„Kultidentität“

Kultidentität.

Ein Begriff, den unsere Therapeutin geprägt hat. Ein Begriff der uns offenbar hilft das wie im uns zu verstehen. Kompliziert ausgedrückt? Ist es wohl auch. Trotz eines nicht zu verleugnenden Aha-Effektes bei den Ausführungen unserer Therapeutin, wirft es mindestens genau so viele Fragen auf, wie es zu beantworten scheint.

Wir sprachen über unsere Lebens- und (damit) auch Therapieziele. Wir sind schon einen langen Weg gegangen, haben ja schon einiges erreicht. Sind schon in einige Untiefen unserer Seele vorgedrungen, aber anstatt den Boden des Abgrundes erkennen zu können, scheinen wir (gefühlt) ein Fass ohne Boden zu sein.

Sein vielen Jahren suchen wir ja schon nach einer/m erfahrenen TherapeutIn, der/die bereit ist sich gemeinsam mit uns in diese Untiefen vorzuwagen.

Bisherige Therapien hatten eher „kosmetische“ Ziele. Jeder Therapeut machte uns deutlich, dass es zuerst wichtig ist, dass wir (möglichst unauffällig) in der Gesellschaft funktionieren (cool, da hätte meine Familie, als sie es herausfand gar nicht so ausflippen müssen, es wollten ja alle das gleiche)

Zunächst ging es darum die Essstörung zu überwinden, wen von dem krankhaften Untergewicht -> Ziel erreicht (gut, seien wir ehrlich, das Essverhalten ist immer noch gestört und was das Untergewicht betrifft sind wir über’s Ziel hinausgeschossen).

Es ging darum die Selbstverletzung, die damals massiv war und eingeschränkt werden musste, wenigstens der Schaden an Knochen und Weichteilen -> Ziel in dem Sinne erreicht. Selbstverletzung ist selten und passiert nur noch in Situationen mit großem Druck, die neu für uns sind (intensive Gefühle) und wo sonst wirksame Skills scheitern.

Es ging um die äußere Funktionalität. Von irgendetwas mussten wir ja leben, also war wichtig, dass wir auf der Arbeit zurecht kamen, dass wir nebenbei unser Studium bewältigen konnten und die parallel laufenden Ausbildung -> Ziel lange erreicht. Wir haben Skills gelernt mit bestimmten Triggern, die wir nicht vermeiden konnten umzugehen -> Ziel erreicht.

Wir haben gelernt uns als System zu akzeptieren, jede Menge Psychoedukation gemacht. Verstehen gelernt, warum das, was man hatte eben keine Schizophrenie ist, sondern Dissoziation. Das war wohl eher ein Nebeneffekt oder etwas, was wir einem damals noch sehr unerfahrenen, aber sehr verbissenen Therapeuten zu verdanken hatten (der uns davor bewahren konnte dauerhaft und ohne Aussicht auf Ausstieg in ein Programm für Schizophrene Menschen, die nicht mehr für sich sorgen konnten, zwangseingewiesen zu werden – man bedenke: damals hatten wir einen Job, eine gerade erfolgreich abgeschlossene Ausbildung und waren auch akademisch erfolgreich, dazu ein soziales Netz und tragfähige Beziehungen… aber das ist eine ganz andere Geschichte, damit könnte ich Bücher füllen und nicht nur ausschweifend vom Blog-Artikel Thema ablenken 😉 ). Dieser Therapeut leitet heute, 9 Jahre später übrigens recht erfolgreich eine wunderbare Institution, die sehr vielen psychisch Beeinträchtigten Menschen eine gute Stütze ist. Und auch wenn wir damals nur philosophiert und gemeinsam Unmengen an vorhandenem Material durchforstet haben, ihm die Freude einer (ein Jahr lang dauernden) ausführlichen Differentialdiagnostik gegönnt haben, so war das nicht ganz beabsichtigte Ziel: Erkenne dich selbst -> erreicht.

Auf sein Geheiß machten wir uns dann wieder auf die zermürbende Suche nach guten Traumatherapeuten. Oft wurden wir mehr oder weniger abgewiesen, weil z.B. noch der Studienabschluss ausstand. Das solle man doch bitte zuerst machen.

Den Therapeuten, den wir fanden, hat sich immerhin unserer angenommen. Auch hier war das erklärte Ziel: Äußere Funktionalität. Funktionalität über allem. Dennoch nahmen wir einiges für uns mit. Er hatte keine Ahnung, war aber in der Welt herumgekommen und brachte viele Sichtweisen in die Therapie mit. Häufig war uns beiden klar, dass das, was wir innerhalb der Therapie besprachen, erarbeiteten, usw. gelinde gesagt suboptimal war. Es half uns aber unsere eigenen Wege und Interventionen zu finden. Die eingeübten Imaginationsübungen nach Muster gingen nach hinten los? Also wurden neue geschrieben. Wir schafften uns Projekte und damit unfreiwillig die ersten Anläufe von Innenkommunikation und später sogar (steuerbarer) Co-Bewusstheit. Unsere Funktionalität verbesserte sich zeitweise -> sein Ziel erreicht (leider schien er es regelrecht persönlich zu nehmen, als dieses Korsett der äußeren Funktionalität begann zu knarzen und dann zu zerbrechen). Unser Ziel: ein Miteinander zu schaffen haben wir in den Anfängen – erreicht.

Damit können wir jetzt arbeiten. Mit vielen Innenpersonen und Gruppen (wir haben uns da die Begrifflichkeiten der Systemik, wie wir sie gelernt haben, angeeignet und bezeichnen solche Gruppen als Subsysteme, wir als ganzer Mensch, mit allen bekannten und unbekannten Anteilen, nennen wir System) haben wir die Möglichkeit in Kontakt zu treten. Wir können bedürftige Innenpersonen (z.B. traumatisierte Kinder) an innere, imaginierte, sichere Orte schicken oder – falls es (wie in den meisten Fällen) nicht funktioniert einen imaginierten sicheren Ort zu schaffen, so können sich andere Innenpersonen nach ihren Fähigkeiten kümmern.

Es ist also schon eine Basis vorhanden.

