Alltag mit DIS #1: Schreib dir deine Termine auf

…und vergiss dabei nicht die Hälfte! …sprach es, seufzte tief und legte die Finger wieder auf die Tastatur…

Wie hier schon an verschiedenen Stellen berichtet, zeichnet sich die dissoziative Identitätsstörung durch amnestische Barrieren zwischen den verschiedenen Anteilen oder Innenpersonen aus. Das heißt Person A ist amnestisch für Person B und weiß folglich nicht immer was B tut. In der Therapie wird versucht diese Barrieren zu überwinden, Kommunikation zwischen den Anteilen möglich zu machen und im Idealfall ein Co-Bewusstsein zu erreichen (das bedeutet Person A kann „zuschauen“, wenn Person B im Außen agiert, eventuell sogar selbst eingreifen).

Ich denke es ist auch für Außenstehende gut nachvollziehbar, dass sich die Organisation des Alltags als ein ganz winzig kleines bisschen schwierig gestaltet, wenn man über große Teile des Geschehens nicht informiert ist. Aufgrund dieses Handicaps entwickeln Multiple häufig eine gewisse Routine in Improvisation, einen reichhaltigen Fundus an Ausreden zu jeder Gelegenheit und peinlich genau geführte Kalender und Notizbücher.

Wir wären ohne unsere heiß geliebten Kalender wahrlich aufgeschmissen. Da wir insgesamt betrachtet allerdings ein tendenziell eher chaotischer Haufen sind, ist das mit dem „peinlich genau geführt“ nicht weit her. Wir geben uns dennoch Mühe so viel Ordnung und Struktur wir möglich in den Alltag zu bringen. Sämtliche Termine werden nach einem vorgegebenen Schema farbcodiert, für die Arbeit werden täglich Aufgabenpläne erstellt, bzw. aktualisiert, erledigte Aufgaben werden nicht nur abgehakt, sondern auch kommentiert. Wir hinterlassen uns gegenseitig kleine Nachrichten an dafür vorgesehenen Orten (z.B. „M., könntest du bitte den grauen Hosenanzug aufbügeln, ich brauche den am Montag.“ oder eine Anfahrtsbeschreibung für einen Termin) und führen Buch über aktuelle persönliche Kontakte, damit man auch im Notfall nachvollziehen kann, wen man in welcher Situation anruft. Mit all diesen Maßnahmen versuchen wir zu kompensieren, dass die Anforderungen des Alltags von verschiedenen Innenpersonen gemeistert werden.

Alles in allem sind wir ein System, dass eine verhältnismäßig gute Kommunikation untereinander hat und begrenzt auch co-bewusst ist. Damit erscheinen wir im Alltag auch nicht auffälliger als jeder andere „zerstreute Professor“.

Das Co-Bewusstsein ist allerdings ein dynamischer und kein stabiler Zustand. Gerade in stressigen Zeiten oder belastenden Situationen verlässt einen dieser äußerst praktische Zustand. Arzttermine gehören zu diesen belastenden Situationen. Da hüpft man lieber tagelang mit einem gebrochenen Fuß durch die Gegend oder redet sich ein, dass die Hörfähigkeit auf dem linken Ohr schon von alleine wiederkommt – immerhin ging sie ja auch von alleine – als sich den manigfaltigen Problemen im Umgang mit sich und der Berufsgruppe des mitteleuropäischen Medizinmanns zu stellen. Es herrscht bei uns noch das Gesetz des Dschungels: Wer es bei einem Arzttermin nicht schafft schnell genug nach Innen zu verschwinden, hat die Arschkarte gezogen und darf die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit oder eine Vaginalsonografie ganz allein genießen. Wir sind nicht immer nett zueinander – aber darin sind wir großzügig!

Ich bin froh, dass es doch eine Handvoll Innenpersonen in unserem System gibt, die sich für die Organisation und Einhaltung von Arztterminen verantwortlich fühlen. Da es sich bei einigen von ihnen um jüngere Anteile unseres Systems handelt, die zwar eifrig (denn den Großen zu helfen macht schon stolz), aber unerfahren und häufig nicht besonders effizient sind, kommt es immer wieder zu kleineren Zwischenfällen. So auch heute wieder geschehen.

Ich fand in unserem Blog einen kleinen, als privat markierten, Beitrag:

29.01. 15:30 Schädel-MRT, Kreatinin-Wert nicht vergessen!

