DIS ist… #7

DIS ist… das (zweifelhafte) Vergnügen in der Lage zu sein für sich selbst die Ostereier zu verstecken.

Advertisements

Neulich in der Innenstadt

Falls es noch keinem aufgefallen sein sollte: es weihnachtet gar sehr (sprach’s und warf ein paar künstliche Schneeflocken in den viel zu warmen Dezemberhimmel). Und auch, wenn sich der Hype, den wir veranstalten, arg in Grenzen hält, das ein oder andere Geschenk, möchte wenigstens für die Kinder der Familie besorgt sein (wobei wir enormen Spaß hatten, besonders unsere Innenkids).

So zog dann unsereiner mit ner Menge Ideen im Kopf und bewaffnet mit EC- und Kreditkarte todesmutig gen völlig überfüllter Fußgängerzone in der örtlichen Innenstadt.

Überfüllte Fußgängerzonen zeichnen sich dadurch, dass sie eine ganze Menge Menschen beinhalten („Ernsthaft?“ „Ja, ich sag’s dir doch“ „Schockierend!!!“). Unsere Stadt ist verhältnismäßig übersichtlich und wir leben seit mittlerweile 15 Jahren dort. Dadurch, dass wir wir über die Jahre hinweg in den unterschiedlichsten Netzwerken aktiv waren oder auch noch sind (Sei es durch unsere Musik, Uni, Kirchengemeinde oder Job), haben wir eine Menge Bekannte. Und dadurch, dass sich diese Aktivitäten sich zum Teil auf bestimmte Innenpersonen von uns beziehen und nicht jeder andere von uns da immer Anteil nimmt oder nehmen kann, hat auch nicht jeder einen Überblick z.B. über die geknüpften Kontakte.

So begab es sich also, dass ein Pärchen in besagter Fußgängerzone recht zielstrebig auf uns zusteuerte. Sie winkte währen er laut: „Nina, hey Nina [sämtliche Namen von der Redaktion geändert], dich hat man ja schon ewig nicht mehr gesehen!“ rief.

Gut dachte ich mir, die scheinen wohl tatsächlich mich zu meinen, jedenfalls sehen sie auch beim Näherkommen nicht so aus, als hätten sie sich geirrt, meinen Namen trage ich in der Regel auch nicht auf einem Pappschild mit mir rum.

Ein verzweifeltes Wühlen in den eigenen Hirnwindungen begann, aber ich konnte die Gesichter beim besten Willen nicht zuordnen, ja nicht einmal erinnern. Aber gut, das kennen wir ja schon, passiert nicht zum ersten Mal (und auch nicht all zu selten), dass sich jemand von uns – in diesem Falle ich – sich mit einer Bekanntschaft einer anderen Innenperson konfrontiert sieht

Kleiner Zeitsprung:

Ich war ungefähr 8 Jahre alt und stand vor dem Haus meiner Klavierlehrerin, den „Czerny Krentzlin“ fest im Arm. Wie ich dort gelandet war, war mir auch damals nicht ganz klar, aber Amnesien und Zeitlücken gehörten zu der Zeit schon zu meinem Leben dazu und da ich nie etwas anderes kannte, war es meine „Normalität“. Da sich mein Finger bereits am Klingelknopf befand ging ich davon aus, dass wohl zum Unterricht gehen sollte.

Im Treppenhaus begegnete mir ein anderes Mädchen, vielleicht zwei oder drei Jahre älter als ich. Sie kam freudestrahlend auf mich zu.
„Hallo Nina, du warst ja schon seit Monaten nicht mehr hier. Ich hab gehört du warst so schlimm krank.“

Ich habe wirklich angefangen zu schwitzen, als ich verzweifelt versuchte mich zu erinnern welche Krankheit das wohl gewesen sein mochte und stellte fest, dass ich keine Ahnung hatte, was in den vergangenen Monaten gewesen war. Es war eindeutig Herbst. Auf dem Hof vor dem Haus der Klavierlehrerin lagen überall Haufen mit braunem Laub. In meiner letzten Erinnerung war es noch später Frühling, ich durfte mit meiner Cousine und meinem Onkel zu Himmelfahrt eine kleine Wanderung unternehmen.