Für die jetzige Therapie haben wir klar gemacht, dass es uns kurzfristig nicht um „Frisur und Make-up“ geht, sondern, dass wir jetzt diese Therapie machen um dort zu graben, wo es vor sich hinschimmelt, dass man es bis nach draußen riechen kann. Was wir auch tun, das, was aus uns versucht wurde zu machen, das was wir auch sind, beeinflusst und heute kaum weniger als noch vor ein paar Jahren. So viele eingepflanzte Überzeugungen, die es fast unmöglich machen gesunde Entscheidungen zu treffen. So viel zerstörtes, dass man seine gesamte Energie darauf verwendet, dass es nach außen nicht so auffällt, dass man imitiert, wie man angemessene Gefühle äußert, dass man Nähe spielt, ohne je wirklich zu vertrauen.

Wir wissen um diese Untiefen. Wir wissen, wie man ein Kind seiner Bindung berauben kann. Ich weiß, dass ich meine Mutter bestimmt liebe, aber ich habe mich auch als Kind nie nach meiner Mami gesehnt, wenn ich krank war. Ich wollte nie zu ihr (oder einer der anderen „Bezugspersonen“) laufen, um ihnen zu erzählen, was der freche Andi heute in der Schule wieder angestellt hat. All diese Menschen waren mir egal. Und auch, wenn ich heute mit viel Mühe versuche eine Beziehung zu meiner Mutter (die übrigens nie aktive Täterin an mir war, sie war nur die unglückliche Seele, die mich austragen musste) aufzubauen, so trifft es mich doch immer wieder, wie egal es mir ist. Stürbe sie, so wäre meine erste Sorge, wie ich ihren Nachlass verwalten soll und wie man eine Beerdigung organisiert.

Für mich ist es eine dieser Abgründe. Mit Bindungen war ich schon als Kind nicht zu ködern. Einmal in unserem Leben, haben sich welche von uns „verwoben“. Ich hoffe es war nicht das letzte Mal.

So, wie schlage ich nun den Bogen?

Was mich ja eigentlich beschäftigte war der Begriff „Kultidentität“, der mich und uns auf so vielen Ebenen traf. Die Therapeutin sprach davon, dass es für uns notwendig ist, dass wir uns mit dieser Kultidentität auseinandersetzen. Zunächst war mir nicht ganz klar, was sie meint. Glaubt sie da gibt es einen einzigen Anteil, der sämtliches Gedankengut der RiGaG in sich vereint und mit dem müsse gearbeitet werden? Nein, so sieht sie es offensichtlich nicht. Sie sprach damit den Teil unserer Gesamtpersönlichkeit, des gesamten Systems an, der in der RiGaG entstanden ist, deren Gedankengut vertritt, der darin gefangen ist, aber noch mehr betonte sie die Anteile, die in der RiGaG ja ihre Heimat gefunden haben. Die dort jemand waren. Die Gefühle der Grandiosität, die mit bestimmten Aufgaben oder einfach dem „Stand“ einhergehen, das Ausleben von sadistischen Gelüsten. All die Widerwärtigkeiten, die man sehr gerne von sich abschiebt.

Ein weinendes und sich vor Schmerzen windendes Innenkind, dass gerade in einem Flashback eine Folterszene wiedererlebt mag für viele herzzerreißend sein. Aber der Mensch, der dieses Innenkind in sich beherbergt wird leichter Akzeptanz erfahren, als wenn statt des kleinen Kindes ein erwachsener Mann da steht, der süffisant grinst, deutlich macht, dass seiner Meinung nach alle anderen nur Bodensatz für ihn sind. Einer der  vielleicht mit Lust in seiner Stimme von Handlungen erzählt, die er noch gestern durchgeführt hat und die man hier nicht so ohne weiteres beim Namen nennen kann. Und es ist immer noch der gleiche Mensch, dessen Innenkind nur Stunden vorher Schutz unter einer Decke gesucht hat, sein Kuscheltier an sich nahm, den Daumen in den Mund steckte und nach seiner innerlich durchlebten Tortur endlich einschlief.

Das ist es also, was uns erwartet, wir schauen genauer hin. Arbeit mit der Kultidentität. Es geht um Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle, wir mögen den Begriff „mind-control“ mit jedem Tag mehr, er erfasst mehr und ist doch deutlich kürzer. Wir wollten es ja auch. Wir wollten im zähen Morast waten, denn früher oder später breitet sich die Fäulnis aus dem inneren bis ganz an die Oberfläche durch – und so können und wollen wir nicht leben.

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„Wollt ihr irgewann mal eins werden?“

„Wollt ihr irgewann mal eins werden?“ – Integration, Fusion, Volksunion, Kontemplation, Resignation?

Vor über einem Jahr (an dieser Stelle: bitte verzeih mir, dass es sooo lange gedauert hat) stelle Sherry eine Frage, die glaube ich auch jede(n) Multiple(n) früher oder später beschäftigt:

Hättet ihr denn gerne nur eine einzige Persönlichkeit? Oder könnt ihr euch die Beschränktheit der Normalos gar nicht mehr vorstellen?

Auch wenn hier wir darauf schon ein wenig ausführlicher geantwortet hatten, wollen wir das Thema erneut aufgreifen.

Ob die Fusion der Persönlichkeitsanteile, bzw. Innenpersonen, angestrebt werden soll wird für viele Multiple zur Gretchenfrage. Für die meisten Therapeuten ist die Verschmelzung eines multiplen Systems zu einer einzigen Persönlichkeit, also die Fusion (oft auch „Integration“ genannt, allerdings halte ich diese Bezeichnung für zu unpräzise, da eine Integration des Erlebens, des Wahrnehmens und Fühlens, sowie der erlittenen Traumata auch ohne eine Verschmelzung aller Identitäten eines Systems erreicht werden kann) das primäre Therapieziel. Viele Multiple haben das Gefühl, dass eine Entscheidung für eine Fusion ihr bisheriges Selbstverständnis in Frage stellt, selbst wenn der Wunsch nach „Normalität“ und einem einzigen Gesamt-Ich vorhanden ist so ist doch auch die Angst dia, dass mit einer Integration Eigenschaften, Wesenszüge oder Fähigkeiten bestimmter Innenpersonen verlorengehen, diese regelrecht “sterben”.

Das Thema Fusion eines multiplen Systems wirft eine ganze Reihe Fragen auf, die meiner Meinung nach auch geklärt werden müssen, und stellt sowohl den Therapeuten, als auch den Patienten vor immer wieder neue Probleme stellen.

Was geschieht mit den einzelnen Anteilen während und nach einer Fusion?

