Checkliste Folgeerscheinungen bei Überlebenden von sexualisierter Gewalt

Die nachfolgende Liste enthält eine Reihe möglicher spezifischer und unspezifischer Symptome, die Folgen erlebter sexualisierter Gewalt sein können. Einzelne Symptome können auch von anderen Störungen herrühren, ihre Häufung legt aber die Wahrscheinlichkeit, dass es eventuell Missbrauchserfahrungen gegeben hat, nahe. Ich habe den Text mehr oder weniger frei aus dem Englischen übertragen.

Checkliste Folgeerscheinungen bei Überlebenden von sexualisierter Gewalt.
von E.Sue Blume, Autorin von „Secret Survivors“

Diese Liste basiert auf Beobachtungen und Interviews mit Überlebenden sexualisierter Gewalt, sowie der Arbeit der Organisation „New York Women Against Rape“

  1. Angst vor dem Alleinsein in der Dunkelheit, davor alleine zu schlafen, Nachtangst, Albträume (besonders von Vergewaltigung, Verfolgung, Bedrohung, eingesperrt sein, Blut)

  2. Schluckbeschwerden; Abscheu gegen Wasser im Gesicht beim Baden, Duschen oder Schwimmen (Erstickungsgefühle)

  3. Entfremdung vom Körper, sich im Körper nicht zu Hause fühlen; Unfähigkeit Signale des Körper richtig zu deuten und körperliche Bedürfnisse angemessen zu erfüllen; zwanghafte Reinlichkeit, inkl. baden oder duschen mit brühend heißem Wasser oder absolute Gleichgültigkeit was das äußere Erscheinungsbild und Körperhygiene betrifft

  4. Magen-Darm-Beschwerden; gynäkologische Beschwerden (inkl. spontaner vaginaler Infektionen), vaginales Narbengewebe; Kopfschmerzen; Arthritis und Gelenkschmerzen; starke Abneigung gegenüber Ärzten, besonders Gynäkologen und Zahnärzten

  5. Das Tragen von vielen Kleidungsstücken, selbst im Sommer; weite Kleidung; Schwierigkeiten Kleidung abzulegen, selbst wenn angebracht (beim Schwimmen, Baden, Schlafen); extremes  Bedürfnis nach Privatsphäre beim Benutzen des Badezimmers

  6. Essstörungen; Drogen- oder Alkoholmissbrauch (oder totale Abstinenz); andere Abhängigkeiten; zwanghaftes Verhalten (inkl. zwanghaftem Betätigungsdrang)

  7. Selbstverletzung (ritzen, verbrennen, etc., physischer Schmerz ist kontrollierbar, Abhängigkeit erzeugendes Muster); Selbstzerstörung

  8. Phobien, Panikattacken

  9. Bedürfnis danach unsichtbar zu sein, perfekt oder im Gegenteil gänzlich schlecht

  10. Selbstmordgedanken, -versuche oder Besessenheit vom Suizid (inkl. „passiver Selbstmord“)

  11. Depression (zeitweise lähmend), scheinbar grundloses Weinen

  12. Probleme mit Aggression: Unfähigkeit Wut zu erkennen, sich einzugestehen oder auszudrücken; Angst vor tatsächlichem oder eingebildetem Zorn, ständige Wut, heftige Feindseligkeit gegenüber des gesamten Geschlecht oder der ethnischen Gruppe („Rasse“) des Täters

  13. Dissoziation („Abspaltung“), Depersonalisation, Schockzustände; in Krisensituationen blockiert sein (stressige Situationen sind immer Krisen), seelische Erstarrung; körperliche Schmerzen oder Taubheit, die in Verbindung mit einer spezifischen Erinnerung, Emotion (z.B. Wut) oder Situation (z.B. Sex) steht

  14. Kompromisslose Kontrolle der eigenen Denkprozesse; übermäßiger Ernst und Humorlosigkeit oder ein ausgeprägt scharfer Verstand

  15. In der Kindheit oft versteckt, verharrt, sich in Ecken gekauert (Verhalten ausgerichtet darauf Schutz zu suchen); als Erwachsener Nervosität, sich beobachtet fühlen, Schreckhaftigkeit, Hypervigilanz (erhöhte Wachsamkeit)

  16. Probleme/Unfähigkeit zu vertrauen (zu vertrauen scheint nicht sicher); bedingungsloses Vertrauen, dass in Zorn umschlägt, wenn enttäuscht; wahlloses Vertrauen