Fein, es hat tatsächlich jemand daran gedacht letztes Jahr noch einen Termin beim Radiologen auszumachen. Das ist gut, denn mir ist das vollkommen entfallen. Einen Kalender für dieses Jahr hatten wir da wahrscheinlich noch nicht. Okay, ein Zettel auf dem Schreibtisch hätte es auch getan, aber ich kann schon verstehen, dass so ein Novum wie der Blog und seine Funktionen zum Herumspielen einlädt. Die Nachricht hat mich immerhin erreicht. Kreatinin-Wert ist auch wichtig, da kann ich gleich einen Termin beim Hausarzt ausmachen. Wunderbar. Ich hab alles, was ich brauche. Moment… nee… stopp mal… wo müssen wir überhaupt hin? Halloohooo!?! Wer hat denn den Termin gemacht und wo habt ihr angerufen?

Ihr kennt die Szenen in schlechten Western, wenn der Protagonist auf der staubigen Straße inmitten einer verlassenen Stadt steht? Grillen zirpen, der Wind bläst einen Steppenläufer vor sich her, ein Kojote heult… so ähnlich habe ich mich gefühlt.

Also gut, ich habe meine Antipathie dem Telefon gegenüber beiseitegeschoben und mich daran gemacht jede Klinik und jede radiologische Praxis im Umkreis anzurufen, um zu fragen, ob ich zufällig dort am 29.01. um 15:30 Uhr einen Termin habe. Ganz murphy-getreu war die vorletzte Praxis auf meiner Liste diejenige welche.

Wir lernen: Vollständige Informationen mach das Leben erheblich einfacher.

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Neulich in der Innenstadt

Falls es noch keinem aufgefallen sein sollte: es weihnachtet gar sehr (sprach’s und warf ein paar künstliche Schneeflocken in den viel zu warmen Dezemberhimmel). Und auch, wenn sich der Hype, den wir veranstalten, arg in Grenzen hält, das ein oder andere Geschenk, möchte wenigstens für die Kinder der Familie besorgt sein (wobei wir enormen Spaß hatten, besonders unsere Innenkids).

So zog dann unsereiner mit ner Menge Ideen im Kopf und bewaffnet mit EC- und Kreditkarte todesmutig gen völlig überfüllter Fußgängerzone in der örtlichen Innenstadt.

Überfüllte Fußgängerzonen zeichnen sich dadurch, dass sie eine ganze Menge Menschen beinhalten („Ernsthaft?“ „Ja, ich sag’s dir doch“ „Schockierend!!!“). Unsere Stadt ist verhältnismäßig übersichtlich und wir leben seit mittlerweile 15 Jahren dort. Dadurch, dass wir wir über die Jahre hinweg in den unterschiedlichsten Netzwerken aktiv waren oder auch noch sind (Sei es durch unsere Musik, Uni, Kirchengemeinde oder Job), haben wir eine Menge Bekannte. Und dadurch, dass sich diese Aktivitäten sich zum Teil auf bestimmte Innenpersonen von uns beziehen und nicht jeder andere von uns da immer Anteil nimmt oder nehmen kann, hat auch nicht jeder einen Überblick z.B. über die geknüpften Kontakte.

So begab es sich also, dass ein Pärchen in besagter Fußgängerzone recht zielstrebig auf uns zusteuerte. Sie winkte währen er laut: „Nina, hey Nina [sämtliche Namen von der Redaktion geändert], dich hat man ja schon ewig nicht mehr gesehen!“ rief.

Gut dachte ich mir, die scheinen wohl tatsächlich mich zu meinen, jedenfalls sehen sie auch beim Näherkommen nicht so aus, als hätten sie sich geirrt, meinen Namen trage ich in der Regel auch nicht auf einem Pappschild mit mir rum.

Ein verzweifeltes Wühlen in den eigenen Hirnwindungen begann, aber ich konnte die Gesichter beim besten Willen nicht zuordnen, ja nicht einmal erinnern. Aber gut, das kennen wir ja schon, passiert nicht zum ersten Mal (und auch nicht all zu selten), dass sich jemand von uns – in diesem Falle ich – sich mit einer Bekanntschaft einer anderen Innenperson konfrontiert sieht

Kleiner Zeitsprung:

Ich war ungefähr 8 Jahre alt und stand vor dem Haus meiner Klavierlehrerin, den „Czerny Krentzlin“ fest im Arm. Wie ich dort gelandet war, war mir auch damals nicht ganz klar, aber Amnesien und Zeitlücken gehörten zu der Zeit schon zu meinem Leben dazu und da ich nie etwas anderes kannte, war es meine „Normalität“. Da sich mein Finger bereits am Klingelknopf befand ging ich davon aus, dass wohl zum Unterricht gehen sollte.