Diese Frage können am Besten Systeme beantworten, die bereits erfolgreich das gesamte System oder Teile davon fusioniert haben. An dieser Stelle kann und darf ich etwas aus dem Nähkästchen plaudern. Wir sind etwas, was wir selbst als „spaltungsfreudiges System“ bezeichnen. Unter Druck, was alleine neue, ungewohnte Anforderungen sein können bis hin zu überwältigenden Erlebnissen, neigen wir dazu weitere Fragmente oder ganze Innenpersonen abzuspalten. Dieses Prozedere ist nicht immer dysfunktional, immerhin haben wir so über Jahrzehnte eine recht erfolgreiche akademische Laufbahn und sehr gute Leistungen im Job erzielt. Es ist nur furchtbar anstrengend. Auch ist es kaum einem „normalen“ einzelnen Menschen verständlich zu machen, wie anstrengend die pure Existenz, schon gar das Funktionieren ist.

Unser System ist verhältnismäßig groß (was sich höchstens in der Organisation auswirkt, man geht andere Wege. Schwerer scheint es definitiv nicht zu sein. Systeme, die ich kennengelernt habe und die „nur“ ca. 5 Innenpersonen hatte, hatten es für meine Begriffe deutlich schwerer Struktur ins System zu bringen) und so kommt es, dass nicht eine „Host“ oder Gastgeberpersönlichkeit oder eine ANP (ich muss das Buch „Das verfolgte Selbst“ von van der Hart, Nijenhuis und Steele noch fertiglesen, bevor ich da zu tief und zu falsch in die Materie einsteige – übrigens nicht schlecht was ich bisher las) die Situationen des Alltags meisterst, sondern eine ganze Gruppe Innenpersonen. Mittlerweile sind wir sogar in der glücklichen Position fast alle von uns zu kennen und in diversen Formen miteinander zu kommunizieren. Wir haben es gelernt uns aneinander anzupassen, Wechsel möglichst fließend zu gestalten, so, dass wir nicht auffällig sind. Bei geschulten Therapeuten oder dem besten Nicht-Ehemann von allen hilft das oft wenig (gerade was Therapeuten betrifft, da fuchst es uns schon, wenn da jemand JEDEN erkannt hat, der auch nur ein halbes Wort beigesteuert hat… und es freut zur gleichen Zeit 😉 . Andere Menschen erkennen nur radikalere Wechsel, die nicht den Alltag betreffen und selten beabsichtigt sind.)

Wie üblich: laaange Vorrede.

Nun zu dem, was ich eigentlich berichten wollte. Nein, es ist nicht so, dass unser gesamtes System zu einer einzelnen Person verschmolzen ist (sonst hätte der Blog auch einen anderen Namen), aber wir hatten einen Vorgeschmack darauf, wie es sich wohl anfühlen könnte, wenn wenigstens einzelne Gruppen von uns verschmelzen.

Ohne unser aktive Zutun, ohne Therapeuten, Kliniken oder andere professionelle Helfer, passierte es vor ca. 1 1/2 Jahren dass die etwa 20 Innenpersonen, die derzeit das Alltagsteam (so bezeichnen wir es) ausmachen langsam aber stetig zusammenwuchsen. Anfänglich wurde es erst gar nicht bemerkt. Der beste Nicht-Ehemann von allen war der erste, der die Veränderung bemerkte. Immerhin hatte er täglich mit diesen Innenpersonen zu tun.

Wir sprachen über seine Beobachtungen, beobachteten uns selber, fühlten nach usw. und stellten fest, dass aus diesen 20 Innenpersonen im Laufe einige Wochen eine Einzige geworden war. Es war nicht so, dass irgendjemand oder irgendetwas verloren ging, im Gegenteil. Als Gesamtheit haben wir einiges gewonnen, hauptsächlich mehr Energie oder Kraft oder wie immer man es nennen möchte. Ich schreibe jetzt von mir als Beispiel für das Empfinden dieser einzelnen Person und das empfinden der Innenperson, die lediglich einen Teil des Alltagsteams darstellte. Ich war ja eine von ihnen.

Ich weiß, ich kann nur von uns reden.

Nichts ging verloren. Kein wissen, keine Persönlichkeitseigenschaften, keine Fertigkeiten. Das hat uns sehr viele Ängste genommen.

Vorher, als Team, als Gruppe von Leuten, wenn wir dann jemanden benötigten, der ordentlich Pigmente zusammenmischen konnte, dir rückwärts den Pschyrembel (253. Auflage) herunterbeten konnte oder der in der Lage war ein Essen zuzubereiten, das tatsächlich genießbar war… ja dann wartete man, versuchte die Person zu kontaktieren und hoffte, dass die Situation (z.B. Küche, Kochtöpfe oder ein breit grinsender Professor in seinem winzigen Konferenzraum, aka Büro) genügend „Trigger“ für die passenden Innenperson sei.

Nun war es so, dass die Anforderungen die gleichen waren, nur waren all diese sonst beteiligten Innenpersonen ein einziges „Ich“. Da ich nun mal eine dieser ca. 20 war, mitverschmolz, war das ein neues und regelrecht aufregendes Gefühl. Ich wusste auf einmal all die Dinge, die Reiner* weiß, ich konnte, was Katja tat, war so launisch wie Dunja und so liebenswürdig, gerade zu fremden, wie Helene. Natürlich nicht alles auf einmal, oder können sie Balken zurecht sägen, während sie das Mittagessen kochen und einen Plausch mit einer älteren Dame auf der Straße führen? Im Grunde hatte sich wenig verändert. das „Ich“ funktionierte ein wenig reibungsloser – und auch hier waren Abstriche zu machen. Wir sind doch alle nur Menschen. Es war aber nicht die Funktionalität, vor allem war es die Energie und Kraft die diesem neuen Individuum zur Verfügung stand. Niemand ging verloren. Reiner war genauso das „Ich“, wie ich, Helene, Dunja, Katja und all die anderen. Als gemeinsames Ich hatten wir mehr Energie für uns zur Verfügung als jeder Einzelne vorher alleine

Leider hielt dieser Zustand nur einige Wochen und wir zerfielen wieder in unsere Einzelteile. Das machte nichts. Es war eine wundervolle Erfahrung und auch wenn die Gesamtheit unseres Systems eine vollständige Fusion weder für möglich noch für sinnvoll hält, so steht es doch jedem frei mit anderen danach zu streben.

Hat die Fusion einen Einfluss auf eventuelle komorbide Störungen?