  17. Hohe Risikobereitschaft; Unfähigkeit Risiken einzugehen

  18. Schwierigkeiten mit Grenzen, Kontrolle und Macht; Angst vor Kontrollverlust; zwanghafte Verhaltensweisen (Versuche Unwichtiges zu kontrollieren, nur um überhaupt etwas zu kontrollieren); verwechseln von Macht und Sex

  19. Schuld, Scham, niedriges Selbstbewusstsein, Gefühle von Wertlosigkeit; übertriebene Wertschätzung von keinen Gefallen anderer

  20. Muster von Opferverhalten (sich selbst bestrafen, nachdem man von anderen schikaniert wurde), besonders in sexueller Hinsicht; kein Gefühl für die eigene Macht oder das Recht Grenzen zu setzen und „Nein“ zu sagen; Verhaltensmuster von Beziehungen mit sehr viel älteren Personen (Beginn in der Jugend) oder übertriebener Sinn für den eigenen Bedarf; auch im Erwachsenenalter immer wieder Opfer anderer werden (sexualisierte Gewalt, inkl. sexuelle Ausbeutung durch Vorgesetzte oder professionelle „Helfer“)

  21. Das Bedürfnis etwas zu schaffen und geliebt zu werden; instinktiv wissen und tun, was der andere möchte oder braucht; Beziehungen bedeuten Kompromisse („Liebe“ wird genommen, nicht gegeben)

  22. Verlustangst; Wunsch nach Beziehungen ohne Getrenntsein; Angst vor und Vermeidung von Intimität

  23. Verdrängen bestimmter Lebensabschnitte (besonders zwischen dem 1. und 12. Lebensjahr, kann bis ins Erwachsenenalter reichen), bestimmter Personen oder Orte

  24. Das Gefühl ein schreckliches Geheimnis mit sich herumzutragen; der Drang zu erzählen vs. der Angst, dass es offengelegt werden könnte, bzw. dass niemand zuhören würde; allgemein verschlossen sein; das Gefühl gezeichnet zu sein (der „scharlachrote Buchstabe“)

  25. Sich verrückt fühlen, anders fühlen, sich als unwirklich und andere als real wahrnehmen oder umgekehrt; Phantasiewelten, -beziehungen oder -identitäten (z.B. bei Frauen: sich wünschen oder vorstellen männlich zu sein und vermeintlich damit kein Opfer) erschaffen

  26. Leugnen, verdrängen von Erinnerungen, bagatellisieren („es war ja nicht so schlimm“), Träume oder Erinnerungen („vielleicht bilde ich mir das nur ein“), Flashbacks (so beginnt der Erinnerungsprozess in der Regel), starke und unangemessen negative Reaktionen auf Menschen, Orte oder Situationen, „Körperflashbacks“ (körperliche Reaktionen) ohne deren Bedeutung zu erkennen; das Erinnern einer Umgebung ohne das eigentliche Ereignis zu erinnern. Erinnerungen beginnen oft mit dem am wenigsten bedrohlichen Ereignis oder Täter. Tatsächliche Einzelheiten des Missbrauchs werden eventuell nie vollständig erinnert, dies ist allerdings für die Heilung unerheblich. Innere Beschützerinstanzen/Schuzmechanismen lassen immer nur so viele Erinnerungen zurückkommen, wie man auch in der Lage ist zu verarbeiten.

  27. Sexuelle Probleme: Sex fühlt sich „schmutzig“ an; Abneigung gegen Berührungen, besonders gynäkologische Untersuchungen; starke Abneigung gegen oder der starke Drang nach bestimmten sexuellen Praktiken; sich vom eigenen Körper betrogen fühlen; Schwierigkeiten Sexualität und Emotionen unter einen Hut zu bringen, Verwechseln von Zuneigung, Sex, Dominanz, Aggression und Gewalt; Streben nach Macht in sexuellen Belangen, was tatsächlich ein sexuelles Ausagieren darstellt (Manipulation, Missbrauch anderer); zwanghaft asexuell oder verführerisch sein; Promiskuität; Sex mit Fremden, aber gleichzeitig das Unvermögen Sex innerhalb einer intimen Beziehung zu haben; Prostitution, etc.; Sexsucht, Vermeiden von Sex; weinen nach dem Orgasmus; jeder Verkehr fühlt sich wie eine Grenzüberschreitung an; Sexualisierung aller bedeutsamen Beziehungen; sexuelle Reaktionen auf Missbrauch oder Gefühle der Wut; Vergewaltigungsphantasien (oft resultieren daraus Gefühle von Schuld und Verwirrung , Teenagerschwangerschaften