Im Treppenhaus begegnete mir ein anderes Mädchen, vielleicht zwei oder drei Jahre älter als ich. Sie kam freudestrahlend auf mich zu.
„Hallo Nina, du warst ja schon seit Monaten nicht mehr hier. Ich hab gehört du warst so schlimm krank.“

Ich habe wirklich angefangen zu schwitzen, als ich verzweifelt versuchte mich zu erinnern welche Krankheit das wohl gewesen sein mochte und stellte fest, dass ich keine Ahnung hatte, was in den vergangenen Monaten gewesen war. Es war eindeutig Herbst. Auf dem Hof vor dem Haus der Klavierlehrerin lagen überall Haufen mit braunem Laub. In meiner letzten Erinnerung war es noch später Frühling, ich durfte mit meiner Cousine und meinem Onkel zu Himmelfahrt eine kleine Wanderung unternehmen.

„Ja.“, sagte ich, „Es geht mir aber schon wieder viel besser.“ Und es fühlte sich wie eine Lüge an.

Erleichtert, dass diese Antwort das Mädchen zufrieden zu stellen schien, verabschiedete ich mich und steig weiter die Treppen zur Wohnung der Klavierlehrerin hinauf.

Danach war ich auch schon wieder „weg“.

Ich hoffte also in dem nun beginnenden Small-Talk einige Hinweise darauf zu finden, woher man nun dieses Pärchen kennen könnte.

Ich: „Oh, schön euch mal wieder zu sehen, wie geht’s euch denn?“ (Bloß allgemein bleiben, da kann man nicht viel mit falsch machen)

Sie: „Ganz gut soweit… und dir?“ (Wahnsinnig hilfreich)

Ich: „Sehr gut. Viel zu tun, neuer Job und so, aber macht wirklich Spaß.“

Er: „Oh prima, was machst du denn jetzt?“

Ich erzähle und bin derweil immer noch nicht schlauer wie und wo ich die beiden zuordnen soll. Stelle erneut eine Frage: „Und ihr beiden, was gibt’s bei euch Neues?“

Sie: „Wir haben ja im Sommer endlich geheiratet.“ Sie hält mir stolz ihren Ehering unter die Nase, ein hübsches und interessantes Stück geziert von einer kleinen, polierten Froschkönig-Krone. „Schau, die hat Tina für uns angefertigt.“ (Es wird wärmer. Tina, eine Goldschmiedin, kenne ich. Das schränkt den Kreis der Verdächtigen trotzdem nicht ein. Tina ist ein regelrechter „Socializing-Guru“.)

Er: „Wir hätten es ja schön gefunden, wenn du auch auf der Hochzeit gespielt hättest. Wann hört man denn mal wieder was von dir?“ (Aha, Musik. Eine – wenn auch nicht besonders nennenswerte – Einschränkung des Kreises der Verdächtigen.)

Ich entschuldige mich und erwähne, dass ich (will in diesem Zusammenhang heißen die normalerweise musizierenden Innenpersonen von uns) im Moment aus Zeitmangel ohnehin nicht viel aktiv mache, aber neue Projekte schon wieder am Start sind (so viel bekomme ich dann immerhin doch mit).

Sie: „Das verstehe ich. Ich komme im Moment auch nicht mehr dazu.“ (Warm. Scheint eine „befreundete“ Musikerin zu sein.)

Wie bei Small-Talk üblich erschöpft sich der Gesprächsstoff schnell und wir verabschieden uns, nicht ohne das beiderseitig obligatorische Versprechen, dass man sich mal wieder melden würde und man zieht von dannen um seiner zuvor schon beschrittenen Wege zu gehen.

Irgendwann zu Hause angekommen packt mich erneut die Neugier. Ich krame in einer Kiste mit alten Jahrbüchern, Fotos und Sonstigem mit Erinnerungswert und ziehe einige Konzertveranstaltungsprogramme hervor. Ich werde tatsächlich fündig. Über den Fotos der beiden, die mir in der Innenstadt begegnet waren, prangt der Name einer Band, darunter ihre eigenen. Also doch richtig geraten. Eine gewisse Genugtuung erfüllt mich. Insgesamt ist dieses Aufeinandertreffen ohne über die Maßen merkwürdig zu werden über die Bühne gegangen.

