Das Pendeln in Extremen

…mit der Hoffnung irgendwann einmal die Mitte zu finden.

Dass ich etwas anders sozialisiert wurde, als es bei dem Durchschnittsbürger der Fall ist, klang hier ja schön öfter an. Diese Sozialisierung steht zum einen in argem Konflikt zu den üblichen gesellschaftlichen Normen, mehr als das aber steht sie in Konflickt mit meinem generellen Wohlergehen.

Ich wünsche mir nichts mehr, als mich von meiner – zugegenermaßen noch nicht lang vergangenen – Vergangenheit zu lösen.

Ich lese diesen Satz gerade und wundere mich, ob die Formulierung so richtig ist. Vergangenheit impliziert einen Zeitstrahl mit sagen wir mal 30 Jahren „Dunkelheit“ und 5 Monaten „Licht“, so oder so ähnlich. Passender wären wohl eher Betriffe wie „Parallelwelten“ oder „Doppelleben“, eben die Bereiche des Lebens, die von Gewalt und Manipulation beherrscht und fremdbestimmt sind/waren. Ich habe nicht 30 Jahre ausschließlich in einem Kellerloch verbracht, wurde dann ans Tageslicht gezerrt, in einen Beruf geschmissen and shiny happy people held me by my hand. Ein Teil von mir lebte ja in der Gesellschaft, Schule, Ausbildung, Studium, Beruf, Freundschaft, Beziehung, all das war gegeben und es wurde auch viel Wert darauf gelegt. Je unauffälliger und funktionaler ich war, desto besser. Niemand stellt unangenehme Fragen, bzw. besteht auf deren Antwort, wenn das Kind, die Jugendliche, die junge Frau entsprechend angepasst genug ist. Das sind jedenfalls meine Erfahrungen. Eventuelle Verhaltensauffälligkeiten als Kind und Jugendliche wurden vielleicht bemerkt, aber genausooft auch wieder verdrängt, denn sie passten nicht gut in das Bild, dass von mir dargestellt wurde. Leistung stimmte ja, warum also Fragen stellen.

Ich wünsche mir mich zu lösen. Wie ich das machen soll, ist mir nicht vollständig klar. Trial and Error. Könnte ich auch getrost als Lebensmotto nehmen. Ich habe wahrscheinlich auch meinen Beruf entsprechend ausgewählt. Versuchsanordnungen haben eine beruhigende Wirkung auf mich. Ein Gefühl vermeintlicher Kontrolle vielleicht? Irritierend genug, dass ich diese Prinzipien oft genug versuche auf mein Leben zu übertragen.

Ich behaupte mal ich habe in unserem „anderen“ Leben Extreme gelebt – leben müssen. Verquere Ideologien, mind control zu Hause und in der RGpG (wer hier noch nich gelesen hat, meine Abkürzung für „rituelle Gewalt praktizierende Gruppe/Gemeinschaft), parallel dazu Prostitution und Pornos in allen bunten Farben des Regenbogens. Gelebte Muster und Glaubenssätze unterscheiden sich vom sonst Üblichen (wie ich festgestellt habe). All das will ich nicht weiterführen.

Wie komm ich davon los? Die Idee war ins andere Extrem zu gehen. Das ist etwas, was ich schon öfter bei Mitmenschen beobachtet habe. Freunde, die zu Hause sehr streng religiös erzogen wurden, rebellierten häufig in der Jugend oder dem jungen Erwachsenenalter, lebten all das aus, was ihnen vorher verboten war – exzessiv – fingen sich aber nach einiger Zeit und fanden eine Mitte für sich. In der Pubertät passiert ja meist genau das, Kinder lösen sich von den Eltern und identifizieren sich mit dem genauen Gegenteil der Werte, die im Elternhaus vorherrschten.

