Was es für uns bedeutet „Viele“ zu sein – Pt. IV

Ca. 2005/’06 haben wir schon einmal versucht in Worte zu fassen, wie das Leben mit einer dissoziativen Identiätsstörung bei uns ausschaut, auch das möchten wir hier mit euch teilen und zu einem späteren Zeitpunkt das als Referenz für eine Bestandsaufnahme hernehmen, schauen, was sich eventuell bis heute verändert hat:

(Teil 1)

(Teil 2)

(Teil 3)

Der ganz normale Wahnsinn eines Alltags mit DIS (Teil 4)

Und neben all dem, deinem ganz normalen Alltag, existiert eine Parallelwelt. Du führst ein Doppelleben, von dem du nichts mitbekommst. Freiheit ist eine Illusion. Noch immer wirst du von einer Tätergruppe, die dich schon seit Jahrzehnten ihr Eigen nennen abgeholt. Du bist Teil ihrer Gemeinschaft – oder um genauer zu sein – Andere in dir sind Teil dieser Gemeinschaft. Ja, du bist nicht die Einzige, die in deinem Körper wohnt und Kontrolle über ihn hat. Du bist aufgespalten. Die „Anderen“ ertragen für dich Folter, Vergewaltigung und viele andere Dinge, von denen du keine Ahnung hast, die du nicht verstehen könntest. Die Anderen in dir sind die Opfer der Gewalt, ertragen, erdulden, wieder andere haben das Gedankengut der Gemeinschaft so sehr verinnerlicht, dass sie so geworden sind wie die Gruppe, der du, der ihr gehört. Es ist wie in einem schlecht gemachten Horrorfilm oder die wahnwitzige Geschichte eines paranoiden Verschwörungstheoretikers.

Wie sollst du das Glauben? Wie sollst du akzeptieren, dass deine eigene Familie dich missbraucht hat, dich weiterverkauft hat, dass dein eigener Großvater in seinem schön ausgebauten Keller eine Folterkammer hatte, dass er dich und deine Geschwister oder Cousinen zu allerhand abartigen Sexualpraktiken hingegeben hat – nicht ohne das ganz auch in Szene zu setzen, zu fotografieren, zu filmen. Wie sollst du glauben, dass du zu einer Art Sekte gehörst, eine Gemeinschaft, die ihre Mitglieder manipuliert, wo nicht nur Tieropfer dargebracht werden.

Du überlebst, weil du es nicht weißt, weil es nicht dir selber passiert.

Natürlich erlebt sich nicht jedes System auf diese Weise. Auch hat nicht jedes System den gleichen Hintergrund. Was ich hier in Bruchstücken beschrieben habe, ist einiges was mir selber passiert ist, wie ich mich und mein Leben wahrgenommen habe.

Bis ich 23 war habe ich ganz ernsthaft geglaubt ich wäre von Dämonen besessen. Das schien mir die passende Erklärung zu sein. Ich dachte dann, ich wäre vielleicht Schizophren, würde mir alles, was in meinem Kopf vor sich geht, was ich glaubte zu erinnern, nur einbilden. Und wer hört schon Stimmen. Es hat eine Weile gedauert bis ich verstehen konnte, wer oder was ich bin – und das auch erst, als sich jemand die Zeit genommen und die Mühe gemacht hat es zu erklären. Die Diagnose „Dissoziative Identitätsstörung“ wurde schon viel früher gestellt, allerdings sprach niemand mit mir darüber. Ich wusste nicht einmal, dass ich sie hatte oder dass diese Störung existiert.