Und weil ich ein freundlicher Anteil unseres Systems bin, mache ich in unserem gemeinsam geführten Kalender und Tagebuch eine Notiz: „Alexandra und Tobias Müllermeyer in der Stadt getroffen. Sind so verblieben, dass wir uns bei Gelegenheit mal wieder bei ihnen melden.“

Text eines Partners und Freundes: „Mein Umgang als Angehöriger mit der DIS“

Hier im Blog wird ja vornehmlich die Sicht einer Betroffenen (sprich mir) auf die DIS und die damit einhergehenden Probleme und Hintergründe dargestellt. Ich freue mich daher sehr darüber hier auch den Text eines Partners und Freundes von multiplen Menschen veröffentlichen zu dürfen, der den Umgang mit Betroffenen von seiner Warte aus beschreibt.

Mein Umgang als Angehöriger mit der DIS

Wie die meisten Menschen die in ihrem Leben nie direkt mit dem Thema Missbrauch konfrontiert waren, hatte ich zu Anfangs große Schwierigkeiten mich mit DIS und deren Ursachen auseinander zu setzen. Und weil ich es damals nicht anders wusste, übernahm ich im Umgang mit den Multis die ich kannte die Sichtweise der Betroffenen. Ich behandelte jeden Innie so wie er sich selbst auch wahrnahm: als eigenständig und entsprechend als Kind oder als Erwachsenen und passend zu dem gefühlten Geschlecht.

Im Ergebnis war das allerdings keine so gute Idee, wie ich aber auch erst viele Jahre später realisiert habe. Zum Einen machte ich mir damit letztlich selbst das Leben schwer, denn ein multiples System ist auf höchst effiziente Weise funktional und Betroffene wissen dies zudem auch effektiv zu nutzen, wenngleich dies in der Mehrzahl der Fälle sicher nicht mit bewusster Absicht geschieht sondern instinktiv passiert. Zum Zweiten unterstützt es die Trennung der einzelnen Anteile und nimmt dem Systems die Notwendigkeit ab, selbständige ein gemeinsames Verantwortungsgefühl zu entwickeln.

So als Beispiel: hatte ich mit Person A Streit, verschwand die einfach und Person B tauchte auf, welche von ihrer Sicht aus mit dem ganzen Thema nichts zu tun hatte. Für das System funktioniert das als Ausweichmechanismus prima – für mich leider überhaupt nicht.
Im Übrigen ist man als Freund eines Multis auf diese Weise mehr oder weniger oft in ‚guter Cop, böser Cop‘ Spiele verwickelt. Denn zur Überlebensstrategie vieler Systeme gehört auch das Mittel der Manipulation. Jedenfalls ist das meiner Erfahrung nach so.
Wer in einer Welt aufwächst in der Manipulation allgegenwärtig ist, in einer Welt in der Bedürfnisse im besten Fall ignoriert, im schlimmsten Fall bestraft werden, der sucht eben zwangsläufig eigenen Wege um seine Wünschte zu erreichen. Als gutmütiger oder unerfahrener Freund oder Partner kann man da tatsächlich recht schnell unter die Räder geraten, wenn man sich nicht rechtzeitig genug abgrenzt und selbst schützt.

