Ahnung? Bitte vortreten!

Ich habe im Laufe der Jahre schon viele Therapeuten und solche, die es gerne wären, kennengelernt und jeder hatte da so seine eigenen Techniken eine zersplitterte Persönlichkeit wie die meine zusammenzufügen. Da waren die Geistlichen, die zu ihrem Gott beteten. Als das nichts half, so schickte man mich zu den Charismatikern (heidenei, das gab Beulen) und betete in Zungen (oder das, was der unaufmerksame Bibelstudent dafür hält… Grundgütiger, studiert wenigstens die Texte, auf die ihr euch beruft *seufz* ), auch ein Katholik, jung an Jahren, war schnell dabei seinen wahrscheinlich ersten Exorzismus durchzuführen. Er las in der Bibel von den Dämonen und war (wie die meisten anderen fundamentalistischen Christen, die eine gute Beobachtungsgabe besitzen) überzeugt, ich trage den Dämon Legion (wer’s wissen will: Markus 5 Vers 9 aus der Elberfelder Bibel, findet sich auch in Lukas 8 Vers 30 – übrigens die erste mir bekannte schriftliche Erwähnung des Phänomens der multiplen Persönlichkeit) in mir. Schweine waren wohl gerade nicht zur stelle, aber der gute Mann schritt zur Tat. Es schien wohl nicht in gewünschtem Maße zu helfen. So tut der gute Christ, was der gute Christ tut – er schickt seine gleichaltrige Tochter zu mir um mir mitzuteilen, dass ich „okkult vorbelastet“ sei (wäre ich’s nicht vorher gewesen, nach den 7 Jahren war ich’s bestimmt) und ich solle mich „bebeten“ lassen oder besser doch den Kontakt abbrechen. Das Mädchen tat mir unendlich leid.

Das sind weder Witze noch Übertreibungen um einen Blog interessanter zu gestalten. Das war meine (frühe) Jugend.

Im jungen Erwachsenenalter begegnete ich dann den anprobierten Quacksalbern ihrer Zeit, Psychiater, Neurologen, Psychologen. Ich hatte dort auch Glück und all das habe ich einer lieben Freundin und Mentorin zu verdanken, ohne die ich damals die richtige Therapeutin nie gefunden hätte. Die war echt in Ordnung.

Aber wieder zurück zu der Frage, wie mache ich aus so einem gestörten Etwas eine Person, die den Normen der Gesellschaft entspricht. Jedenfalls war das in aller Regel der Tenor. Wie es mir und uns dabei ging wurde nicht einmal gefragt. Wir waren nicht normal, damit krank und das müsse geändert werden (lest doch bei Interesse einfach mal einen Artikel aus dem Blog „vieleineinerhülle“). Es gab da die abenteuerlichsten Herangehensweisen. Hypnose, bestimmte Mantras, das simple durchlaufen einer Psychoanalyse und ein Verhaltenstherapeut war der Meinung (oder hoffte), dass ich ihm nur alles schlimme, was mir je widerfahren sei erzählen müsse, und dann hätten wir die Fusion automatisch nach allerspätestens 2 Monaten. Ja. Is klar, ne.

Ist eine Fusion, all das betrachtet, dann überhaupt sinnvoll?

Hey, Ich hätte gerne etwas mehr Fusion. Wenigstens in Teilen und natürlich auch nur mit und für die, die es auch wollen. Für uns war es eine positive Erfahrung. Ich würde mich gerne wieder so „stark“ fühlen, nicht immer chronisch müde und antriebslos. Vielleicht könnte eine Fusion mit einigen Gleichgesinnten helfen.

Ich glaube auch, dass eine erzwungene Fusion nie gut für Körper und Seele ist. Wenn die Seele bereit ist, wird es automatisch passieren – ohne Schaden anzurichten. So ist es meine aktuelle Meinung. Ich lese, ich erfahre, ich lerne und so ist auch meine Sicht auf dieses Thema bis zu einem gewissen Grad (da wo er sich noch mit den Menschenrechten vereinbaren lässt) dynamisch

*Ihr kennt mich, ich verändere auch Namen von Innenpersonen 😉

Radiobeitrag des BR2 „Multple Persönlichkeiten – ‚Ich bin viele'“

Auch wenn dieser Beitrag anfänglich doch sehr stereotypische Beispiele von Menschen mit Dissoziativen Identitätsstörungen (früher „Multiple Persönlichkeiten“) und vor allem die im Alltag geschehenden Persönlichkeitswechsel darstellt.

Mit den Part, der sich mit dem Verstecken der Wechsel, dem Erklären im Alltag und dem perfektionieren von Ausreden beschäftigt, kann ich mich besser identifizieren als mir lieb ist. Ebenso die Zeitverluste.

Trotz Stereotypie gibt es sehr viele Ansätze, die doch (besonders in der Kürze der Zeit) einen hilfreichen ersten Einblick geben können, auch weil dem Format entsprechend die Entstehung einer multiplen Persönlichkeit angesprochen wird.