Ich hatte ein wenig Schwierigkeiten die Diagnose anzunehmen. Vielleicht nicht in dem Maße, in dem andere Menschen mit „ihrer“ DIS kämpfen, denn auf irgend eine Art und Weise war ich froh endlich herausgefunden zu haben, was da mit mir nicht stimmt. Ich erlebe es immer wieder, dass Multiple ihre Störung nicht wahrhaben wollen und ich kann mir auch vorstellen, dass es Punkte gibt, die man nicht so gerne akzeptiert. Zum einen bekommt man von außen bestätigt, dass man zeitweise keine Kontrolle über sein eigenes Handeln hat. Der Mensch an sich ist ein Kontrollfreak, er benötigt zumindest das Gefühl die Kontrolle zu haben. Es vermittelt ihm Sicherheit.

Ja und dann gibt es das, was ich so gerne als „Rattenschwanz“ bezeichne. Die Diagnose DIS bedeutet auch gleichzeitig, dass einem in einem sehr frühen Stadium der eigenen Entwicklung, also im Kleinkindalter, massive Gewalt angetan wurde. Sonst hätte sich die Seele nicht aufspalten müssen um sich zu schützen, um buchstäblich (und das ist keine Übertreibung) zu überleben. Puh… akzeptieren, dass Menschen ein Kleinkind derartig missbrauchen, foltern, vernachlässigen – und das über Jahre hinweg (denn die DIS entsteht nur, wenn die traumatischen Situationen immer und immer wieder geschehen, es kein Entrinnen, keine Hilfe gibt)… und dann versuchen das mit einem Weltbild von guten Eltern, die ein Kind schützen (sollten) oder dem Bild vom „edel, hilfreich und guten“ Menschen zu vereinbaren… das ist schwer. Man muss eine ganze Weltanschauung über Bord werfen, wenn man eine Diagnose wie die DIS akzeptieren will

Wundert es da, dass Betroffene lieber leugnen, sich einreden sie wären nur „zu gute Schauspieler“ und das Fachleute die Existenz einer solchen Störung aufgrund wiederholter Traumatisierungen in der frühen Kindheit nicht anerkennen?.

Ich bekomme noch immer regelmäßige Anfälle von „Fakeritis“, dann werden die Zweifel zu groß, ich glaube ich bilde mir nur etwas ein, ich lüge, ich übertreibe, ich bin ein Hypochonder, jemand, der zu viele Bücher gelesen hat… oder schlicht ein unglaublich böses Mädchen, dass guten, braven Bürgern die unmöglichsten Sachen unterstellt.

…und vielleicht braucht man das auch manchmal, um sich eine Pause zu gönnen, eine Pause von der oft grausamen Realität.

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Was es für uns bedeutet „Viele“ zu sein – Pt. III

Ca. 2005/’06 haben wir schon einmal versucht in Worte zu fassen, wie das Leben mit einer dissoziativen Identiätsstörung bei uns ausschaut, auch das möchten wir hier mit euch teilen und zu einem späteren Zeitpunkt das als Referenz für eine Bestandsaufnahme hernehmen, schauen, was sich eventuell bis heute verändert hat:

(Teil 1)

(Teil 2)

Der ganz normale Wahnsinn eines Alltags mit DIS (Teil 3)

In deinem Kleiderschrank sind Baggypants (du würdest so was im Traum nicht anziehen), komische rote Rollkragenpullover, T-Shirts mit Totenschädeln und bei keinem der Kleidungsstücke könntest du dich erinnern es gekauft zu haben. „Ach“ sagst du dir „die muss wohl jemand hier vergessen haben“ oder du ignorierst es einfach, vergisst, dass es da ist. Ebenso wie die Legosteine, auf die du nachts trittst. Hast du überhaupt Lego? Doch schon seit Jahren nicht mehr…

Du hast aufgehört Tagebuch zu führen. Es macht dir Angst. Es ist als ob sich die Bücher von selber schreiben, du hast es tagelang nicht zur Hand genommen und dennoch sind wieder 20 Seiten mit zum teil merkwürdig fremd und doch vertrauten Handschriften, die hast du schon öfter gesehen, nur was da geschrieben steht, das ergibt für dich keinen Sinn.