Mir ist ähnliches auch bei uns aufgefallen. Wenn wir z.B. ein Problem lösen wollten, das aus der Erziehung (sein wir ehrlich, es ist ein Abrichten) der RGpG resultierte, erreichten wir das nur, wenn wir versuchten das Gegenteil anzustreben und auch nur dann, wenn wir radikal ins Gegenteil schlugen. Vor einigen Jahren wurden uns einige Probleme bewusst, die von einem hier gesetzten Programm (mind-control, am ehesten vergleichbar mit einer posthypnotischen Suggestion, nur „stärker“) zum Rapport herrührten. Dieses Programm sorgte dafür, dass Familie und RGpG über alles informiert wurden, was bei uns innen und außen los war. Wir konnten das nicht stoppen, da jeder sofort einen Blackout hatte, sobald dieses Programm ausgelöst wurde, was telefonisch auf einen bestimmten Auslöser, Trigger, cue, wie auch immer passierte. Wir hatten gelernt, dass wir immer ans Telefon zu gehen hatten, wenn es klingelte. Ich bekam damals schon immer ein furchtbar schlechtes Gewissen, wenn ich das Klingeln mal nicht hörte, in der Dusche war, oder kurz aus der Tür, wenn ich zu Hause war. Der einzige Weg, den wir sahen war uns selbst das Telefon als solches zu verleiden. Erstaunlicherweise haben wir das geschafft. Ein bisschen zu gut. In der Zeit danach konnten wir kaum ein Telefon nur berühren, geschweige denn den Hörer in die Hand nehmen oder das Freizeichen hören. Aus immer erreichbar wurde nie erreichbar. Bewusst war uns das damals nicht. Es funktionierte, schoss aber übers Ziel hinaus und wurde damit zu einem Hindernis. Mittlerweile haben wir es geschafft da eher eine Mitte zu finden, wir können meist mit Freunden telefonieren, wenn sie hier anrufen, offizielle Anrufen entgegennehmen, wenn wir mit welchen rechnen und gleichzeitig bestimmte Nummern oder anonyme Anrufe ignorieren.

Ob es der geschickteste Weg ist, weiß ich nicht, denn ein Extrem gegen ein anderes einzutauschen ist mitunter nicht weniger einschränkend. Die Tendenz dieses aber zu tun ist ganz unbewusst und automatisch und erstreckt sich über alle Lebensbereiche, von der Alltagsfunktionalität (da haben wir ebenfalls bisher nur in Extremen gelebt, entweder parallel Arbeit, Weiterbildung und Studium gestemmt oder gar nichts mehr auf die Reihe gekriegt) über so spezifischere Themen wie dieses Rapportprogramm oder die innere Haltung zur Familie (von „ich muss so unendlich dankbar sein“ bis „zur Hölle mit dem ganzen Pack“). Der Unterschied, den ich jetzt für mich reinbringen möchte ist, dass ich mir diese Mechanismen bewusst mache und dann auch bewusst anwende.

So ist es z.B. so, dass man hier immer darauf vorbereitet sein musste abgeholt zu werden oder selbst loszuziehen um meinetwegen auf Abruf einem „Freier“, der nach uns bestellte, zu bedienen („selbständig“ waren wir in dem Geschäft nie). Auch wenn man sich da physisch schon gelöst hat, lange gelebtes Verhalten bestimmt doch das Denken. Immer gestiefelt und gespornt sein, unvorbereitet erwischt zu werden hat üble Konsequenzen. Ich tue jetzt genau das Gegenteil, ich sabbotiere diese konstante physische und mentale Vorbereitung. Ich will es einfach nicht (mehr). Das sorgt für eine ganze Menge Stress innen und nein, ich will keinen radikalen Kurs beibehalten. Nur weiß ich mir nicht anders zu helfen.

Ich fühle mich da wie jemand, der laut in die Hände klatscht um einen Hysteriker zu beruhigen.

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Was der Dschungel mit der Hölle zu tun hat

“You can take the tiger out of the jungle, but you can’t take the jungle out of the tiger!”

(Bill Waterson)

Anders gesagt: Auch wenn man uns aus der Hölle herauszieht, so ist die Hölle noch immer in uns.