Die Zeit war sehr kurz und die neuen Erfahrungen überwogen. Ich bezweifle, dass eine Fusion Einfluss auf andere Persönlichkeitsstörungen hat. Aus Erfahrungsberichten anderer weiß ich, dass sich die Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung, bzw. der sog. Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung nicht verbessert haben und die eigentliche therapeutische Arbeit er nach der Fusion hätte beginnen sollen. Die Patienten kennen neben der Dissoziation wenig andere Strategien um mit den Belastungen im Leben fertig zu werden. Der „Fusions-Boom“ in den USA in den späten 80ern und 90ern hat seine Spuren hinterlassen. Als fusioniert und damit geheilt entlassene Patientinnen, leben eine Weile ihr Leben, aber bei der nächsten Krise zerbrach die Gesamtpersönlichkeit wieder, teilweise sogar in weitaus mehr Fragmente, als ursprünglich da gewesen waren.

Ich glaube nicht, dass es viele komorbide Störungen gibt, auf die eine Fusion Einfluss hat. Depressionen vielleicht? Das ist aber nur meine Vermutung, weil ich während der Zeit der Fusion, mit nur einem winzigen Teil meines Systems deutlich weniger Erschöpfung wahrgenommen habe und das Leben mir auch etwas „bunter und farbenprächtiger“ erschien, weil ich es gleichzeitig durch „andere“ Augen sehen konnte.

Was verändert sich für den Patienten, wenn er fusioniert hat?

Vieles habe ich oben erläutert. Es ist natürlich nur meine eigene Erfahrung und ich brenne darauf auch mit anderen Multiplen zu sprechen oder anderweitig direkt zu kommunizieren, die ähnliches erlebt haben oder vielleicht sogar ganz fusioniert haben.

Laut meiner Erfahrung wird sich wenig ändern, was die Barrieren im Kopf verschwinden lässt, aber auch dazu führt, dass man sich mit vielem, was einem vorher nicht bewusst war auseinandersetzen darf oder muss (Emotionen, (Körper)Empfindungen, Kognitionen die einander widersprechen, unterschiedliche Selbst- und Weltbilder, usw.) und das sind ganz neue – und wichtige – Herausforderungen

Wie kann ich eine Fusion erreichen?

Therapeuten hier mit Ahnung? Bitte vortreten!

Ich habe im Laufe der Jahre schon viele Therapeuten und solche, die es gerne wären, kennengelernt und jeder hatte da so seine eigenen Techniken eine zersplitterte Persönlichkeit wie die meine zusammenzufügen. Da waren die Geistlichen, die zu ihrem Gott beteten. Als das nichts half, so schickte man mich zu den Charismatikern (heidenei, das gab Beulen) und betete in Zungen (oder das, was der unaufmerksame Bibelstudent dafür hält… Grundgütiger, studiert wenigstens die Texte, auf die ihr euch beruft *seufz* ), auch ein Katholik, jung an Jahren, war schnell dabei seinen wahrscheinlich ersten Exorzismus durchzuführen. Er las in der Bibel von den Dämonen und war (wie die meisten anderen fundamentalistischen Christen, die eine gute Beobachtungsgabe besitzen) überzeugt, ich trage den Dämon Legion (wer’s wissen will: Markus 5 Vers 9 aus der Elberfelder Bibel, findet sich auch in Lukas 8 Vers 30 – übrigens die erste mir bekannte schriftliche Erwähnung des Phänomens der multiplen Persönlichkeit) in mir. Schweine waren wohl gerade nicht zur stelle, aber der gute Mann schritt zur Tat. Es schien wohl nicht in gewünschtem Maße zu helfen. So tut der gute Christ, was der gute Christ tut – er schickt seine gleichaltrige Tochter zu mir um mir mitzuteilen, dass ich „okkult vorbelastet“ sei (wäre ich’s nicht vorher gewesen, nach den 7 Jahren war ich’s bestimmt) und ich solle mich „bebeten“ lassen oder besser doch den Kontakt abbrechen. Das Mädchen tat mir unendlich leid.

Das sind weder Witze noch Übertreibungen um einen Blog interessanter zu gestalten. Das war meine (frühe) Jugend.

Im jungen Erwachsenenalter begegnete ich dann den anprobierten Quacksalbern ihrer Zeit, Psychiater, Neurologen, Psychologen. Ich hatte dort auch Glück und all das habe ich einer lieben Freundin und Mentorin zu verdanken, ohne die ich damals die richtige Therapeutin nie gefunden hätte. Die war echt in Ordnung.

Aber wieder zurück zu der Frage, wie mache ich aus so einem gestörten Etwas eine Person, die den Normen der Gesellschaft entspricht. Jedenfalls war das in aller Regel der Tenor. Wie es mir und uns dabei ging wurde nicht einmal gefragt. Wir waren nicht normal, damit krank und das müsse geändert werden (lest doch bei Interesse einfach mal einen Artikel aus dem Blog „vieleineinerhülle“). Es gab da die abenteuerlichsten Herangehensweisen. Hypnose, bestimmte Mantras, das simple durchlaufen einer Psychoanalyse und ein Verhaltenstherapeut war der Meinung (oder hoffte), dass ich ihm nur alles schlimme, was mir je widerfahren sei erzählen müsse, und dann hätten wir die Fusion automatisch nach allerspätestens 2 Monaten. Ja. Is klar, ne.

Ist eine Fusion, all das betrachtet, dann überhaupt sinnvoll?

Hey, Ich hätte gerne etwas mehr Fusion. Wenigstens in Teilen und natürlich auch nur mit und für die, die es auch wollen. Für uns war es eine positive Erfahrung. Ich würde mich gerne wieder so „stark“ fühlen, nicht immer chronisch müde und antriebslos. Vielleicht könnte eine Fusion mit einigen Gleichgesinnten helfen.

Ich glaube auch, dass eine erzwungene Fusion nie gut für Körper und Seele ist. Wenn die Seele bereit ist, wird es automatisch passieren – ohne Schaden anzurichten. So ist es meine aktuelle Meinung. Ich lese, ich erfahre, ich lerne und so ist auch meine Sicht auf dieses Thema bis zu einem gewissen Grad (da wo er sich noch mit den Menschenrechten vereinbaren lässt) dynamisch

*Ihr kennt mich, ich verändere auch Namen von Innenpersonen 😉

…und wenn ich mir nun doch einen Therapeuten suche?