Du zeichnest auch nicht mehr gerne, beziehungsweise dein schlägt Herz jedes mal schneller, wenn du deinen Block aufmachst. „Bitte, bitte, lass ihn heute leer sein, nicht schon wieder eines dieser schrecklichen Bilder“. Du öffnest den Block und es flattert dir ein Blatt entgegen mit einer merkwürdigen Szene. Du hast diese Szenen schon öfter gesehen, es gibt bestimmt tausende solcher Bögen in deiner Wohnung, aber sie machen dir Angst. Du weißt nicht genau warum, aber diese merkwürdigen Bilder, die du nicht verstehst, lösen in dir ein tiefes Grauen aus, dass du gar nicht benennen kannst. Ab und an nimmst du einen Stapel und wirfst ihn in die Papiertonne.

Dein Lehrer möchte dringend mit dir reden. Er hätte dich schon eine ganze Weile beobachtet, dein Verhalten sei so merkwürdig, er findet du benimmst dich, als wärst du eine gespaltene Persönlichkeit. Du denkst: „Ich bin doch nicht schizophren“, bekommst Angst. Etwas tief in dir schreit „Er hat uns erkannt“ mit vielleicht so was wie Hoffnung, andere Stimmen, lautere Stimmen schreien „Verräter“, in deinem Kopf wird es so laut, dass du nicht mehr klar denken kannst, du hast hämmernde Kopfschmerzen, bekommst nicht mehr mit was passiert. Irgendwie raus aus der Situation, die du selber nicht verstehst. Im Ausreden finden bist du klasse, los, lass dir was einfallen.

Du gehst in eine Kirchengemeinde, schon recht oft, recht lange. Du suchst nach etwas, vielleicht ist es Gott, vielleicht aber nur andere Menschen, die nett zu dir sind. Du liest in der Bibel, dort steht etwas geschrieben von einem Mann, der von Dämonen besessen wurde, diese nannten sich Legion, denn sie waren viele. Es knallt in deinem Kopf. Vielleicht ist es das, denkst du dir, vielleicht ist es das was mit mir los ist. Ich bin von vielen Dämonen besessen die in meinem Kopf wohnen. Der nette Geistheiler mit dem blonden Bart ist schon seit Tagen dieser Meinung und bietet dir an dir die Dämonen auszutreiben. Drei Tage und Nächte verbringst du im Kreis einiger unermüdlicher, die Beten, in Zungenreden, die Dämonen in dir anbrüllen und sie zum Auszug zu bewegen. So jedenfalls stellst du dir das vor. Du tauchst ständig ab, bist in Trance und verstehst ohnehin nicht was passiert.

Gebracht hat es nichts. Dein Leben geht weiter wie bisher. Du hast einfach keine Ahnung was passiert. Du betest jeden Tag, du verzweifelst. Du fühlst dich dreckig und schmutzig.

Dein Kumpel macht dir eine mächtige Szene, weil du nicht mit ihm Schlafen willst (hast du auch noch nie, ihr seit einfach gute Freunde), er meint, dass du dich sonst ja nicht so anstellen würdest, du beschimpfst ihn als dreckigen Lügner, bekommst das auch prompt zurück. Du bist sauer, verstehst die Welt nicht mehr und ziehst von dannen.

Du hasst es. Es scheint als hätte jeder Mensch mehr Kontrolle über sein Leben als du. Oftmals wachst du morgens auf, hast überall blaue Flecke, dein Hals tut dir weh und du hast Schürfwunden an Hand und Fußgelenken. Du hast Schmerzen im Schritt und als du aufs Klo gehst, stellst du fest, dass der Damm ein Stück eingerissen ist, ein „nicht schon wieder“ verhallt in deinen Gedanken, du willst es einfach gar nicht wissen. Wenn du dich geduscht hast und zur Uni gegangen bist, hast du es auch schon wieder vergessen, du wunderst dich vielleicht noch über die Schmerzen in deinen Hüften… aber das muss wohl daran gelegen haben, dass du heute Nacht wieder so schräg im Bett gelegen hast.