Besonders der Beitrag von Ellert Nijenhuis, der sich auf dem aktuellen Stand der Forschung befindet, gibt viel Aussicht auf Verbesserung der Situation der Betroffenen.

Was deutlich wird: die Therapie, selbst eine angemessene mit erfahrenen Fachleuten, dauert sehr lange.

Radiobeitrag des Bayern 2 zum Thema „Multiple Persönlichkeit – ‚Ich bin viele'“

u.a. mit Michaela Huber und Ellert Nijenhuis

Quelle: Mediathek Bayrischer Rundfunk

Traumatherapeutensuche für komplextraumatisierte und stark dissoziative Menschen

(Inklusive einer Sammlung von Anlaufstellen und Listen, auf denen Therapeuten zu finden sind, die sich mit komplextraumatisierten und stark dissoziativen Klienten auskennen, weiter unten im Artikel.)

Wer es von meinen Lesern noch nicht weiß: einen kompetenten Traumatherapeuten zu finden ist so ähnlich wie einen 100€ Schein auf der Straße zu finden. Es ist keine übliche Situation und selbst wenn an dem 100€ Schein ein Zettel hängt, der klar macht, dass dieser für den Finder ist und er ihn so nutzen kann, wie er es gerade brauch. Viele werden dennoch Hemmungen haben und auf jeden Fall lange darüber nachdenken, womit sie das verdient haben. Andere ergreifen die Chance bei Schopfe. Jeder ist anders..

Eine ordentliche Traumatherapie ist mindestens genauso schwer zu finden, allerdings selten so einfach wie das Glück über den Geldschein zu stolpern. Es gibt leider genügend Psychotherapeuten, egal ob psychologische, Heilpraktiker, die auf mannigfaltige Art zur Psychotherapie befähigt wurden, oder Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie. Ich behalte mir vor sie einfach alle als (Psycho)Therapeuten zu bezeichnen, auch nutze ich die männliche Form als Sammelbegriff für alle Geschlechter. Ich bin ja schon umständlich genug. Wie gesagt, es gibt nicht genug, es gibt a insgesamt kaum genügend Psychotherapeuten um den allgemeinen Bedarf in der Bevölkerung abzudecken. Sucht man einen Traumatherapeuten, heißt das auch, dass dieser Mensch neben seiner kostspieligen Therapieausbildung, die er nun irgendwie abbezahlen muss, auch noch recht kostspielige Weiterbildung in der Diagnostik spezifischer Traumafolgestörungen, spezifischen Behandlungsmethoden und vieles mehr macht, um seinen Patienten optimal helfen zu können. Gerade in der Psychotherapie muss man ständig up to date sein, da sich dort in den letzten Jahren, besonders in der Traumatherapie, der Sicht auf bestimmte Traumafolgen und der Methodik sehr viel tut.

Als Mensch mit einer im Fach sogenannten „komplexen Traumatisierung“, also in der Regel Traumatisierungen, die nicht nur ein oder einige isolierte Male auftraten, sondern einen längeren Zeitraum des Betroffenen geprägt haben, hat man es schwer selbst unter den Traumatherapeuten jemanden zu finden, der bereit ist, sich mit diesen Traumata auseinanderzusetzen. Es ist nämlich nicht schön und potentiell in der Lage ein Weltbild auf den Kopf zu stellen. Ich verstehe es vollkommen, wenn ein Therapeut offen zugeben kann, dass er überfordert ist. Tut er das nicht, schadet er sich und dem Patienten – oft mehr als man glauben mag.

Ist man gleichzeitig noch stark dissoziativ und nehmen wir dafür das Ende der dissoziativen Fahnenstange, die dissoziative Identitätsstörung, dann hat man das Problem, dass man spätestens hier abgewiesen wird, weil den meisten Therapeuten zu schwierig, sie haben noch keine Erfahrung und trauen sich nicht recht an die Materie heran.

Es gibt natürlich Cracks und Koryphäen auf dem Gebiet der Behandlung von DIS und einigen, gelegentlich damit zusammenhängenden Themen wie organisierte Täterstrukturen, RiGaGs und den Tatsachen, dass nicht alle Klienten es bereits geschafft haben sich aus diesen schädlichen Strukturen zu lösen. Manchmal weil die „Alltagsanteile“ nichts davon wissen und andererseits, weil es immer schwer ist, egal wie sehr z.B. die Familie einem geschadet hat, den Kontakt komplett abzubrechen. Immerhin, es gibt sie. Leicht ist es nicht einen dieser begehrten Therapieplätze zu ergattern. Es gibt kilometerlange Wartelisten, denn die Plätze sind rar – ein schwerst traumatisierter Klient mit einer DIS ist eine Herausforderung und verantwortungsvolle Therapeuten arbeiten nur mit einer begrenzten Anzahl solcher Klienten, zu leicht verheizt man sich sonst in seinem eigenen Job – und wer einen Platz ergattert hat, befindet sich häufig für längere Zeit in Therapie.