Eine Ebene meines Selbst hat mit dem Thema endgültig abgeschlossen. Uns therapeutisch Hilfe zu suchen war – wenn es nicht kläglich scheiterte – selten so hilfreich, dass ich sagen würde die Kosten, die die Krankassen dadurch haben rentieren sich. In dem Artikel „Therapie oder nicht Therapie; das scheint hier die Frage“ sind wir schon einen kleinen Teil unsere persönlichen Frustes losgeworden. Das Lesen der Blogs der Mosaiksteinchen, Rosenblätter und Paulines konfrontiert und auch im Außen mit Themen, die innerlich täglich gewälzt werden. Auch hier bin ich wieder dankbar für dieses Blogphänomen. Es regt ungemein zum Denken an, man experimentiert für sich im stillen Kämmerlein, man lässt Hoffnungen wachsen.

Und ich? Ich schäme mich. Denn ich möchte das nicht mehr alleine durchstehen. Ja, verdammt noch mal, ich wünsche mir eine/n Therapeuten/in, der/die bereit wäre mit uns all die Probleme anzugehen, die es uns nicht erlauben ein größtenteils unbeschwertes Leben zu führen.

Ja, wir können ja schon so viel. Wir sind als System ja schon so unglaublich integriert, weil wir eine teilweise Co-Bewusstheit geschaffen haben und so furchtbar normal aussehen (das ist kein WITZ, so traurig das auch ist, so messen moderne Gutachter und Therapeuten „Erfolg“).

Und nein, wir brauchen keinen der uns imaginative Stabilisierungsübungen beibringt. Da die selten ihren Zweck erfüllten, haben wir unsere eigenen erfunden. Funktioniert.

Und jetzt?

Stabilisierung ist das weiteste, was selbsternannte Traumatherapeuten bereit sind zu gehen.

Ich wurde Zeuge von Therapeuten mit Therapien, die auf Menschen mit einer dissoziativen Persönlichkeitsstruktur abgestimmt war, Zeuge davon, dass sich nicht jeder von Klienten mit einem Hintergrund in organisierter Gewalt oder bekannten destruktiven Sekten abschrecken lässt.

Die lies in mir den Wunsch erstarken auch so etwas haben zu wollen. Wie angemessen das ist, kann ich nicht beurteilen. Logische Überlegungen sagen mir, dass ich eine geringe Chance habe, da ich nur einige wenige Therapeuten eines solchen Kalibers in der Nähe habe. Die alte Denkweise, die das meiste meines Bewusstseins ausfüllt, weil sie einfach überall ist sagt mir:

Du Dummerchen. Hast du noch immer nichts gelernt? Du hast den größten Fehler überhaupt begangen: Du wünscht es dir. Du weißt doch, dass alles, was du dir wünschst, für dich in unerreichbare Ferne rückt. Schau nicht mich so trotzig an, schau dir dein Leben an, die letzten Jahre reichen. Nun blick mir in die Augen und sage ich habe unrecht.

Nein Erfolg erwarte ich nicht, aber ich habe ein Fünkchen Hoffnung, dass irgendwann dieser Fluch, der sich über unser gesamtes Leben legt durchbrochen wird, nur für einen kurzen Moment. Hoffnung soll ja allen Qualen trotzen (THX Mosaiksteinchen)

Ich tu es jetzt einfach. Es kann ja nur schief gehen und mein Frust wird dabei kaum vergrößert.Ich versuche unterzukommen, denn ich möchte Hilfe mit den Sachen, die mir alleine über den Kopf wachsen. Es sind sehr erfahrene Therapeuten dabei, ich hatte das Privileg in der Vergangenheit in meist anderen Zusammenhängen gute Gespräche mit ihnen zu führen.

So hab ich Santa gespielt und mir eine Liste gemacht. Die ließ sich schnell ausdünnen. Übrig geblieben sind 5 Therapeuten im Umland. Zwei kenne ich bereits ein wenig und dass der eine sich noch an mich erinnert hat uns doch etwas gut getan, zumal der letzte Kontakt (anderer Zusammenhang) über acht Jahre her ist.

[Namen natürlich wie immer geändert]

Wir haben da den Therapeuten Christoph Amundsen. Wir hatten das Glück sehr schnell ein Vorstellungsgespräch bei ihm zu ergattern. Es befremdete ihn in der Anamnese zunächst, dass wir wohl mit einer relativ stoischen Geduld über Jahre hinweg immer wieder auf der Suche nach einer hilfreichen Therapie sind. Schien ihm noch nie untergekommen – was uns etwas befremdete, aber das passiert, wenn man vergisst nicht von sich auf andere zu schließen. Er ist ein älterer Mann, eine gewisse Lebenserfahrung setzen wir hier voraus aber es zeigte sich schnell, dass er mit unserem Hintergrund insgesamt vollkommen überfordert wäre. Er nahm uns dennoch auf seine Warteliste auf, die laut seinen Aussagen und Entschuldigungen sehr lang sei – wir finden ein Jahr im Vergleich wirklich Kindergeburtstag.

Herr Amundsen verwies mich in unserem gemeinsamen Gespräch an eine Frau Christine Brecht und bot an, dass ich ihn dort als Referenz angeben dürfe. Frau Brecht interessiert mich sehr. Sie nutzt Methoden in der Traumatherapie, die uns zum einen neu sind und zum anderen sehr danach klingen auf uns zu passen. Sie ist Analytikerin und würde so abrechnen. Ist etwas organisatorisches aber ein definitiver Bonus. Ich hoffe sehr, diese Frau bald kennenzulernen

Herr Amundsen empfiehlt mir genauso wie Frau Bender, die ich aus anderen Gründen einige Wochen zuvor besuchte, einen gewissen Herrn Dr. Richard Crumbiegel. Für uns nichts neues, wie kennen ihn ein wenig, halten seine therapeutische Arbeit für effizient und wir geben zu, dass wir mehr als Glück brauchen um den nächsten freien Termin zu ergattern. Wir sind ja überhaupt froh, dass er im Moment Patienten aufnimmt.

Als wir vor vielen Jahren schon einmal suchten, verwies er uns an seine Kollegin Cornelia Degen. Wir mochten sie auf Anhieb und hatten auch das Gefühl, sie würde und genügend hart rannehmen und auch über das nötige Hintergrundwissen verfügen. Wir haben bereits fast 2 Jahre auf ihrer Warteliste verbracht, bevor wir die Entscheidung trafen und mit einer weniger geschulten Therapeutin zu arbeiten. Wir würden gerne mit ihr arbeiten, wenn wir es nicht schaffen bei Dr. Crumbiegel unterzukommen und da wir sie bereits kennen, würden wir auch den weiteren Weg in Kauf nehmen.