Nächte sind sowieso miserabel. Du hast eigentlich nur Albträume, du traust dich kaum einzuschlafen, wenn du mal mehr als 3 Stunden geschlafen hast, beglückwünschst du dich. Jeden Morgen fühlst du dich gerädert, wie ein benutztes Taschentuch. Das Chaos in deinem Kopf kannst du kaum aushalten, du bist depressiv, verzweifelt und weißt nicht wo all das herkommt. Du hast Angst. Oft ist es als drifte die Welt von dir weg, oder du aus deinem Körper. Um dich überhaupt mal spüren zu können schlägst du deinen Kopf so lange gegen deine Zimmerwand, bis es blutet oder du ohnmächtig wirst.

(Teil 4)

Was es für uns bedeutet „Viele“ zu sein – Pt. II

Ca. 2005/’06 haben wir schon einmal versucht in Worte zu fassen, wie das Leben mit einer dissoziativen Identiätsstörung bei uns ausschaut, auch das möchten wir hier mit euch teilen und zu einem späteren Zeitpunkt das als Referenz für eine Bestandsaufnahme hernehmen, schauen, was sich eventuell bis heute verändert hat:

(Teil 1)

Der ganz normale Wahnsinn eines Alltags mit DIS (Teil 2)

Wie ist es multipel zu sein? Ich werde das öfter mal gefragt. Nun, stell dir vor, dein Gedächtnis ist ein Schweizer Käse, nein, es stinkt nicht und schmeckt gut… es ist voller Löcher. Stell dir vor, dein Wecker klingelt, du stehst auf, willst ins Bad gehen und das nächste was du weißt ist, wie du in der Straßenbahn stehst, ein Goofy-T-Shirt trägst und feststellst, dass du nur eine Tasche dabei hast und die Ordner für die Uni wohl noch daheim liegen – wo sie nicht hingehören. Kling lustig? Mag sein, von außen betrachtet.

Stell dir vor du stehst mitten im Kaufhaus, einer der Mitarbeiter spricht recht unfreundlich zu dir, um es vorsichtig zu formulieren, neben dir ist ein Regal wohl vollkommen abgeräumt, Scherben auf dem Boden, deine Hände sind blutig. Nicht mehr ganz so lustig, oder? Der Rest des Tages auch nicht.

Du gehst in der warmen Maisonne spazieren… und das nächste was du weißt ist, wie du daheim vor dem Fernseher sitzt, der Regen prasselt gegen die Fensterscheibe und das Datum, dass in deiner Nachrichtensendung eingeblendet ist lässt auf November schließen. Da bekommt Rudi Carrells Frage danach, wo der Sommer geblieben ist eine ganz neue Bedeutung.

Manchmal findest du dich an Orten wieder, die du weder kennst noch wüsstest du, wie du dort hin gelangt bist. Du möchtest deinen Dozenten anrufen und dich dafür entschuldigen, dass du in der letzten Seminarstunde gefehlt hast, denn du kannst dich partout nicht daran erinnern was gestern war – sicher ist sicher. der Tag ist wie aus deinem Gedächtnis radiert. Zufällig stolperst du über deinen Block mit den üblichen Aufzeichnungen für die Uni, dort steht in kleiner, ordentlicher Schrift das Datum vom gestrigen Tage, der Name des Seminars und darauf ungefähr 10 Seiten Notizen in dieser mikroskopisch kleiner Schrift, die wohl öfter mirakulös in deinen Aufzeichnungen auftaucht.