Wie ich auch erst im Nachhinein bemerkte, hat mir diese oben beschriebene Art des Umgangs mit der DIS überhaupt nicht gut getan und durch verschiedene Umstände hat sich deshalb meine Einstellung inzwischen auch sehr geändert.
Heute behandle ich einen Multi auch nicht mehr anders als ich es mit jedem anderen Menschen tun würde. Ich hatte unlängst mit einer lieben Freundin, selbst Betroffene, ein Gespräch zu genau diesem Thema.
Mir ist durchaus klar, das sich viele Persönlichkeitsanteile subjektiv als eigenständig erleben. Doch wie der Name sich ja nun selbst erklärt ist es ein Persönlichkeitsanteil, also ein Teil eines Ganzen. Und jeder abgespaltene Anteil ist ursprünglich entstanden um ein Bedürfnis zu befriedigen – das Bedürfnis zu Überleben. Und das hat eben nur durch diesen radikalen Mechanismus der Psyche, der Dissoziation und die amnestische Trennung funktioniert.
Dieser Verarbeitungsmechanismus jedenfalls hat den Nebeneffekt, das wenn der eine Anteil etwas tut, dann fühlt sich der andere Anteil dafür oft nicht verantwortlich. Nun entspringen aber beide der gleichen ursprünglichen Psyche und unabhängig davon wie eigenständig sich Einzelner erleben mag, ist und bleibt er doch immer eine Facette vom gesamten System und damit Teil eines jeden anderen. Jeder einzelne Anteil trägt den Charakter des Gesamtsystems in sich und trägt umgekehrt auch zum Charakter des Gesamtsystems bei. Das gilt im Guten wie im Schlechten. Wenn also ein einzelner Anteil lieb und nett ist und der Rest des Systems das nicht ist, macht das für mich als Außenstehenden keinen Unterschied mehr. Oder als einfaches Beispiel: wenn mich das System mit den Leuten A – F verarscht, dann ist es unerheblich das Kind G nach vorne kommt und wieder lieb mit mir sein will. Aber das funktioniert eben auch umgekehrt: wenn ich mit allen Anteilen eines Systems nur positive Erfahrungen gemacht habe, dann fällt es mir leichter mit Täterintrojekt X umzugehen, bzw. dessen Umgang zu verarbeiten.

Was nun das weiter oben genannte Beispiel für Streitkultur angeht, so lässt es erkennen das sich Multi und Uno grundsätzlich mal gar nicht so sehr voneinander unterscheiden: wenn mir persönlich etwas nicht passt, entweder was ich bin oder das ich tue, dann verdränge ich diesen Aspekt eben einfach – in letzter Zeit kaum noch, früher tat ich das dafür sehr stark. Multi hingegen spaltet vergleichbaren Aspekt in Form eines sich als eigenständig erlebenden Persönlichkeitsanteils, ab. Also tun wir beide nix anderes. Die Bewältigungsstrategie ist im Kern die gleiche.
Der Unterschied liegt nur darin, das ich als Uno sehr viel leichter lernen konnte diese Strategie zu erkennen und ihr entgegen zu wirken. Multi hingegen war gezwungen diesen psychischen Mechanismus ins Extremste zu perfektionieren um überhaupt überleben zu können. Und das lässt sich nicht mal so eben umlernen.

Meine sehr liebe Freundin hat mich nun auch gefragt, bzw. gemeint, das ich aber die Kinder anders behandeln würde als ich es mit den Erwachsenen Anteilen tue. Und nein, das tue ich nicht mehr.
Ich trage sehr wohl der Tatsache Rechnung das sich jeder als eigenständig erlebt und das eben jeder auch für eine Gemütsverfassung oder eine Situation oder anderes steht, oder stehen kann – das er aber nicht eigenständig ist, bleibt für mich deswegen unbestritten.
Heute sehe ich den Wechsel zwischen einzelnen Systemanteilen einfach als ein Mittel oder als Ausdruck des Systems in einer Bestimmte Situation auf adäquate Weise zu (re)agieren. Kommen etwa Kinder nach vorne, kann das systemabhängig z.B. ein Bedürfnis nach Nähe oder auch im Gegenteil, nach Ruhe ausdrücken.
Wenn ich den Einzelnen vor mir habe und entsprechend handle und doch ebenfalls das System als Ganzes sehe, ist das also kein Widerspruch.

Natürlich ist es nicht immer ganz so einfach, denn von allem anderen abgesehen handelt es sich bei einem Multi noch immer um einen traumatisierten Menschen und diesem Aspekt ist ebenfalls Rechnung zu tragen. Im Umkehrschluss bedeutet dies allerdings nicht, das ein Multi nun erwarten darf, das sich sein Umfeld deshalb gänzlich und bis zur Selbstaufgabe auf ihn einlässt.
Mit der Einstellung die ich heute zur DIS habe, ist mein Leben mit Vielen um Einiges unkomplizierter geworden. Und das gilt für mich selbst und in gleichem Maße für meine Partnerin. Nach meiner Erfahrung lassen sich auf diese Weise sowohl Missverständnisse besser klären, aber auch Bedürfnisse und Wünsche viel direkter und einfacher ansprechen. Es gelten für alle Beteiligten die selben Regeln und der selbe Bezugsrahmen, unabhängig vom erlebten Alter, Geschlecht oder der persönlichen Weltanschauung.