Eine Freundin riet uns in etwa folgendes (stark paraphrasiert)

Wenn ihr einen Hintergrund mit mehrfachen Traumatisierungen habt, eventuell auch organisiert und gezielt für die Produktion von Kinderpornographie „verfeuert“ wurdet, Opfer von Kinder- und Zwangsprostitution wart oder seit, wenn ihr rituelle Gewalt erlebt habt oder noch erlebt, wenn ihr Opfer von Verhaltens- und Bewusstseinskontrolle wart, wenn ihr Foltererfahrungen hab und obendrauf noch eine schwere dissoziative Störung habt oder gar eine DIS (ich selber ziehe da keine harten Grenzen, erlebe aber, dass viele Therapeuten dieses eben doch tun), dann müsst ihr euch darauf einstellen, dass die Therapeutensuche langwierig, herausfordernd, oft frustrierend wird und es oft so scheint, als wäre diese Belastung der Mühe nicht wert.

Bleibt zäh!

Lasst euch nicht so schnell abwimmeln. Werdet ihr abgewiesen, weil alles voll ist, ruft spätestens 3 Monate später wieder an!

Bleibt standhaft!

Bleibt dran! Auch wenn ihr nicht durchkommt oder auf mehrere Mails oder Nachrichten auf dem AB keine Rückantwort bekommt: Bleibt dran. So hart es gerade für jemanden ist, dem es schlecht geht und der vielleicht soziale Ängste hat, Therapieplätze bekommen meist diejenigen, die am Ball bleiben.

Vergesst nie, dass ihr es wert seit Hilfe zu bekommen! – und wenn ihr das nicht glauben könnt, redet es euch dennoch ein, denn es ist wahr!

Nehmt unfreundliche Therapeuten am Telefon nicht persönlich, wer weiß, was denen morgens ins Müsli gefallen ist!

Lasst euch nicht entmutigen, auch wenn es leichter gesagt als getan ist!

Die echten Perlen findet man oft an den Orten, wo man sie kaum vermutet hätte, tauch weiter!

Holt euch Hilfe euren Frust loszuwerden, und wenn es „nur“ das Tagebuch ist! Sprecht mit anderen Menschen, lasst euch aufbauen und neuen Mut zusprechen! Wenn ihr alleine seit, helfen euch vielleicht Netz-Communities, Krisentelefone, Gespräche in der nächsten Beratungsstelle.

Wenn jemand von euch weitere Anlaufstellen kennt, die ich hier nicht aufgeführt habe, spezifische Listen oder Suchmaschinen, Adressen usw.: Habt bitte keine Hemmungen sie hier mitzuteilen. Mit eurem Einverständnis, würde ich die Angebote gerne in diesen Thread mit einbauen.

EMDRIA Deutschland e.V. ist ein Verband von Therapeuten mit Zertifizierten Ausbildungen in der Traumatherapiemethode EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Auf der Website findet sich auch eine Suchmaske, mit deren Hilfe man Therapeuten, die in Deutschland zertifizierte EMDR-Therapeuten sind, suchen kan. Die meisten der dort gelisteten Therapeuten, sind durchaus auch mit anderen Methoden der Traumabehandlung vertraut. Zur Therapeutensuche.Wer nicht in Deutschland sucht findet hier die Möglichkeit Therapeuten im europäischen Ausland zu finden.

DeGTB – Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie ist eine Fachgesellschaft, die es sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat neue Erkenntnisse, Wissen und Informationen zu verbreiten und noch eine ganze Menge mehr. Es lohnt sich dort einmal vorbei zu schauen. Die DeGTB stellt auf ihrer Seite auch eine Suchmaske zur Verfügung, wo man geordnet nach geographischer Lage (hier ist es auch möglich neben Deutschland Therapeuten in Österreich, der Schweiz und in Luxemburg zu suchen), und einer Vielzahl weiterer Kriterien, wie Ausbildung des Therapeuten oder Art des Traumas, nach einem passenden Therapeuten gesucht werden kann. Gelistet sind nur Therapeuten, die DeGTB zertifiziert sind und entsprechende Ausbildungen in Psychotraumatologie abgeschlossen haben. Zur Therapeutensuche.