Du hörst Stimmen, jeden Tag und zu jeder Minute. Manchmal kannst du sie verdrängen. Stimmenhören ist nicht gut, das haben nur schizophrene Menschen, Menschen die deswegen in die Klapsmühle bekommen. Hoffentlich erfährt niemand, wie laut es in deinem Kopf ist, die würden dich bestimmt sofort einweisen. Die Stimmen sind in deinem Kopf, fast wie Gedanken die zu laut sind und die du nicht selber denkst. Du kannst sie regelrecht hören. Streitenden Stimmen, beruhigende Stimmen, ängstliche Stimmen, die immer und immer wieder die gleichen Sätze sagen oder brüllen, Unterhaltungen, du wirst angesprochen – bloß nicht reagieren, ich glaube ich werde verrückt – kleine Mädchenstimmen singen ein Lied, Babys jammern und Schreien, weit in der Ferne hörst du eine Frau schreien, ganz langsam und durchdringend. Du hast mal den Fehler gemacht und so etwas angedeutet, als du wieder nicht wusstest, was passiert ist und du dich in der geschlossenen Station der örtlichen Psychiatrie wieder gefunden hast, mit Tränen in den Augen hast du den Mann gebeten dir zu helfen, der Lärm im Kopf sei unerträglich. Auch was danach passierte weißt du nicht mehr genau. Irgendwann hast du einen Wisch gefunden wo etwas von „halluzinatorischer Psychose“ drinstand, offenbar wurdest du nach einigen Tagen entlassen…

Und bei alledem hast du keine Ahnung was da in dir vor sich geht.

(Teil 3)

(Teil 4)

Was es für uns bedeutet „Viele“ zu sein – Pt. I

Ca. 2005/’06 haben wir schon einmal versucht in Worte zu fassen, wie das Leben mit einer dissoziativen Identiätsstörung bei uns ausschaut, auch das möchten wir hier mit euch teilen und zu einem späteren Zeitpunkt das als Referenz für eine Bestandsaufnahme hernehmen, schauen, was sich eventuell bis heute verändert hat:

Der ganz normale Wahnsinn eines Alltags mit DIS

So, wunderbar, man hat vielleicht hier in äußerst knappen Worten gelesen was so der handelsübliche Fachmensch über diese nicht ganz alltägliche Störung zu berichten weiß. Vielleicht hat man auch ein erstes grobes Verständnis in sich aufkeimen lassen und die lang genährte Vorstellung über Board werfen können, dass eine gespaltene Persönlichkeit ja wohl ein schizophrener Mensch ist, der schleunigst, aber ganz schleunigst in die nächstgelegene Psychiatrie gehört wo er brav mit Antipsychotika gefüttert wird, bis er nicht mehr geradeaus laufen kann.

Wie bei fast allen Dingen ist die Theorie das eine… und die Praxis schaut ganz anders aus – oder viel differenzierter.

Ich bin multipel. Ich habe eine Störung. Nein, ich bin deswegen nicht krank.

Störung heißt, dass ich in meiner Entwicklung, so wie sie von der Natur wahrscheinlich vorgesehen war (denn komischerweise scheinen die meisten Menschen ja nur aus einer Identität zu bestehen, das scheint wohl der „Normalzustand“ zu sein), ein wenig vom Wege abgekommen bin. Aufgrund äußerer Einflüsse musste sich die Seele, die Gesamtpersönlichkeit, aufspalten und hat mehrere Identitäten hinterlassen, eigenständige „Ichs“, mit eigenen Erinnerungen, eigenen Gefühlen, auch eigenen Persönlichkeitsmerkmalen, eigener Entwicklung und einem ganz eigenen Selbstbild.

Krank ist diese Tatsache allein nicht. Denn eine Krankheit ist laut Definition  eine Störung der normalen physischen oder psychischen Funktionen, die einen Grad erreicht, der die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden eines Lebewesens subjektiv oder objektiv wahrnehmbar negativ beeinflusst.

Gut, ich gebe zu, dass das hier schon etwas mit Haarspalterei zu tun hat, aber dafür sind wir ja im Allgemeinen bekannt.