Manch einem Multi(Anteil) mag es ungerecht oder schwierig erscheinen so behandelt zu werden, denn schließlich ist DIS keine gewählte Lebenseinstellung, sondern eine Überlebensstrategie die für Betroffene auch für die Alltagsbewältigung oft notwendig ist. Und wenn Multi nur diesen einen Umgang mit der Welt kennt, dann ist meine dargelegte Einstellung dem ein oder anderen vielleicht zuwider. Doch um mich hier ganz klar abzugrenzen: darauf einzugehen liegt nicht in meiner Verantwortung. Es ist nicht meine Sache, auch nicht als Freund oder Partner, mit jedem Innie so umzugehen wie der das gerne hätte. Für mich als Außenstehender ist nur der Umgang mit dem System als Ganzes entscheidend und entsprechend werde ich mich auch verhalten. Alles andere liegt beim System, entweder im Umgang mit der Situation oder im Umgang mit sich selbst und seinen Anteilen – Systemverantwortung eben.

Als Angehöriger will ich meine Partnerin natürlich so gut ich kann unterstützen. Und ich habe festgestellt, das dies am besten funktioniert, wenn unser Umgang miteinander so unkompliziert wie irgend möglich ist. Und was soll ich sagen? So wie es jetzt ist, tut uns das beiden und der Beziehung offensichtlich richtig gut ^^

Dissoziative Identitätsstörung (DIS) kurz vorgestellt

Wir wollen hier mit euch einige Texte zum Thema Dissoziation, dissoziative Störungen, Leben mit Dissoziativer Identitätsstörung und Traumafolgen teilen, die wir bereits 2007/’08 verfasst haben:

Die dissoziative Identitätsstörung (DIS, früher: multiple Persönlichkeitsstörung) stellt sozusagen das Ende der Fahnenstange dissoziativer Störungen dar. Bei der DIS sind nicht nur psychische Funktionen wir Erinnerung, Empfindungen und Gefühle von der Abspaltung betroffen, viel mehr wird bei dieser schwersten Form der Dissoziation die Gesamtpersönlichkeit in unterschiedliche Identitäten aufgespalten. Das bedeutet, dass vollkommen unabhängige „Ichs“ innerhalb einer Person existieren.

Die offiziellen Diagnosekriterien nach dem ICD-10 lauten wie folgt:

  1. Zwei oder mehr unterschiedliche Persönlichkeiten innerhalb eines Individuums, von denen zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils nur eine nachweisbar ist.
  2. Jede Persönlichkeit hat ihr eigenes Gedächtnis, ihre eigenen Vorlieben und Verhaltensweisen und übernimmt zu einer bestimmten Zeit, auch wiederholt, die volle Kontrolle über das Verhalten der Betroffenen.
  3. Unfähigkeit, wichtige persönliche Informationen zu erinnern, was für eine einfache Vergesslichkeit zu ausgeprägt ist.
  4. Nicht bedingt durch eine organische psychische Störung (F00-F09) (z.B. eine Epilepsie) oder durch psychotrope Substanzen (F10-F19) (z.B. Intoxikation oder Entzugssyndrom).

Diese „Ichs“ sind durch so genannte „amnestische Barrieren“ voneinander getrennt, d.h. „Ich“ A weißt nicht was „Ich“ B tut, denkt oder fühlt. Sehr häufig wissen diese einzelnen Identitäten nicht einmal von der Existenz der anderen. Somit haben die Identitäten (i.d.R. Innenpersonen genannt) einer multiplen Persönlichkeit ein ganz eigenes Bewusstsein und ich-Gefühl, eigenständige Erinnerungen, oft auch ganz eigene Vorlieben, Weltanschauungen, Wünsche und Bedürfnisse.

Betroffene von einer DIS (sog. „Multis“, Multiple oder multiple Persönlichkeiten), leiden zusätzlich zu der Aufspaltung der Gesamtpersönlichkeit in der Regel auch an der ganzen Bandbreite dissoziativer Phänomene, tranceartige Zustände, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, die Umwelt erscheint fremd und unwirklich, der eigene Körper scheint verzerrt, es „fehlt Zeit“ also unvollständige Erinnerungen an Vergangenes oder der Betroffene findet sich plötzlich an einem Ort wieder und weiß nicht, wie er dahin gekommen ist. Die beiden letzten Punkte können bei Multiplen oft durch „Personenwechsel“ erklärt werde, d.h. eine andere Innenperson, ein anderes „Ich“, hat zeitweise die Kontrolle übernommen, andere „Ichs“ haben für diesen Zeitraum keine Erinnerungen.