GPTG – Gesellschaft für Psychotraumatologie, Traumatherapie und Gewaltforschung. Der Name erklärt das Programm. Diese Organisation hat es  Das Besondere der GPTG ist meiner Meinung nach, dass man dort nicht nur nach Ärzten und psychologischen Psychotherapeuten suchen kann, sondern dass eine Vielzahl verschiedener Berufsgruppen, sowie Rettungsassistenten, Polizisten, genauso wie Pfarrer und Seelsorger dort Mitglied sind. Es gibt eine Seite „Hilfe und Beratung„, wo eine sehr Umfangreiche Linkliste, die für traumatisierte Menschen hilfreich sein könnte, zu finden ist, genauso wie Listen von Therapeuten, Kliniken, Fachkräften allgemein, Experten, Therapieformen und Finanzierungswege für eine ambulante Therapie. Eine Suchmaske für die Suche nach spezialisierten Traumatherapeuten in seinem Postleitzahlengebiet (neben Deutschland auch Österreich und die Schweiz) findet man direkt auf der Startseite.

VIELFALT e.V. ist ein Verein, der sich nun schon seit über 18 Jahren für die Information über Dissoziation und der Hilfe für dissoziative Menschen, bzw. im Besonderen für Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung ein. Schon sein Jahren veröffentlicht VIELFALT jährlich eine Liste mit Kliniken, die spezielle stationäre Therapieangebote für Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD), für Menschen mit Komplextraumatisierungen und Dissoziativer Identitätsstörung, bzw. anderen stark ausgeprägten dissoziativen Störungen sowie Kliniken die Programme für traumatisierte Patienten, die gleichzeitig eine Suchtproblematik haben. Seit vielen Jahre bemüht sich VIELFALT schon darum eine Datenbank für Therapeuten anzulegen, die Traumatherapie auch für Klienten mit dissoziativen/r (Identitäts)Störung anbieten, sich zum Teil auch mit Themen wie ritueller Gewalt auskennen. Es ist möglich den Verein einfach anzuschreiben und eine Liste für Traumatherapeuten in seiner Region anzufordern. Die Mailadresse dafür lautet vielfalt@vielfalt.de, ansonsten erreicht ihr den Verein auf verschiedenen Wegen über diese Kontaktinformationen.
VIELFALT e.V. ist ein Verein, der wirklich Besonderes für Menschen mit DIS, in der Vergangenheit geleistet hat und dieses noch immer tut. Weihnachten steht ja vor der Tür und Menschen fühlen sich inspiriert gerade in dieser Jahreszeit sich ihrer sozialen Verantwortung noch stärker bewusst zu werden. Wer der westlichen Weihnachtstradition des Spendens föhnen möchte, dem darf ich diesen Verein noch einmal ans Herz legen. Möglichkeiten VIELFALT e.V. zu unterstützen findet ihr hier!

Wildwasser e.V. ist ein Verein, der sich vor allem an Mädchen und Frauen, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind, aber auch an Freunde und Angehörige wendet. Wildwasser e.V. hat Beratungsstellen in vielen Städten und Regionen in Deutschland. Viele dieser Beratungsstellen arbeiten ja eng mit Betroffenen zusammen und begleiten viele auch bei der Therapiesuche. Meistens gibt es daher vor Ort eine Liste oder einen Karteikasten, wo Therapeuten verzeichnet sind und – und das kann hilfreich sein – mit Kommentaren von Patienten versehen sind. Es kann unter Umständen helfen so z.B. einige Therapeuten auszuschließen, weil diese nicht mit dissoziativen Klienten arbeiten oder im Gegenteil angeben dafür offen zu sein. Letztendlich ist es natürlich immer eine persönliche Entscheidung ob man mit einem Therapeuten zurecht kommt oder nicht, deshalb sollte man mit Erfahrungsberichten immer sehr bewusst umgehen. Wildwasser e.V. bietet auf seiner Seite auch die Möglichkeit nach Adressen von themenbezogenen bundesweiten Beratungsstellen in der eigenen Region zu suchen. Bei einigen der Beratungsstellen dort kann man euch sicher auch bei der Therapeutensuche helfen und euch eventuell in der Wartezeit begleiten.

Viele Städte haben sogenannte Trauma-Ambulanzen, die auch Behandlungen von Patienten anbieten, nach alle, aber viele haben Erfahrung mit komplextraumatisierten und stark dissoziativen Menschen. Manche können auch an passendere, niedergelassene Therapeuten vermitteln. In folgenden Städten findet ihr Trauma Ambulanzen (das hier ist nur eine Auswahl, denn die Liste ist lang, daher werde ich Links und Kontaktmöglichkeiten in einen separaten Artikel packen und diesen dann hier lediglich verlinken):
Trauma-Ambulanz des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München
Intensivierte Traumatherapie im ZIPB Berlin
Trauma-Ambulanz der Goethe-Universität in Frankfurt/Main
Trauma-Ambulanz des Universitätsklinikums in Münster

Es gibt auch gibt auch allgemeinere Methoden nach (Trauma)therapeuten zu suchen. Bei eurer Krankenkasse könnt ihr immer eine Liste von Therapeuten in euer Nähe anfordern. Ebenso könnt ihr die regionale Suche bei der Bundestherapeutenkammer nutzen. Auch einige der psychiatrischen Institutsambulanzen (kurz PIA genannt) der örtlichen psychiatrischen Krankenhäuser bieten neben akuter psychiatrischer und psychotherapeutischer Hilfe auch Hilfe bei der Suche nach geeigneten niedergelassenen Psychotherapeuten.