Sofern sich ein Außenstehender überhaupt mit dem Thema organisierte und/oder rituelle Gewalt beschäftigt hat und sich dazu eine Meinung bildet, wird oft in simplifizierten Konzepten von Gut und Böse gedacht. Es gibt entweder Opfer, die, die nur einstecken müssen, oder Täter, die Schuldigen, die nur austeilen.

Auf Täterkreise, wo es hauptsächlich um Ausbeutung geht, wie Gruppen der organisierten Kriminalität, die sich mit Menschenhandel, (Kinder)prostitution und -pornographie verdingen, mag das im Großen und Ganzen noch stimmen, auf Kreise in denen rituelle Gewalt eine Rolle spielt, wie Sekten und Kulte, lässt sich so ein Konzept nicht mehr ohne Weiteres anwenden.

Die Ziele dieser Gruppierungen unterscheiden sich. Während die Handlungen der einen Gruppe lediglich z.B. finanziell motiviert sind, findet rituelle Gewalt in Gemeinschaften statt, die in der Regel einen irgendwie gearteten ideologischen Hintergrund haben und wo „Mitgliedschaften“ innerhalb der Familien von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Solche Gemeinschaften haben ein zusätzliches Interesse daran ihre Mitglieder dauerhafter zu binden, während z.B. in der Kinderpornoindustrie die Ware Mensch ein Wegwerfartikel ist.

Diese rituelle Gewalt praktizierenden Gruppen (ich habe noch Schwierigkeiten eine stimmige Bezeichnung dafür zu finden, hier nutze ich um der Kürze willen mal die Abkürzung RGpG) erziehen ihre Mitglieder. Wir man in eine RGpG hineingeboren oder gerät in sehr jungen Jahren hinein, beginnt diese „Erziehung“, Ausbildung, Trainig – es letztendlich ein Abrichten – entsprechend früh, teilweise schon im Mutterleib (Stressinduktion ist da schon möglich und hat Einfluss auf die Mutter-Kind-Bindung). Die Methoden sind mannigfaltig und ich werde an anderer Stelle und zu einem späteren Zeitpunkt einmal genauer darauf eingehen. Sie zielen darauf ab, dass die RGpG maximale Kontrolle über das Mitglied erhält und dieses in eine starke Abhängigkeit gerät. Dazu gehört auch, dass man kaum in so einer Gemeinschaft aufwachsen kann ohne nicht sowohl Opfer als auch Täter zu werden. Diese Bivalenz ist beabsichtigt. Das Mitglied ist leichter unter Druck zu setzen, einzuschüchtern, zu erpressen.

Aufwachsen in einer RGpG bedeutet aufwachsen jenseits der üblichen gesellschaftlichen Normen. Es bedeutet verdrehte und pervertierte Konzepte von Gut und Böse zu lernen, persönliche Freiheiten einzubüßen, kein Recht zu haben über selbst die grundlegenden Bedürfnisse frei entscheiden zu können, in einem Millieu permanenter Grenzübertretung und Gewalt, egal in welcher Form, zu leben und – wie ich ja schon erwähnte – früher oder später beide Seiten der Medaille kennenzulernen. Es ist die Hölle. An die christliche Tradition des lodernden Fegefeuers nach dem Tode, geleitet und beherrscht von Teufeln und Dämonen, glaube ich nicht. Die Hölle sind andere Menschen, wie Sartre schrieb:““L’enfer, c’est les autres“.

Es ist möglich aus dieser Hölle auszubrechen – alles andere als leicht, die Erziehung verfehlt ihren Zweck da nicht, aber möglich. Nur ist es hier wie mit Erziehung im allgemeinen auch, sie lässt sich nicht einfach so ablegen. Auch wenn ich im Erwachsenenalter von zu Hause ausziehe, meine Interaktionen mit Eltern und Geschwistern haben mich und meine Sicht auf die Welt geprägt. Auch wenn in ein anderes Land und in eine andere Kultur auswandere, ich bin in Deutschland aufgewachsen, mit hier geltenden Werten und Normen, mit der hier gesprochenen Sprache. Ich kann mich anpassen, eine neue Sprache lernen, vielleicht sogar meinen Akzent verlieren, werde aber immer mehr oder weniger deutsch bleiben.