  28. Muster von ambivalenten oder stark konfliktbehafteten Beziehungen (bei echter Intimität treten die Schwierigkeiten eher auf als in problematischen Beziehungen, wo der Fokus schnell von der eigentlichen Missbrauchsproblematik abgelenkt wird); auch Partner leiden unter den Konsequenzen des erlittenen Missbrauchs des/der Lebensgefährten/in

  29. Meiden von Spiegeln (steht in Verbindung mit dem Gefühl unsichtbar zu sein/sein zu müssen, Scham, Selbstwertproblemen, verzerrter Körperwahrnehmung)

  30. Der Drang den eigenen Namen zu ändern (um sich von den Tätern zu distanzieren oder ein Gefühl von Kontrolle durch die neue Selbstbezeichnung zu gewinnen)

  31. Glücklich zu sein nur begrenzt dulden können, aktives Vermeiden von Freude, dem Gefühl der Freude nur widerstrebend trauen

  32. Scheu davor Lärm zu machen (z.B. während des Geschlechtsverkehrs, weinen, lachen oder andere Körperfunktionen); verstärkt auf jedes Wort achten; leise sprechen, besonders wenn es eigentlich nötig wäre, dass man gehört wird

  33. Stehlen (Erwachsene), Feuer legen (Kinder)

  34. Multiple Persönlichkeiten/Dissoziative Identitätsstörung (die oft unerkannt bleibt)

  35. Vermeiden bestimmter Nahrungsmittel aufgrund der Konsistenz (z.B. Mayonnaise), dem Erscheinungsbild (z.B. Bratwurst), Geruch oder Geräusch an den Missbrauch selbst oder den Täter erinnern; Abneigung gegen Fleisch oder rote Nahrungsmittel

  36. Zwanghafte (Un)ehrlichkeit

  37. Erhöhte Aufmerksamkeit bezüglich Kindesmissbrauch oder das Unvermögen Kindesmissbrauch als solchen zu erkennen; Vermeiden des Themas Missbrauch; die Tendenz Beziehungen zu Menschen einzugehen, die selbst (Kinder) missbrauchen

Quelle: The Incest Suvivors Aftereffect Checklist

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I Ain’t Bovvered

Am I bovvered? Do I look bovvered? Does my face look bovvered? I ain’t bovvered!

(Catherine Tate als „Lauren Cooper“)

Erst letzte Woche hielt mir mein Hausarzt einen Vortrag über die Sinnhaftigkeit von Psychohygiene. Aus ihm sprach der Frust von Jahrzehnten. Er hat ja recht. Psychosomatische Erkrankungen sind heutzutage der vorherrschende Grund für Arbeitsunfähigkeit. Auch Allgemeinmediziner werden notgedrungen immer öfter mit psychischen Störungen konfrontiert.

Als mein lieber Hausarzt dann begann seinen Monolog zu halten und sämtliches Geschehen um sich auszublenden, hatte ich etwas Schwierigkeiten weiter lächelnd und nickend auf meinen Stuhl sitzen zu bleiben. „Was glaubt denn dieser Laie mir bahnbrechend Neues erzählen zu können?“ dachte es in mir. Die eigene unwillkürliche Arroganz erschreckt mich doch immer wieder. Also sammelte ich mich wieder und bemühte mich weiter seinen Ausführungen zu folgen. Insgesamt war da wenig, was auf mich zutraf, aber an einem Punkt blieb ich doch hängen. Psychohygiene ist unerlässlich.

Ich gehöre ja nun in die Kategorie Menschen, die man getrost als „therapieerfahren“ bezeichnen kann. Es gibt wenige Interventionen und Konzepte, mit denen ich mich noch nicht auseinandergesetzt habe. Eigentlich könnte man meinen ich habe immer alles im Griff, handle und fühle immer bewusst. Wie betriebsblind ich geworden war ist mir allerdings erst dort in der Praxis meines Hausarztes klargeworden – nicht zuletzt, weil „mir kannst du sowieso nichts Neues erzählen“ meine erste Reaktion war.

Aber *puh* der Gute hat nicht ganz Unrecht, was das Thema Psychohygiene betrifft. Das kam hier arg ins Hintertreffen. Stressoren waren mannigfaltig und omnipräsent. Ohne es bewusst wahrzunehmen hab ich mich vereinnahmen lassen. I was bothered. Definitely.

Und so begann ich mit einer Bestandsaufnahme. Eberhard Schomburg formulierte acht Lebensgrundbedürfnisse, „Liebe, Sicherheit, Anerkennung, Bestätigung, Erfolgserlebnisse, Raum zu freiem schöpferischen Tun, Erlebnisse mit Erinnerungswert und Selbstachtung“. Die Psychohygiene strebt danach diese Bedürfnisse zu erreichen und zu erhalten.