Ja, es ist schwierig mit vielen „Personen“ in einem Körper zu leben. Personen, die zum Teil vollkommen unterschiedliche Vorstellungen, Wünsche und Lebenseinstellungen haben. Es ist verdammt kompliziert und das Leben alleine stelle ich mir doch um ein vielfaches einfacher vor. Aber auch, wenn es kompliziert ist, so sind wir als System nur durch die Tatsache, dass wir Viele sind nicht funktionsuntüchtig was das Alltagsleben betrifft. Wir arbeiten, wir studieren, wir leben in einer funktionierenden und gesunden Beziehung. Wir haben Freunde und wir können das Leben genießen.

Und trotzdem ist es kein Zuckerschlecken, denn die Seele hat sich nicht ohne Grund aufgespalten. Wir, dieser Körper oder wie auch immer man es nennen mag hat seit frühester Kindheit sehr viel Gewalt erfahren. Schon bevor wir überhaupt ein Jahr alt waren begann der sexuelle Missbrauch. Wir erfuhren als Kleinkind Deprivation, Schläge, Missbrauch, Vergewaltigung, Folter. Gewalt hinterlässt Spuren. In unserem Fall einige körperliche Schäden und unter anderem auch eine gespaltene Persönlichkeit. Für einen allein war das Leid nicht zu ertragen, jedes neue „Ich“ trug einen Teil der Erinnerungen, des Grauens ganz für sich alleine, wie durch Mauern von den anderen getrennt. Und reichte es nicht, wurde es wieder zu viel, um zu ertragen was uns Tag für Tag passierte, so spaltete sich ein neues „Ich“ ab.

Somit sind viele der Innenpersonen hier schwer traumatisiert. Sie haben viel Negatives erlebt und haben logischerweise sehr viel Angst, kommen nur selten zur Ruhe, erleben das Schlimme immer wieder und wieder.

Die DIS tritt selten alleine auf. So gut wie alle Betroffenen zeigen auch Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (Intrusion, Vermeidung, Überrerregung), sie leiden oft unter Schlafstörungen, Albträumen, Depressionen, Ängsten und Panikattacken, Flashbacks, Konzentrationsstörungen, verletzen sich selbst, sind suizidal. Multiple erleben meist auch die gesamte Bandbreite anderer dissoziativer Störungen

Eigentlich ist es ziemlich bescheiden multipel zu sein. Ich hab schon öfter mal gehört: „Ach, ich wäre das auch gern, dann wäre ich nicht so einsam und alleine.“ Meist werde ich dann etwas zickig, weil ich mich darüber ärgere. Ich kann nicht verstehen wie jemand ein Leben als Viele vorziehen würde, eigentlich doch nur, wenn er nicht versteht was dahinter steckt.

Ja… gut… ich kann tatsächlich manchmal mit jemandem innen reden, es kann tatsächlich gut tun, wenn man es nach jahrelanger und „sehr anstrengender Arbeit geschafft hat ein Mindestmaß an Kontakt herzustellen. Doch ohne den ganzen „Rattenschwanz“ dahinter, ist das Leben deutlich erstrebenswerter.

(Teil 2)

(Teil 3)

(Teil 4)

Dissoziative Identitätsstörung (DIS) kurz vorgestellt

Wir wollen hier mit euch einige Texte zum Thema Dissoziation, dissoziative Störungen, Leben mit Dissoziativer Identitätsstörung und Traumafolgen teilen, die wir bereits 2007/’08 verfasst haben:

Die dissoziative Identitätsstörung (DIS, früher: multiple Persönlichkeitsstörung) stellt sozusagen das Ende der Fahnenstange dissoziativer Störungen dar. Bei der DIS sind nicht nur psychische Funktionen wir Erinnerung, Empfindungen und Gefühle von der Abspaltung betroffen, viel mehr wird bei dieser schwersten Form der Dissoziation die Gesamtpersönlichkeit in unterschiedliche Identitäten aufgespalten. Das bedeutet, dass vollkommen unabhängige „Ichs“ innerhalb einer Person existieren.