Es gibt diverse Websites, die Datenbanken haben, in denen man Therapeuten nach spezifischen Gesichtspunkten, wie z.B. Krankheit, Therapieform usw. auswählen kann. Häufig kann man dort auch direkt nach Traumatherapeuten suchen. Einige dieser Seiten sind, der Psychiatrische Informationsdienst (PID), der auf seiner Hauptseite auch einige nützliche allgemeine Informationen zur Therapeutensuche bereitstellt. Zusätzlich wird dort auch eine telefonische Beratung als Hilfestellung angeboten.

Bei der Therapeutensuche auf „therapie.de“ ist es ebenfalls möglich Therapeuten nach diversen Kriterien in seiner Region zu suchen.

Es gibt noch eine Reihe weiterer Seiten, auf denen man psychologische Berater, Heilpraktiker, Gastalttherapeuten uvm. suchen kann. Ich habe mich hier auf die Anlaufstellen beschränkt, wo man – meiner Meinung nach – mit einer größeren Wahrscheinlichkeit einen Therapeuten oder eine Therapeutin findet, die Erfahrung mit der dissoziativen Identitätsstörung mitbringt, in der Lage ist auch persönliche Geschichten mit komplexen und verworrenen traumatischen Lebenserfahrungen zu „ertragen“, die einschätzen können, wie anstrengend eine Therapie mit solchen Klienten ist und die bereit sind zu den tief verborgen liegenden und vom Klienten gut geschützten Kernthemen vorzudringen.

Ein Jahr „Pandy’s“ Vitrine

Kaum zu fassen aber war, vor einem Jahr, einer Woche und einem Tag, habe ich hier das erste mal etwas geschrieben und damit meinen ersten Blog eröffnet (hätte ich mit diesem Posting noch einen Monat warten sollen? Hätte definitiv noch cooler geklungen :mrgreen: )

Mein Postfach quillt über, einigen von euch konnte ich schon antworten. Alle anderen bitte ich um etwas Geduld – oder schreibt mir einfach noch mal, nicht dass ihr mir aus versehen verloren gegangen seit.

Jetzt ist es auch schon wieder drei Monate her, dass ich den Blog mit Inhalt gefüllt habe, der mir auch wirklich wichtig war und nahe ging.

Gelobet sei die Dissoziation, die ja nicht nur für das Aufpalten von Menschen in verschiedene Teilpersönlichkeiten verantwortlich, sondern in meinem Fall das, was mühsam zusammengefügt wurde, wieder fein säuberlich trennt und mir jegliche Erinnerungen nimmt, sowohl an die Inhalte der Themen aus der Kategorie „Kabinett“ als auch die simple Tatsache, dass sie tatsächlich geschrieben wurden. Ich musste einiges kurz überfliegen, nur um mir sicher zu sein, dass ich nicht geträumt habe zuzulassen, dass „böse Dinge“, Dinge über die man mit „denen da draußen“ nicht spricht, ja nicht einmal wirklich mit den Involvierten der Familie oder außenstehender Täter. Wenn man darüber sprach, dann nur unter Aufforderung und fast nie ohne mehr oder weniger geschickte Suggestivfragen (á la „Du magst es doch gern wenn der Günter dich so lieb streichelt, da freust du dich die ganze Woche drauf, nicht wahr?“)

Das erste Blogger-Jahr, werde ich nicht großartig kommentieren. Es hat mir viel geholfen. Ich habe mir sozusagen selbst vor Augen führen können, was offensichtlich – wenn auch in einer deutlich abstrakteren Form – schon in meinem Verstand vorhanden war. Privat hat mir das Jahr viel Neues und/oder „einfach sehr Anderes“ gebracht. Auch wurde ich und habe mich selber mit vielen Themen konfrontiert, die ich hier gerne näher beleuchten möchte.

Viele sind zunächst allgemein philosophischer Natur:

„Wer bin ich?“
„Was ist das ‚Ich'“
„Zu was bin ich fähig, im Guten wie im Bösen“
„Was ist eine gesunde Sexualität, wie erfahre ich ob ich eine habe und wenn dem nicht so ist, wie erreiche ich das“
„Wie lernt Mensch zu vertrauen, wenn er klein ist, wie ist es, wenn er erwachsen ist?“
„Zu was kann ich gebracht/getrieben werden und was oder wie lange braucht es dazu (Stichwort Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle, bzw. mind-control)?“
„Zu welchen Methoden greifen welche Organisationen um Menschen unter Kontrolle zu bringen?“
„Was motiviert solche Organisationen oder RiGaGs?“
„Wann verliert die Ware Mensch ihren Wert für die Organisation?“
„Wie löse ich mich aus solchen Netzwerken von RiGaGs, Organisationen von Tätern, involvierten Familien oder Einzeltätern

Mit dem Hintergrund der Themen, mit denen ich mich hier beschäftige, nämlich Störungen im Identitätserleben, gestörte Familienstrukturen mit psychischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt, organisierter Menschenhandel, Gewalt als Bestandteil ritueller Handlungen von Kulten mit den verschiedensten Ideologischen Unterbauten, bekommen viele der Fragen – wenigstens für mich – eine ganz neue Dimension.