„Ja.“, sagte ich, „Es geht mir aber schon wieder viel besser.“ Und es fühlte sich wie eine Lüge an.

Erleichtert, dass diese Antwort das Mädchen zufrieden zu stellen schien, verabschiedete ich mich und steig weiter die Treppen zur Wohnung der Klavierlehrerin hinauf.

Danach war ich auch schon wieder „weg“.

Ich hoffte also in dem nun beginnenden Small-Talk einige Hinweise darauf zu finden, woher man nun dieses Pärchen kennen könnte.

Ich: „Oh, schön euch mal wieder zu sehen, wie geht’s euch denn?“ (Bloß allgemein bleiben, da kann man nicht viel mit falsch machen)

Sie: „Ganz gut soweit… und dir?“ (Wahnsinnig hilfreich)

Ich: „Sehr gut. Viel zu tun, neuer Job und so, aber macht wirklich Spaß.“

Er: „Oh prima, was machst du denn jetzt?“

Ich erzähle und bin derweil immer noch nicht schlauer wie und wo ich die beiden zuordnen soll. Stelle erneut eine Frage: „Und ihr beiden, was gibt’s bei euch Neues?“

Sie: „Wir haben ja im Sommer endlich geheiratet.“ Sie hält mir stolz ihren Ehering unter die Nase, ein hübsches und interessantes Stück geziert von einer kleinen, polierten Froschkönig-Krone. „Schau, die hat Tina für uns angefertigt.“ (Es wird wärmer. Tina, eine Goldschmiedin, kenne ich. Das schränkt den Kreis der Verdächtigen trotzdem nicht ein. Tina ist ein regelrechter „Socializing-Guru“.)

Er: „Wir hätten es ja schön gefunden, wenn du auch auf der Hochzeit gespielt hättest. Wann hört man denn mal wieder was von dir?“ (Aha, Musik. Eine – wenn auch nicht besonders nennenswerte – Einschränkung des Kreises der Verdächtigen.)

Ich entschuldige mich und erwähne, dass ich (will in diesem Zusammenhang heißen die normalerweise musizierenden Innenpersonen von uns) im Moment aus Zeitmangel ohnehin nicht viel aktiv mache, aber neue Projekte schon wieder am Start sind (so viel bekomme ich dann immerhin doch mit).

Sie: „Das verstehe ich. Ich komme im Moment auch nicht mehr dazu.“ (Warm. Scheint eine „befreundete“ Musikerin zu sein.)

Wie bei Small-Talk üblich erschöpft sich der Gesprächsstoff schnell und wir verabschieden uns, nicht ohne das beiderseitig obligatorische Versprechen, dass man sich mal wieder melden würde und man zieht von dannen um seiner zuvor schon beschrittenen Wege zu gehen.

Irgendwann zu Hause angekommen packt mich erneut die Neugier. Ich krame in einer Kiste mit alten Jahrbüchern, Fotos und Sonstigem mit Erinnerungswert und ziehe einige Konzertveranstaltungsprogramme hervor. Ich werde tatsächlich fündig. Über den Fotos der beiden, die mir in der Innenstadt begegnet waren, prangt der Name einer Band, darunter ihre eigenen. Also doch richtig geraten. Eine gewisse Genugtuung erfüllt mich. Insgesamt ist dieses Aufeinandertreffen ohne über die Maßen merkwürdig zu werden über die Bühne gegangen.

Und weil ich ein freundlicher Anteil unseres Systems bin, mache ich in unserem gemeinsam geführten Kalender und Tagebuch eine Notiz: „Alexandra und Tobias Müllermeyer in der Stadt getroffen. Sind so verblieben, dass wir uns bei Gelegenheit mal wieder bei ihnen melden.“

Von Inseln, Familien und der Wichtigkeit sozialer Netze

No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main.