Es gibt noch Sabrina Ebermann, allerdings wissen wir noch nicht viel über diese Therapeutin. Wir lassen uns überraschen.

Ja, ICH hoffe auf eine angemessene Therapie. Ich muss lernen meinen Frust beiseite zu schieben, sonst ist alles zum scheitern verurteilt

Den härtestend Kampf führe ich noch immer gegen mich selbst

Mein Kopf ist voll, voll mit Gedanken und voll mit Gefühlen, die ich kaum je fühle, die ich nur ein wenig begreifen kann, wenn ich sie denke. Ich könnte hier täglich 20 Beiträge schreiben – käme ich doch nur dazu.

Ich will mir ein Leben aufbauen und zwar eins, das diese Bezeichnung auch verdient. Ich will keine Reichtümer anhäufen, keine Ruhm, keine Macht. Ich will nur ausatmen können, mich einmal nicht wie ein gehetztes Kaninchen fühlen. Ich möchte genug Kraft, um mich aus meiner kauernden Haltung aufrichten zu können und mit dem Blick nach vorn gerichtet loslaufen zu können.

Meine Herkunft klebt an mir wie schubkarrenweise zäher, schwarzer Teer, so viel, dass ich kaum stehen kann, geschweige denn laufen. Er drückt mich zusammen, ich kann nur mit Mühe atmen. Oft kann ich mich selbst nur schwer bewegen, weil meine Glieder ganz von dieser zähen Masse zusammengeklebt werden. Wo auch immer ich bin, ich hinterlasse schwarze Spuren.

Es ist geistiger Unrat, mit dem Herkunftsfamilie und RiGaG mich großzügig überschüttet haben.

Es ist heute überhaupt nicht mehr nötig mich auf Schritt und Tritt zu überwachen. Das war es wahrscheinlich auch nie. Es hat ja ausgereicht mir beizubringen, dass meine „Herren“ überall sind, dass sie alles wissen, selbst meine geheimsten Gedanken und Wünsche sind vor ihnen nicht verborgen. Methoden der Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle, ein paar Special Effects und wohlüberlegte Drehbücher für scheinbar zufällige Begegnungen haben genügt um mich von der Allmacht der RiGaG zu überzeugen.

Sie brauchen nicht das Telefon abzuhören, sie haben Anteile in unserem System geschaffen, die auf Anfrage alles preisgeben, was ein autorisiertes Mitglied der RiGaG oder Herkunftsfamilie wissen will. Sie brauchen nicht permanent um uns zu sein, sie haben Anteile geschaffen, die uns auch so ohne Unterlass bedrohen und sabotieren.

Es gibt kaum Menschen auf der Welt, mit denen wir darüber sprechen können und noch weniger können überhaupt nachvollziehen, wie es uns damit geht. Ich wünsche mir so oft einmal zu erleben, wie ein normaler Mensch denkt und fühlt. Ich sehe nur immer wieder, war anders meine Gedanken strukturiert sind. Ich muss so viel Kraft aufwenden um sie nicht nach außen durchscheinen zu lassen, um möglichst normal zu wirken.

Meine Gedanken quälen mich und ich kann nicht auf Dauer vor ihnen davon laufen. Die Droge wurde noch nicht erfunden. Meine Überzeugungen beeinflussen meine Entscheidungen und auch wenn ich vermute (denn wie kann ich wirklich etwas wissen?), dass die Realität eine andere ist, wüsste ich nicht, wie ich mich mir selbst widersetzen könnte.

Ich will ja kämpfen, auch wenn meine Überzeugung hauptsächlich darauf fußt, dass es wahrscheinlich das richtige wäre – aber wie und mit welchen Waffen?

Intuition

Verlass dich ruhig auf deine Ahnungen. Sie beruhen gewöhnlich auf dicht unterhalb der Bewußtseinsschwelle registrierten Fakten.
(Joyce Brothers)

Ich bin erstaunt darüber wie oft sich meine Ahnung im Nachhinein als richtig erweist. Und dennoch, obwohl ich das mittlerweile weiß, handle ich meist entgegengesetzt dieser Intuition.

Vor vielen Jahren lernte ich im Studium eine Frau kennen. Wir kamen beide aus unterschiedlichen Fachrichtungen, belegten aber ein Seminar zusammen. Sie war gut 20 Jahre älter als ich, hatte bereits Pädagogik und Soziologie studiert und arbeitete therapeutisch mit Kindern und Jugendlichen. Wir verstanden uns auf Anhieb, entdeckten gemeinsame Interessen und begannen viel Freizeit miteinander zu verbringen. Wir saßen oft stundenlang im Park oder den Treppenhäusern der Universitätsgebäude und sprachen über Gott und die Welt. So wurde einmal auch das „Bauchgefühl“ und intuitives Wissen, was richtig und was falsch ist, Thema. Sie erzählte mir, dass gerade Menschen, die in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erfahren haben, große Schwierigkeiten haben später auf ihre eigene Intuition zu hören und danach zu handeln.

Sie erklärte es mir folgendermaßen:

(Pädophile) Täter, die ein Kind missbrauchen, haben zum einen ein Interesse daran, dass ihre Taten unentdeckt bleiben und versuchen auf der anderen Seite bewusst oder unbewusst ihre Taten vor sich selbst, dem Kind und anderen Außenstehende zu rechtfertigen. So motiviert investieren sie einige Energien in die Manipulation der Wahrnehmung des Kindes und deren Bewertung durch das Kind. Ich behaupte, dass die meisten Kinder, die routinemäßig sexualisierte Gewalt erfahren haben, einige dieser Sätze so oder in abgewandelter Form gehört haben:

Es gefällt dir doch auch.

Du hast mich verführt, ich konnte mir doch überhaupt nicht anders helfen.

Ich tue das doch nur, weil ich dich liebe.

Wenn du nicht so hübsch/ungezogen wärst, müsste ich das doch gar nicht tun.

Alle Väter machen das mit ihren Töchtern.

Was stellst du dich so an? Es hat doch gar nicht weh getan, ich habe dir noch nie weh getan.