Ich freue mich, dass sich für diesen Blog einige Gastschreiber bereit erklärt haben das ein oder andere Thema aus ihrer Sicht zu beleuchten.

Keine Drogen sind auch keine Lösung

Frei nach diesem Motto stapften wir also zu unserem örtlichen Dealer, ließen das Krankenkassenkärtchen einlesen und nahmen im Wartezimmer platz.

Das alte Thema mal wieder: Medikamente (Ja oder nein? Wenn ja, dann welche?), bei uns Drogen genannt. Ich für meinen Teil halte eine begriffliche Unterscheidung, nur weil die eine Substanz teuer über Pharmariesen vertickt wird und die andere durch Trips in das ein oder andere europäische Nachbarland (oder einschlägige Straßenecken der eigenen Ortschaft) besorgt wird, für irrelevant. Droge bleibt Droge. Eine Substanz mit psychoaktiver Wirkung. Kaffee ist eine Droge, Alkohol ist eine Droge, Cannabis ist eine Droge und das ärztlich verordnete Opioidanalgetikum ist auch eine Droge.

Mensch und Droge sind eine untrennbare Einheit. Es gibt kaum eine Gesellschaft, ein Naturvolk, eine Subkultur, die nicht den Gebrauch ihrer bevorzugten Drogen pflegt. Nehm’ ich meinem Männe den Kaffee weg, war’s das mit häuslichem Frieden, klau ich den Studis aus der WG im Haus gegenüber ihre Hanfprodukte… nein, daran wollen wir nicht denken, das wäre dann doch zu grausam.

Drogen sind ein Bestandteil unseres Lebens, seit wir denken können. Seien es die Valium-Tropfen, die wir als Kind in den Fencheltee geträufelt bekamen, damit wir etwas gefügiger wurden (noch heute mögen wir diesen bitter-süßen Geschmack… waren wohl gut auf die direkt folgende Ruhe konditioniert), wenn der Onkel Günter mit Kamera und zwei Kumpels kam. Die Halluzinogene, die während diverser Rituale innerhalb der RiGaG konsumiert wurden oder so wunderbar die Methoden der Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle unterstützten. Drogen waren es, die uns unendliche Qualen bescherten, die uns das Feuer der Hölle physisch haben spüren lassen und es waren Drogen, die uns Momente der inneren Ruhe, Angst- und Schmerzfreiheit schenkten. Eine Belohnung, die wir uns mit harter Arbeit verdienen konnten und die für uns einen hohen Wert hatte. Selbst wenn ich eine Schublade voll mit Benozodiazepinen, Opiaten, Brabituraten und anderen Narkotika hätte, genug um eine Elefantenherde ins Land der Träume zu schicken – wir würden diese Drogen niemals nehmen, um uns umzubringen. Es käme uns vor wie ein Sakrileg. Wir sind nie ein Kandidat für den goldenen Schuss gewesen, egal wie suizidal wir waren. Es mag schräg klingen, aber wir haben da ganz bestimmte Vorstellungen, selbst im Affekt – Drogen sind heilig und werden nicht missbraucht.

In der von Schulezeit und den  anderen “normalen” Aktivitäten dieser Phasen (wir sind heute noch jeden Tag dankbar, für diese Stunden der Flucht und dem, was wir so von anderen, “halbwegs normalen” oder nur “milde gestörten” Gleichaltrigen gelernt haben) geprägten  Jugend… *räusper* haben wir natürlich nur gehäkelt und gebetet… ganz bestimmt!!! …und manchmal vielleicht gesungen…

Irgendwann landeten auch wir im sozialpsychiatrischen Mühlwerk und da kommt man ohne (teils erzwungene) Einnahme diverser Psychopharmaka nicht davon. Auch wir hatten diese “Hilfe” offensichtlich dringend nötig, also wurd’ geschmissen was geschmissen werden konnte. Einige der übelsten Trips in unserem Leben haben wir kassenbezahlt in der Psychiatrie ausgesessen, von Ärzten als erfolgreich eingestellt abgehakt, wir lagen ja ruhig im Bett und keiner vom Personal wurde gezwungen sich mit dieser Frau zu befassen. Erfolg. Dass wir innerlich vor psychotisch-halluzinatorischem Erleben, der daraus resultierender Panik und körperlichen Schmerzen geschrien haben, uns aber keine Lautäußerung mehr gelang und wir kaum stehen konnten, war nicht relevant (ach Katatonie in Form von Stupor und Mutismus, du Segen aller polyklinikausgebildeten Schwestern und überforderten Assistenzärzte). Auf unseren äußeren Zustand wurde man aufmerksam, weil wir in der Visite das Gleichgewicht verloren und vom Stuhl rutschten. Reaktion: Strafmaßnahme.