(Kein Mensch ist eine Insel, ganz in sich selbst; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen.)

Es wurde hier auch schon einmal John Donne zitiert. Man könnte meinen dieses Zitat hinge uns besonders am Herzen… nun… so ist es ja auch fast.

Ich glaube der Mensch ist ein Rudeltier und die Individualität ein geheiligtes Trugbild. Der proklamierte Individualist neigt ja auch dazu Uniform zu tragen – oder liegt es nur an mir, dass alle, egal ob Hippie, Punk, Visual Kei, Emo oder Goth, in sich irgendwie gleich aussehen und dass tausende deutscher Hausfrauen „Glaube, Liebe, Hoffnung“ in chinesischen Schriftzeichen auf dem Knöchel tragen um sich von der Masse abzuheben?

Ich verteufle den Herdentrieb nicht – im Gegenteil (für mich auch das Positive an sämtlichen Subkulturen). Wir Menschen brauchen einander mehr, als wir es uns manchmal eingestehen. Der Mensch als Mängelwesen ist auf die Gemeinschaft angewiesen und ich sehe mich oft mit den Nachteilen der Individualisierung in der Gesellschaft konfrontiert. Da ist die alleinerziehende Mutter, die nicht wüsste, wo sie ihr Kind lassen könnte, wenn sie sich unverhofft ein Bein brechen sollte oder die alte, alleinstehende Frau, die keine Lebensmittel mehr im Haus hat, weil es so glatt ist, dass sie mit ihren zwei künstlichen Hüften nicht das Haus verlassen kann.

Man könnte jetzt in Nostalgie verfallen und nickend seufzen:“Ja… früher war alles besser.“, doch halte ich das für im besten Falle nur halb wahr. Sicher, ich bin ein großer Fan der Institution der Großfamilie, der Dorfgemeinschaft, der Kirchengemeinde, aber ich sehe auch wie viele Zwänge damit einher gingen, dass Ausgegrenzte noch hilfloser waren als es Menschen ohne Anhang in den Betonburgen am Rande der heutigen Großstädte sind.

In jedem Fall sind die Anforderungen an den Einzelnen heute ganz andere, als sie es noch vor 200 Jahren waren. Das Arbeitsangebot und die Struktur moderner Großstädte reißt Familien oft räumlich auseinander und nehmen damit die für die Meisten wichtigste Stütze.

Ich habe ja schon gesagt, dass ich ein Fan des Konzeptes der Großfamilie bin, mehrere Generationen (unter einem Dach), die von einander lernen, sich gegenseitig unterstützen können. Nun waren meine Erfahrungen mit meiner Herkunftsfamilie gelinde gesagt suboptimal. Wenn ich dort etwas gelernt habe, so war es wie man es nicht machen sollte. Was Familie bedeutet und welchen Halt man dort finden kann, habe ich von und mit Menschen gelernt, mit denen mich weder eine Blutsverwandtschaft noch eine Heiratsurkunde verbindet. Ich habe heute eine wundervolle Familie und zwar eine Familie, die ich mir selbst gesucht habe. Nein, wir sind nicht verwandt, aber wir stehen füreinander ein, empfinden Verantwortung füreinander, teilen unser Leben miteinander.

Es war für mich nicht leicht an diesen Punkt zu kommen. Ich habe lange dem konservativen Familienbild hinterher gejagt immer getrieben von den ungestillten Sehnsüchten meiner Kindheit. Es hat gedauert bis ich erkannt habe, dass Familie weit mehr ist als Verwandtschaft oder Schwägerschaft und dass das/mein Verständnis von Familie einer Überholung bedarf. So pathetisch es klingen mag, aber für mich war das (über)lebenswichtig. Ich habe jetzt einen Platz im Leben, einen Ort, wo ich hingehöre, Verantwortungen, denen ich mich nicht so einfach entziehen kann und ich habe Halt. Es macht einen Unterschied ob ich da bin oder nicht.

Es ist gut jemanden zu brauchen und gebraucht zu werden.