Kinder wissen instinktiv, dass diese Sätze unwahr sind. Sie wissen, dass da etwas nicht stimmt, aber genau dieses intuitive Erfassen der eigentlichen Realität und das Hören auf ihr Bauchgefühl wird ihnen Schritt für Schritt abtrainiert. Sie lernen, dass ihre Intuition falsch sein muss und gegenteilig zu handeln, was sie bis ins Erwachsenenalter mit hinein nehmen.

Nach diesem Gespräch hat es bei mir „klick“ gemacht.

Ich habe ein unglaubliches Talent dazu mich mit Menschen zu umgeben, die mir auf Dauer nicht gut tun. Dabei werde ich selten überrascht. Bisher haben sich noch alle anfänglichen Ahnungen und ersten Eindrücke im Nachhinein als richtig herausgestellt, trotzdem höre ich nicht auf sie. Ich entscheide mich oft genau das Gegenteil von dem zu tun, was mein Bauchgefühl mir rät, weil ich glaube zu wissen, dass per Definition nichts von diesem Bauchgefühl richtig sein kann. Ich beginne dann zu rationalisieren, finde tausend vermeintlich logische Gründe mein Handeln vor mir selbst zu rechtfertigen, rede meine Intuition klein, denn ich war ja schon immer überempfindlich und paranoid. Oft genug ist es auch passiert, dass Außenstehende diese meine Rationalisierungsversuche „stützen“. Wenn ich Pech hatte, geschah dies um einen Vorteil für sich herauszuschlagen.

Nun weiß ich ja nicht erst seit gestern, dass ich auf meine Intuitionen hören und danach handeln darf. Ich weiß auch nicht erst seit gestern, dass sie ein recht guter Indikator sind. Ich habe mich nun lange genug selbst beobachtet und kenne meine Selbstmanipulationsversuche. Dennoch kämpfe ich seit Jahren viel zu oft erfolglos gegen dieses Verhaltensmuster und für intuitives Handeln. Jedes Mal, wenn ich es geschafft hatte, wurde ich dafür belohnt und zwar mit den besten Freunden, die ich mir wünschen könnte, einer wunderbaren Partnerschaft und einer tollen Familie. Ich scheine es aber nicht lassen zu können wider besseren Wissen und Gewissen in Situationen und auf Menschen einzusteigen, die mir erheblichen Schaden zufügen.

Da ist nichts mit „Gefahr erkannt – Gefahr gebannt“, dieser Lernprozess, dieser Kampf ist einer der zähsten, die ich auszufechten habe. Der Erfolg stellt sich nur in winzig kleinen Schritten ein.

Und während ich hier schreibe frage ich mich in welche ungesunde Situation ich mich als nächstes hineinmanövriere oder auf welchen Menschen ich als nächstes reinfalle.

Was bleibt übrig?

Oft scheint es mir als habe man mir mein eigentliches Selbst weggenommen und es durch Scham und Angst ersetzt. Ich weiß heute genug um nicht mehr alle Lügen, die mir erzählt wurden, zu glauben. Ich bin heute stark genug, um ein gewisses Maß an Sicherheit für mich zu gewährleisten..

…und dennoch fühlt es sich so an, als bliebe ohne diese Angst, ohne die Scham nicht mehr viel von mir übrig.

„Die müssen sie schon wegsperren.“ – Vom Umgang mit schwierigen Anteilen

Jeder Mensch hat an sich Seiten, die ihm oder anderen unangenehm sind, die als schwierig empfunden werden oder unangemessen.

Hat man eine dissoziative Persönlichkeitsstruktur, bezieht sich dieses „Problem“ weniger auf einzelne Verhaltensweisen eines Individuums, sondern auf einige vollständige und separate Identitäten innerhalb eines Persönlichkeitssystems.

Als wir vor einiger Zeit auf der Suche nach einem Therapeuten waren, der uns helfen sollte einen Umgang mit uns als System zu finden und uns aus dem Griff des Täterkreises zu lösen, hatten wir unter anderem auch ein Telefonat mit einer Therapeutin, die von sich selbst behauptete Ahnung zu haben. Also machten wir einen Termin für ein Erstgespräch aus, zu welchem wir voller Hoffnung einige Wochen später fuhren. Im Laufe dieses Gespräches wich die anfängliche Hoffnung endlich einen Therapeuten gefunden zu haben, der wirklich helfen konnte, nach und nach aufkommender Enttäuschung und Ernüchterung. Obwohl diese Therapeutin behauptete schon „viele multiple Frauen erfolgreich therapiert zu haben“, warfen ihre Äußerungen zu dem Thema bei uns die Frage auf, ob wir da von dem Gleichen sprechen und ob diese Frauen, von denen sie (übrigens auch viel zu viel) berichtete, tatsächlich multipel waren, oder (und man möge mir das verzeihen) lediglich gelangweilte Hausfrauen, denen etwas mehr Aufmerksamkeit, als sie zu Hause bekommen, schon Hilfe zur Heilung genug war.

Eine ihrer Äußerungen war, dass sie erst bereit wäre mit uns in die therapeutische Arbeit einzusteigen, wenn wir es geschafft hätten sämtliche „unerwünschte“ Innenpersonen dauerhaft wegzusperren. „Unerwünscht“ war ihren Worten nach jeder Anteil, der destruktives Verhalten zeigte, sich z.B. selbst verletzte, Wutausbrüche hatte oder in irgendeiner Form täteridentifiziert und -loyal war. Sie riet dazu einen Kerker zu imaginieren, in den diese Innenpersonen geworfen werden würden und zu dicken Gitterstäben, die sie daran hindern sollten wieder an die Oberfläche zu kommen. Großzügig bot sie uns an, uns dabei zu helfen, wenn wir das selber noch nicht schaffen würden. Wir lehnten dankend ab und gingen wieder unserer Wege. Dafür war uns unser sauer verdientes Geld dann doch zu schade, denn sie war keine Psychotherapeutin, lediglich Heilpraktikerin, die einige Modulen Traumatherapie belegt hatte, und somit hätten wir sie selber gezahlt. Hätte sie getaugt, wären wir mehr als bereit gewesen die Kosten der Therapie selbst auf uns zu nehmen, allerdings war die oben wiedergegebene Äußerung nicht die einzige, die uns an ihrem Verständnis der Störung zweifeln ließ.

Anteile wegsperren.