Ja, das System gehört gründlich überarbeitet. Nein, nicht jede Psychiatrie und ihre Angestellten schiebt heute noch die “Kuckucksnest-Nummer”.

Heute sind wir weniger autoritätshörig.

Gerade dieses führte zu einem kürzlich (aber seit Jahren theatralisch angekündigten) Dealer-… Verzeihung, FACHarztwechsel. Unsere Ärztin war hilfreich in den ersten zwei Jahren, die wir bei ihr waren, weil sie sich Zeit nahm, uns für voll nahm und uns die Kompetenz zusprach, die wir tatsächlich hatten. Wir betrachteten die Sache nüchtern (mal wieder, aber diesmal  mit der Möglichkeit die Implikationenen nicht zu verdrängen), denn in den letzten 4 Jahren hatten wir pro Jahr exakt einen Termin mit ihr und einer davon betraf eine andere Erkrankung, die ich aufgrund der Größe der Praxis dort abklären konnte, ja und einen anderen Termin bekam ich nur durch ein geschicktes Täuschungsmanöver.

Es geht mir seit geraumer Zeit mit meinen Depressionen nicht besonders gut. Ich spüre es besonders am Antrieb, denn ich brauche eeeeewig für jede noch so kleine Aufgabe, wenn ich es überhaupt geschafft habe, aus meiner “Starre” zu erwachen. Ich skille mir den Arsch ab, Struktur ist vorhanden und genügend freie Räume, damit ich mich nicht beginne selbst weiter unter Druck zu setzen und alles in einer Rauchwolke hochgeht.

Also: Drogen

Nach dem ermogelten Termin (und dem Hinweis der neuen Sprechstundenhilfe, ich solle doch einfach neue Termine machen, wenn ich da bin, meinem freundlichen Nicken und beim Verlassen der Praxis lächelndes Kopfschütteln über so viel Naivität) wurde das Thema antidepressive Drogen angesprochen, ebenso wie andere aktuelle Probleme, die ich in ihr Fachgebiet fallen sah, so z.B. die gute Wirkung des Pregabalin, meiner Unfähigkeit seit Mitte 2012 zu schlafen (wenn, dann gelegentlich 1 1/2 Std. in 20 min. Rhythmen) und dem immer größer werdenden Problem der Antriebslosigkeit seit einer unabgesprochenen Medikationsänderung. Wir sagten, dass wir mittlerweile nicht mehr kompensieren können und dass sich auf unsere Arbeit, sei es außen, innen, oder Lebensbewältigung, wozu wir auch Therapeutensuche und soziale Kontakte zählen, massiv auswirkt.

Wir bekamen ein Agomelatin-haltiges Präparat und die Instruktion es mindestens 2 Monate zu nehmen. Wir sind brav, taten wie uns gesagt.

Einen neuen Termin bekamen wir – andere Sprechstundenhilfe, wir <sarcasm>mögen sie</sarcasm>, sie wird hier nur der Drache genannt und ich bin so froh unabhängige Zeugen zu dem ein oder anderen Termin bei mir gehabt zu haben – für einen Zeitraum nach 5 Monaten, früher wäre da nichts zu machen (Leute, diese Praxis ist nicht überlaufen, ich war schon so oft dort, mit 3 Patienten, 5 Ärzten und 6 Arzthelferinnen/-azubinen, die schwatzten und Kaffee tranken). Milder Schock, eher Fassungslosigkeit. Ich fragte sie, wie lange ich bei dieser Betreuungsdichte wohl das richtige Medikament finde. Nun, das sei wohl nicht ihr Problem. Ich fragte höflich, ob es denn möglich wäre wie früher Frau Dr. Schadewars, meine Fachärztin donnerstags, so wie sie es mir immer zusagte, kurz abpassen zu können. Nein, das ginge nicht, Frau Dr. Schadewars sei donnerstags nie in der Praxis und wäre es auch nie gewesen, so lange die Praxis existierte. Ich wusste ausnahmsweise mal genau, dass das nicht stimmte, weil ich mir die Zeiten, zu denen ich Frau Dr. erreichen konnte jedes Jahr neu in meinen Kalender schreibe. Ich konfrontierte den Drachen damit, dass das nicht sein könne, ich hätte 6 Jahre lang immer donnerstagsTermine gehabt. Der Drache schmetterte mir doch gar entgegen, dass das nie im Leben sein könne und dass sie es ja wohl besser wissen müsse als ich, schließlich arbeite sie dort und ich wäre eine psychisch gestörte Patientin, deren Verlässlichkeit in solchen Dingen bestimmt nicht die beste sei.