  • Liebe. Check. Das, was mich hier im Leben hält. Ich darf lieben und noch unfassbarer: ich werde zurückgeliebt. Ich habe einen wunderbaren Mann, der meine Vorstellungen von Partnerschaft teilt, mit dem ich offen über alles reden kann. Ich habe Freunde, die mir sehr nahe stehen. Auch da ist Liebe. Wenn ich an diese geliebten Menschen denke, fühle ich mich wirklich gesegnet.
  • Sicherheit. Ein deutlich schwierigeres Thema. Meine Paranoia ist nicht nur wahnhaftes Erleben, die kommt nicht von ungefähr. Für Sicherheit vor den Zugriffen meiner Herkunftsfamilie und dem organisierten Täterkreis haben wir lange gekämpft und wir schaffen es Schritt für Schritt und innerlich und äußerlich zu lösen. Wir haben ein soziales Netz, wir leben nicht mehr alleine, wir können nicht mehr „einfach so“ verschwinden. In den letzten Monaten haben wir erneut lernen müssen, dass es wichtig ist darauf zu achten wem man vertraut. Es gibt eben doch Menschen, die ohne groß zu zögern sensible Informationen gegen einen benutzen und wenn das nicht zieht, dann einfach was erfinden. Wir haben uns wieder verstricken lassen, Ängste, Schlafstörungen, depressive Episoden und Somatisierung waren die Folgen. Wir gehen diese Probleme an, halten Rücksprache mit unseren Nächsten, ziehen uns aus Situationen, die uns nicht gut tun.
  • Anerkennung, Bestätigung, Erfolgserlebnisse. Noch eine Baustelle. Aktuell gibt es eindeutig zu wenig Erfolgserlebnisse. Aber ich arbeite daran, wir arbeiten daran. Es stehen Veränderungen an, gerade was das berufliche betrifft. Wir brauchen das. Anerkennung unserer akademischen Leistungen, Erfolge im Job, Bestätigung durch Kollegen und Vorgesetzte haben hier immer eine enorme Stabilität gebracht. Wir fühlen uns dann nicht beschädigt, behindert und gestört, sondern als Teil der Gemeinschaft.
  • Raum zu freiem schöpferischen Tun. Die Notwendigkeit des schöpferischen Ausdrucks wird oft verkannt. Schlimmer noch: kreative Betätigungen gelten gern als Zeitverschwendung. Es gibt ja Wichtigeres. Selbst in unseren Schulen sind Inhalte wie Kunst, Musik, Tanz, freies Schreiben am ehesten von Kürzungen betroffen. Ich bin im Alltag meist keinen Deut besser. Ich habe so viele Möglichkeiten, um mich auzudrücken. Ich liebe es mit meinen Händen zu arbeiten, ich liebe Musik und kenne die heilende Wirkung des „Schöfpens“. Mit meiner Antriebslosigkeit nehme ich mir aber so viel und gerate in einen Teufelskreis, aus dem ich nur ausbrechen kann, wenn ich mir immer wieder bewusst mache, wie wichtig es ist die eigene Kreativität auszuleben. Ich muss nicht gleich eine meterhohe Marmorstatue schaffen. Im Alltag bleibt genügend Raum für größere und kleinere Projekte. Mal wieder jammen, mit Kindern ein Lego-Raumschiff bauen, ein Fensterbild oder ein Gedicht schreiben. Es gibt so viele Möglichkeiten zum Ausdruck. Die eigene Psyche dankt’s einem.
  • Erlebnisse mit Erinnerungswert. Check. Ein Essen mit Freunden, bei denen sein darf wie man ist oder über die guten alten Zeiten plaudern kann, ein Ausflug, den ersten Schnee begrüßen… die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Die Erinnerungen an positive Erlebnisse bleiben und sind ein Licht in der Dunkelheit, wenn wieder alles über einem zusammenzustürzen scheint.
  • Selbstachtung. In Ordnung. Da reden wir ein anderes Mal drüber. Alles, was wir da gerade tun können, ist und von uns selbst nicht allzu arg zerfleischen lassen, sich nicht immer wieder plagen. Baustelle.

Mit der Bestandsaufnahme, motiviert durch den Hausarzt, wurde uns auch klar, dass wir in letzter Zeit zu wenig haben distanzieren können. We were bothered. Das führte dazu, dass Sicherheit und Selbstachtung wieder stärker zu einem Problem wurden. Drum der Versuch einer neuen Haltung. Ich lass mich nicht weiter blockieren.

I won’t be bovvered