Es ist gut jemanden zu haben. Schlimm ist es zu sehen, wie viele Menschen, die Unterstützung und Hilfe benötigen würden und die selber so viel zu geben haben, ganz allein gelassen sind. Nicht jeder hat das Glück aus einer intakten und großen Familie zu kommen, Vielen fällt es nicht leicht Kontakte zu knüpfen und unsere Gesellschaftsstruktur macht das nicht gerade einfacher. Wie oft habe ich es in Selbsthilfegruppen oder in Kliniken erlebt, wenn ich auf andere Multiple traf, dass der ambulante Therapeut meist der einzige Sozialkontakt war und man sich mehr schlecht als recht versuchte alleine durch ein sehr problembehaftetes Leben zu kämpfen (ich weiß, dass das natürlich nicht nur für Multiple, bzw. komplex Traumatisierte gilt, das ist lediglich der Blogschwerpunkt). Auf der anderen Seite erlebe ich, welchen Wert ein funktionierendes soziales Netz darstellt und dass es buchstäblich Leben rettet.

Wir wären heute nicht hier, wenn unser Netz nicht gewesen wäre. Als wir fielen hat es uns aufgefangen, als wir nicht mehr kämpfen konnten, als wir nicht mehr Leben wollten, als wir alles aufgegeben hatten. Ohne das Netz hätten wir nie die letzten Schritte des Ausstiegs aus „unserer“ RiGaG geschafft, denn es war auf einmal nicht mehr egal, was mit uns geschieht. Wir konnten nicht mehr „einfach so“ vom Erdboden verschwinden, unser Tod, selbst wenn es ein Selbstmord oder Unfalltod gewesen wäre, hätte viele unangenehme Fragen aufgeworfen. Dieses Netz, die Kontakte zu „Außenstehenden“ hat uns mit der Zeit für die RiGaG „unhaltbar“ gemacht, „unattraktiv“, es wurden weniger Energien investiert um uns bei der Stange zu halten. All das hat den Ausstieg für uns überhaupt erst möglich gemacht.

Wir sind all diesen Menschen, die für uns da waren und sind, uns unterstützt haben oder noch unterstützen – egal ob bewusst oder unbewusst, unendlich dankbar. Wir fühlen uns privilegiert, denn viel zu oft haben wir miterleben müssen, wie Andere es nicht geschafft haben, den Kampf verloren haben. Wir möchten so gerne weitergeben, was wir da erfahren und lernen durften. Wir versuchen unser Bestes zu geben und weiter Netze zu knüpfen, dabei selbst ein Knoten zu sein.

Concrete Angel – Martina McBride

Ein Song, der uns in der Zeit begleitet hat, als wir begannen uns mit dem sexuellen Missbrauch und den Misshandlungen zu Hause auseinanderzusetzen, war „Concrete Angel“ von Martina McBride, der Missbrauch und häusliche Gewalt gegen Kinder zum Thema hat:

She walks to school with the lunch she packed
Nobody knows what she’s holding back
Wearing the same dress she wore yesterday
She hides the bruises with the linen and lace, oh

The teacher wonders but she doesn’t ask
It’s hard to see the pain behind the mask
Bearing the burden of a secret storm
Sometimes she wishes she was never born

Through the wind and the rain she stands hard as a stone
In a world that she can’t rise above
But her dreams give her wings and she flies to a place
Where she’s loved concrete angel

Somebody cries in the middle of the night
The neighbors hear but they turn out the light
A fragile soul caught in the hands of fate
When morning comes it will be too late

Through the wind and the rain she stands hard as a stone
In a world that she can’t rise above
But her dreams give her wings and she flies to a place
Where she’s loved concrete angel

A statue stands in a shaded place
An angel girl with an upturned face
A name is written on a polished rock
A broken heart that the world forgot

Through the wind and the rain she stands hard as a stone
In a world that she can’t rise above
But her dreams give her wings and she flies to a place
Where she’s loved concrete angel

© HOPECHEST MUSIC

Musikvideo „Concrete Angel – Martina McBride“ ansehen