Das ist ein Konzept, das damals (und zugegebener Maßen auch heute noch) für einige von uns eine große Verlockung darstellte. Wie ruhig könnte doch das Leben sein, wenn alle Innenpersonen dauerhaft verschwinden würden, die emotionalen Druck mit Selbstverletzung kompensieren, die es bis heute nicht geschafft haben ein gesundes Essverhalten an den Tag zu legen, deren Geduld an einem zu dünnen Faden hängt, die noch immer an ihrer Loyalität gegenüber einzelnen Tätern festhalten, die den Mist glauben, der ihnen in der RiGaG eingetrichtert wurde, die sich mit dem Verhalten einzelner Täter identifiziert haben und kurz alle, deren eigenes Verhalten so stark durch Familie, RiGaG und Leben in Zwangsprostitution beeinflusst wurde, dass sie in der normalen Taggesellschaft auffallen.

Und wenn wir schon dabei sind, können wir noch mehr Ruhe reinbringen, wenn wir die Anteile loswerden, die viel zu emotional sind, die bei jeder Gelegenheit einen Heulkrampf bekommen, das ist ja sowas von peinlich. Die männlichen Anteile können auch verschwinden, die haben in einem Frauenkörper ohnehin nichts verloren. Weg mit Teenagern mit zweifelhafter Körperhygiene und Wortwahl, Innenkinder, die sich nicht richtig artikulieren können – wer brauch die schon – oder überhaupt sämtliche Innenkinder, die nicht „herzerfrischend“ oder „niedlich“ gefunden werden (diese Worte hat ohne Witz mal jemand Außenstehendes benutzt), weil sie nicht still und artig sind, laut krähen, ungeduldig sind, Bedürfnisse äußern und keinen Charme, Witz oder erstaunliche kindliche Weisheit besitzen (Kunststück, wenn eine 5-Jährige schon 40 Jahre auf dem Buckel hat). Wenn wir dann noch alle traumatisierten, depressiven, verängstigten, psychotischen und zwanghaften Anteile in den Kerker geworfen haben, alles mit dicken Stahlgittern gesichert haben, können wir uns den Staub von den Händen klopfen und uns beruhigt zurücklehnen.

Übrig bleibt das ach so „niedliche und herzerfrischende“ Innenkind Iks, das darf dann zwei mal im Monat nach draußen und Bilder von Schmetterlingen und Regenbögen für die Therapeutin malen und die Innenpersonen Üpsilon und Tsett – wie praktisch, die eine übernimmt viele Aufgaben auf der Arbeit und die andere kocht und putzt. Dass Üpsilon jegliche Form von menschlichem Kontakt verabscheut und in Gesprächen mit Geschäftspartnern ein Desaster ist und Tsett weder lesen noch schreiben kann sind doch nur kleine Schönheitsfehler. Autofahren kann auch keiner mehr? Macht nichts, die Kiste kann der zukünftige Ex-Mann gleich mitnehmen, wenn er mit Hund und Kind, für die sich keiner der Übriggebliebenen verantwortlich fühlt, auszieht, denn immerhin waren es ja nicht Üpsilon und Tsett, die diesem haarigen Dreibein vor dem Altar ewige Treue geschworen haben.

Alles egal, denn endlich ist Ruhe.

Abgesehen davon, dass wir es für unmöglich (oder mindestens sehr sehr unwahrscheinlich) halten, dass eine ganze Kategorie an Innenpersonen dauerhaft so weggesperrt werden kann, dass vollständig verhindert wird, dass das Denken, Fühlen und Handeln der übrigen Innenpersonen beeinflusst wird, frage ich mich, ob man dem Menschen als Ganzes einen Gefallen damit tut, wenn man einen wichtigen Teil der Persönlichkeit ausschaltet. Oben erwähnte Therapeutin würde einem nicht-Multiplen kaum raten seine Wut in ein ausbruchsicheres Gefängnis zu stecken und keiner von beiden würde ernsthaft erwarten, dass sich das Agressionsproblem des Klienten von heute auf morgen in Luft auflöst. Nein, der Klient wird lernen mit seinen Emotionen umzugehen und weniger destruktive Verarbeitungsmechanismen entwickeln. Jeder weiß, dass umdenken und -lernen Zeit und Energie erfordert. Für Multiple gilt das nicht weniger. (Psycho)edukation ist das Zauberwort des 21. Jahrhunderts (und wenn nicht, dann leg ich das hier und heute einfach mal so fest). Verstehen verändert so vieles. Wie will ich als Arzt oder Therapeut für meinen Patienten eine Gesundung der Psyche erreichen, wenn ich konsequent wichtige und zum Überleben des Menschen notwendig gewesene Anteile abschneide. Ich amputiere einem Mann mit eitrigen Geschwüren ja auch nicht beide Beine mit den Worten: „Damit können sie die 100m Hürden noch schneller laufen als vorher!“.

Will ich als Multiple/r oder deren/dessen Therapeut/in (ab und an mal politisch korrekt sein hilft dem Gewissen) wirklich etwas verändern und vor allem verbessern, muss ich mich auch oder gerade mit den unangenehmen Anteilen auseinandersetzen, denn (auch) diese Anteile haben zum Überleben des gesamten Systems beigetragen. Ich wünschte auch oft, ich könne einen Flammenwerfer in die Hand nehmen und eine innere Brandrodung machen, wenn Franz, die braune Socke, in meinem Schädel „Heil Hitler“ brüllt, bloß weil die Dorfdeppen von der NPD mal wieder fähnchenschwingend die Kreuzung blockieren. Franz kennt nur den Mist, den sein Onkel und dessen Freunde ihm erzählt haben, die einzigen Menschen, die er je kennengelernt hat und auch der wird es früher oder später noch lernen. So ist es mit dem unerwünschten Verhalten anderer Innen auch. Irgendjemand musste den Schwachsinn nachplappern, der von Familie oder anderen Tätern eingetrichtert wurde, irgendjemand musste die Beine breit machen und wenn sich dann auch noch jemand gefunden hat, dem das nichts ausmacht und der vielleicht sogar Spass dabei hatte: prima, das ist eine gute Anpassungsleistung, auf die das System stolz sein darf. Viele der als schwierig oder unerwünscht angesehenen Anteile bringen Fertigkeiten und Fähigkeiten mit, die dem ganzen System von unschätzbarem Nutzen sein können, auch wenn das System oder diese Anteile selbst, dass oft nicht ganz glauben können.

Es lohnt sich im in den Dialog zu treten, auch wenn das – gerade am Anfang – nicht immer leicht ist.