Ich hätts selbst nicht geglaubt, wenn Männe nicht hinter mir gestanden hätte.

Ich ging, nahm Kontakt mit der ausgelagerten Privatpraxis auf, wurde – auch als Kassenpatient – freundlich behandelt, bekam die Daten, wann ich Frau Dr. erreichen könne und tat etwas, was ich seit Jahren hätte tun sollen (abgesehen davon, das das Agomelatin die gleiche Wirkung wie Smarties hat und ich recherchieren musste um die nächste Droge, die ich dann ausprobieren würde, “auszuwählen”, Frau Dr. scheint dazu nicht in er Lage), ich setzte mich hin und verfasste sämtliche aktuellen Probleme stichpunktartig, ebenfalls einen Brief an Frau Dr. Schadewars, den ich ihr dort lassen wollte und die Bitte das von mir ausgesuchte Medikament, Verzeihung, Droge zu verschreiben.

Da die Praxis eh leer war, nahm sie sich also Zeit (darauf war ich nicht vorbeireitet, aber improvisieren ist keine meiner Schwächen), ich trug ihr meine Anliegen vor, dankte ihr für ihre kompetente Hilfe zu beginn der Zusammenarbeit, munierte – wie schon so oft, die Einstellung einiger Mitarbeiter, würdigte aber auch, dass es dort massive Veränderungen gegeben hat. Ich teilte ihr mit, dass ich nicht bereit bin mich von Mitgliedern ihres Personals anlügen zu lassen (ich brauchte keine Namen nenne, sie wusste, wen ich meine), als retardiert darstellen zu lassen und dass es nicht sein kann, dass ich quasi betrügen muss, um einen zeitnahen Termin zu bekommen.

Sie zuckte mit den Achseln und damit war das Thema für sie und nun auch für mich erledigt. Als ich ihr dann noch erklären musste, dass sie mich auch in andere Krankenhäuser einweisen kann, nicht nur das eine “um die Ecke”… blieb ich ruhig und verkniff es mir ihr einige einschlägige Literatur, z.B. das SGB o.ä. zu leihen.

Aaaaber

Dank Dr. Crumbiegel und einigen seiner Verweise bin ich bei einer Fachärztin gelandet, deren umfassende Kompetenz mich etwas schockiert hat, die sich sowohl in der Behandlung chronischer Schmerzen, sowie der Behandlung von Depressionen, Traumafolgeerscheinungen und der Differentialdiagnostik zwischen DIS und Schizophrenie auskennt – und es ihrerseits zu würdigen wusste, dass ich einem armen kleinen Assistenzarzt, der nachts um zwei Bereitschaft in der Notaufnahme schieben muss, bei der ehrlichen Beschreibung meiner Symptome in einer Krisenphase viel leichter zum Schluss: halluzinatorische Psychose kommen muss, als zu etwas anderem (der arme Assi hat genug zu tun als sich noch mit Psychopathologie zu befassen, der soll lieber ne Mütze voll Schlaf nehmen)

Frau Dr. Nachtigall (Ja, die Kreativität geht uns flöten) ist in jedem Fall eine Fachärztin, an die wir uns jederzeit wenden können. Entweder ist sie selbst erreichbar oder jemand anderes in dieser überdimesionierten und herrlich chaotischen Praxis. Als ich mit meinem doch recht langen Gespräch mit Frau Dr. fertig war, war es später Freitag Nachmittag, das Haus war fast leergefegt und das benötigte Rezept konnte nicht so einfach ausgestellt werden. Ich wurde aber nicht einfach nach Hause geschickt. Eine Sprechstundenhilfe, die schon mit Sack und Pack Richtung Aufzug verschwinden wollte, sah Männe und mich etwas verzweifelt in der Lobby stehen, fragte nach unsere Begehr und antwortete: “Ich kann sie ja so nicht nach Hause gehen lassen, warten sie, ich helfe ihnen.”

Angeblich sah ich aus, als hätte mir jemand in die Magengube getreten – nur eben… umgekehrt. (Männe konnte nicht anders, als dieses zu kommentieren, er hat mich schon so oft niedergeschlagen erlebt)

Es wurden Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit ich ein Rezept bekomme (und ich bin mir sicher, dass Apotheker extra Kurse in Arztschriftentziffern belegen müssen) und versorgt nach Hause gehen kann.

Ich lass mir nun eben helfen mit Pregabalin, hochdosiert, Bupropion, maximale Dosis, Zopiclon um wenigens ab und an mal zu schlafen und Duloxetin im Einschleichen… weitere Experimente werden anstehen.

Drogen sind keine Lösungen, sie sind Krücken… aber keine Drogen sind auch keine Lösung. Ich geh lieber eine Zeitlang oder von mir aus auch so lang ich lebe an Krücken als im Dreck liegenzubleiben und langsam zu verrotten