Zusätzlich dazu findet man bei Multiplen auch eine ganze Reihe anderer psychischer Störungen oder Erkrankungen, sog. „Komorbiditäten“, die zusätzlich zur Grundstörung vorliegen. Oft sind das Depressionen, Angsterkrankungen, Essstörungen, Selbstverletzungen, hin und wieder auch eine Borderline Persönlichkeitsstörung und fast immer eine (komplexe) posttraumatische Belastungsstörung. Diese Komorbiditäten, können die Diagnosestellung erschweren, weil sie oftmals die DIS als solche überdecken.

Die Ursache für diese sehr komplexe Form einer dissoziativen Störung liegt in immer wiederkehrenden, schweren Traumatisierungen in der frühen Kindheit, wenn die eigene Identität noch nicht gefestigt ist. Dabei kann es so zu einer fortgesetzten Abkapselung von Erinnerungsmustern kommen, die die Basis für die Abspaltung von eigenständigen Identitäten bildet. Schwere und Qualität des Traumas, Länge und Wiederholungen der Einwirkungen und die Dissoziationsfähigkeit des Kindes bestimmen das Ausmaß der Dissoziativen Identitätsstörung.

Wie wir unsere eigene DIS erlebt haben und z.T. noch erleben, könnt ihr  hier nachlesen (Folgeartikel: Pt. 2, Pt. 3, Pt 4)

Schutzmechanismus Dissoziation

Wir wollen hier mit euch einige Texte zum Thema Dissoziation, dissoziative Störungen und, Leben mit Dissoziativer Identitätsstörung und Traumafolgen teilen, die wir bereits 2007/’08 verfasst haben:

Der Begriff Dissoziation ist von dem lateinischen Betriff dissocio (trennen, scheiden) abgeleitet und bezeichnet in der Psychologie das Abspalten von psychischen Funktionen wie z.B. Erinnerungsvermögen, eigene Emotionen oder Körperempfindungen, Wahrnehmung der Umwelt oder Selbstwahrnehmung.

Dissoziation ist in dem Sinne das Gegenteil von Assoziation, bei der verschiedene Elemente oder psychische Inhalte (Ideen, Gefühle, Eindrücke) miteinander verknüpft werden.

Die Dissoziation ist ein ganz wichtiger Schutzmechanismus der Psyche, jeder Mensch ist in der Lage mehr oder weniger stark zu dissoziieren um sich vor Belastendem zu schützen. Einige kennen bestimmt das Phänomen: Man muss einen Vortrag halten, sei es ein Referat vor der ganzen Klasse oder einen Jahresabschlussbericht vorm versammelten Vorstand. Man ist unglaublich nervös, und wenn man vorn steht, mit dem Vortrag beginnt, hat man plötzlich das Gefühl man schwebt ein wenig aus sicher heraus, beobachtet sich selbst wie von außen, als sei man jemand anderes.

Wenn wir Traumatisierungen erfahren, dann sind Dissoziationen überlebenswichtige Mechanismen. Sie schützen uns vor dem, was wir nicht verarbeiten können, vor dem, was im Moment einfach zu viel wäre.

Die junge Frau, die vergewaltigt wurde, kann sich noch grob an den Tathergang erinnern, aber das Gesicht ihres Angreifers ist ihr nicht mehr präsent, obwohl es genau vor ihrem eigenen war, immer wenn sie versucht sich zu erinnern wird ihr furchtbar schwindelig.

Der Soldat, der von einem Kriegschauplatz heimkehrt fühlt sich wie tot, viele seiner Kameraden sind getötet worden, aber er hat keine Emotionen dafür, keine Trauer, keine Wut und als seine kleine Tochter ihm in die Arme springt vermag er kaum Freunde zu empfinden.

Das kleine Mädchen, deren Vater abends zu ihr ins Bett steigt, steigt ab dem Augenblick aus ihrem Körper aus. Sie schwebt an die Decke und fühlt nichts mehr, keine Schmerzen, nichts von dem, was ihr Vater mit ihrem Körper macht.

Das sind einige Beispiele welche Formen Dissoziation unter anderem annehmen kann um die Psyche vor Belastendem zu schützen.