Die offiziellen Diagnosekriterien nach dem ICD-10 lauten wie folgt:

  1. Zwei oder mehr unterschiedliche Persönlichkeiten innerhalb eines Individuums, von denen zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils nur eine nachweisbar ist.
  2. Jede Persönlichkeit hat ihr eigenes Gedächtnis, ihre eigenen Vorlieben und Verhaltensweisen und übernimmt zu einer bestimmten Zeit, auch wiederholt, die volle Kontrolle über das Verhalten der Betroffenen.
  3. Unfähigkeit, wichtige persönliche Informationen zu erinnern, was für eine einfache Vergesslichkeit zu ausgeprägt ist.
  4. Nicht bedingt durch eine organische psychische Störung (F00-F09) (z.B. eine Epilepsie) oder durch psychotrope Substanzen (F10-F19) (z.B. Intoxikation oder Entzugssyndrom).

Diese „Ichs“ sind durch so genannte „amnestische Barrieren“ voneinander getrennt, d.h. „Ich“ A weißt nicht was „Ich“ B tut, denkt oder fühlt. Sehr häufig wissen diese einzelnen Identitäten nicht einmal von der Existenz der anderen. Somit haben die Identitäten (i.d.R. Innenpersonen genannt) einer multiplen Persönlichkeit ein ganz eigenes Bewusstsein und ich-Gefühl, eigenständige Erinnerungen, oft auch ganz eigene Vorlieben, Weltanschauungen, Wünsche und Bedürfnisse.

Betroffene von einer DIS (sog. „Multis“, Multiple oder multiple Persönlichkeiten), leiden zusätzlich zu der Aufspaltung der Gesamtpersönlichkeit in der Regel auch an der ganzen Bandbreite dissoziativer Phänomene, tranceartige Zustände, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, die Umwelt erscheint fremd und unwirklich, der eigene Körper scheint verzerrt, es „fehlt Zeit“ also unvollständige Erinnerungen an Vergangenes oder der Betroffene findet sich plötzlich an einem Ort wieder und weiß nicht, wie er dahin gekommen ist. Die beiden letzten Punkte können bei Multiplen oft durch „Personenwechsel“ erklärt werde, d.h. eine andere Innenperson, ein anderes „Ich“, hat zeitweise die Kontrolle übernommen, andere „Ichs“ haben für diesen Zeitraum keine Erinnerungen.

Zusätzlich dazu findet man bei Multiplen auch eine ganze Reihe anderer psychischer Störungen oder Erkrankungen, sog. „Komorbiditäten“, die zusätzlich zur Grundstörung vorliegen. Oft sind das Depressionen, Angsterkrankungen, Essstörungen, Selbstverletzungen, hin und wieder auch eine Borderline Persönlichkeitsstörung und fast immer eine (komplexe) posttraumatische Belastungsstörung. Diese Komorbiditäten, können die Diagnosestellung erschweren, weil sie oftmals die DIS als solche überdecken.

Die Ursache für diese sehr komplexe Form einer dissoziativen Störung liegt in immer wiederkehrenden, schweren Traumatisierungen in der frühen Kindheit, wenn die eigene Identität noch nicht gefestigt ist. Dabei kann es so zu einer fortgesetzten Abkapselung von Erinnerungsmustern kommen, die die Basis für die Abspaltung von eigenständigen Identitäten bildet. Schwere und Qualität des Traumas, Länge und Wiederholungen der Einwirkungen und die Dissoziationsfähigkeit des Kindes bestimmen das Ausmaß der Dissoziativen Identitätsstörung.

Wie wir unsere eigene DIS erlebt haben und z.T. noch erleben, könnt ihr  hier nachlesen (Folgeartikel: Pt. 2, Pt. 3, Pt 4)