Und so trage ich die Hölle, in der ich aufgewachsen bin, noch immer in mir. Ich kann nur hoffen, dass das neu Gelernte sich festigt und das, was mich ursprünglich prägte, in meinem Leben an Relevanz verliert.

Wir sind eins.

Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.
(Mahatma Gandhi)

Was Gandhi verstand, lehrt der Buddhismus seit Jahrtausenden und selbst John Donne wusste, dass „kein Mensch […] eine Insel“ ist. Aber gerade wir, in unserer westlichen, ach-so-aufgeklärten Gesellschaft, tun gerne so, als ob all unser Tun keine Konsequenzen nach sich ziehen würde. Es fällt mir schwer ruhig zu bleiben, wenn Menschen Begrifflichkeiten wie „Verantwortung“ als „Un-wort“ abtun. Das lässt tief blicken. Sind wir soweit, dass nur der eigene, kurzfristige Nutzen Maßstab für unser Handeln wird? Wir nehmen dankbar mit, was wir kriegen können. Welche Auswirkungen das auf andere haben könnte scheint uns egal – schließlich ist nun mal  jeder nur für sich selbst verantwortlich.

Ernsthaft?

Was wir sagen und tun gestaltet unsere Umwelt, es beeinflusst andere, genau wie uns selbst. Schaffe ich mir ein Umfeld, in dem das Handeln von Gewalt bestimmt wird, so zerstöre ich andere, die Gemeinschaft und im letzten mich selbst.

Die Gesetzmäßigkeiten einer menschlichen Gesellschaft sind allzu oft auch auf die Strukturen eines multiplen Persönlichkeitssystems übertragbar. In diesem speziellen Fall vielleicht sogar noch deutlicher. Ein multiples System zeichnet sich dadurch aus, dass Anteile der Gesamtpersönlichkeit unabhängig Kontrolle über Fühlen, Denken und Handeln übernehmen können, oft ohne auch nur voneinander zu wissen. Das bringt viele Probleme mit sich. Diese scheinbare Unabhängigkeit führt nicht selten dazu, dass sich Anteile oder Innenpersonen Betroffener lange weigern zusammenzuarbeiten und dass Ärzte und Therapeuten noch immer glauben, es wäre im Interesse des Betroffenen die „unerwünschten“ Anteile zu unterdrücken, dauerhaft „wegzusperren“ oder zu „töten“.

Unerwünscht ist gern alles, dessen Handeln nicht verstanden wird. Geurteilt wird schnell, nachgefragt nur selten. Dabei war für uns der erste Schritt zum eigenen Verständnis zu begreifen, dass wir als Teile eines multiplen Systems eben nicht unabhängig voneinander existieren und der Glaube, unser jeweiliges Tun betrifft entweder andere oder uns selber nicht, ein Trugschluss ist. Erst nach dieser Erkenntnis waren Kapazitäten frei die Motivationen hinter den Handlungen der einzelnen Anteile oder Innenpersonen zu begreifen. Auch half das Verstehen, dass wir alle in Abhängigkeit voneinander so existieren wie wir sind, besser zu akzeptieren, dass es (noch) kein einheitliches Leben und Erleben – so wie es ein nicht-Multipler wahrscheinlich wahrnimmt – gibt.

Wir sind eins. Nicht in der Form eines „normalen“, einheitlichen Identitätserlebens, auch heißt es nicht wir sind alle einer Meinung (nichts wäre ferner der Wahrheit), aber wir begreifen Schritt für Schritt, dass wir nicht unabhängig voneinander existieren können, egal wie sehr bisweilen diese Tatsache ignoriert wird.