Etwas Schönes

Gestern ist hier auf einen Schlag mehr Schnee vom Himmel gefallen als im gesamten Winter zuvor.

Ich liebe das weiße Funkeln, ich liebe es, wenn die Luft so kalt ist. Es gibt mir das Gefühl besser atmen zu können. Ich habe heute Nacht draußen mein Gesicht im Schnee vergraben. Einfach inne gehalten. Für ein paar Minuten ist die Welt stehen geblieben. Es war still. Mein Kopf war kühl, im buchstäblichen und übertragenen Sinn.

Ich nehme Abschied vom Winter. Die Tage sind schon länger geworden, die Sonne scheint öfter. Bald werde ich ohne dunkle Brille draußen nichts mehr sehen können und ohne Sunblocker zu Staub zerfallen (wahrscheinlich wurde einer meiner Vorfahren von einer Fledermaus gebissen).

Nur der Kater sitzt auf dem Fensterbrett und schaut unzufrieden nach draußen. Mit anklagendem Maunzen drückt er sein Missfallen darüber aus, dass ich schon wieder dieses eklige, weiße Zeug überall auf den Boden verteilt habe, dass so blöd an Pfoten und Bauch kleben bleibt um dort langsam zu schmelzen.

Dass ich mich aber auch überhaupt nicht schäme…

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Intuition

Verlass dich ruhig auf deine Ahnungen. Sie beruhen gewöhnlich auf dicht unterhalb der Bewußtseinsschwelle registrierten Fakten.
(Joyce Brothers)

Ich bin erstaunt darüber wie oft sich meine Ahnung im Nachhinein als richtig erweist. Und dennoch, obwohl ich das mittlerweile weiß, handle ich meist entgegengesetzt dieser Intuition.

Vor vielen Jahren lernte ich im Studium eine Frau kennen. Wir kamen beide aus unterschiedlichen Fachrichtungen, belegten aber ein Seminar zusammen. Sie war gut 20 Jahre älter als ich, hatte bereits Pädagogik und Soziologie studiert und arbeitete therapeutisch mit Kindern und Jugendlichen. Wir verstanden uns auf Anhieb, entdeckten gemeinsame Interessen und begannen viel Freizeit miteinander zu verbringen. Wir saßen oft stundenlang im Park oder den Treppenhäusern der Universitätsgebäude und sprachen über Gott und die Welt. So wurde einmal auch das „Bauchgefühl“ und intuitives Wissen, was richtig und was falsch ist, Thema. Sie erzählte mir, dass gerade Menschen, die in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erfahren haben, große Schwierigkeiten haben später auf ihre eigene Intuition zu hören und danach zu handeln.

Sie erklärte es mir folgendermaßen:

(Pädophile) Täter, die ein Kind missbrauchen, haben zum einen ein Interesse daran, dass ihre Taten unentdeckt bleiben und versuchen auf der anderen Seite bewusst oder unbewusst ihre Taten vor sich selbst, dem Kind und anderen Außenstehende zu rechtfertigen. So motiviert investieren sie einige Energien in die Manipulation der Wahrnehmung des Kindes und deren Bewertung durch das Kind. Ich behaupte, dass die meisten Kinder, die routinemäßig sexualisierte Gewalt erfahren haben, einige dieser Sätze so oder in abgewandelter Form gehört haben:

Es gefällt dir doch auch.

Du hast mich verführt, ich konnte mir doch überhaupt nicht anders helfen.

Ich tue das doch nur, weil ich dich liebe.

Wenn du nicht so hübsch/ungezogen wärst, müsste ich das doch gar nicht tun.

Alle Väter machen das mit ihren Töchtern.

Was stellst du dich so an? Es hat doch gar nicht weh getan, ich habe dir noch nie weh getan.

Kinder wissen instinktiv, dass diese Sätze unwahr sind. Sie wissen, dass da etwas nicht stimmt, aber genau dieses intuitive Erfassen der eigentlichen Realität und das Hören auf ihr Bauchgefühl wird ihnen Schritt für Schritt abtrainiert. Sie lernen, dass ihre Intuition falsch sein muss und gegenteilig zu handeln, was sie bis ins Erwachsenenalter mit hinein nehmen.

Nach diesem Gespräch hat es bei mir „klick“ gemacht.

Ich habe ein unglaubliches Talent dazu mich mit Menschen zu umgeben, die mir auf Dauer nicht gut tun. Dabei werde ich selten überrascht. Bisher haben sich noch alle anfänglichen Ahnungen und ersten Eindrücke im Nachhinein als richtig herausgestellt, trotzdem höre ich nicht auf sie. Ich entscheide mich oft genau das Gegenteil von dem zu tun, was mein Bauchgefühl mir rät, weil ich glaube zu wissen, dass per Definition nichts von diesem Bauchgefühl richtig sein kann. Ich beginne dann zu rationalisieren, finde tausend vermeintlich logische Gründe mein Handeln vor mir selbst zu rechtfertigen, rede meine Intuition klein, denn ich war ja schon immer überempfindlich und paranoid. Oft genug ist es auch passiert, dass Außenstehende diese meine Rationalisierungsversuche „stützen“. Wenn ich Pech hatte, geschah dies um einen Vorteil für sich herauszuschlagen.

Nun weiß ich ja nicht erst seit gestern, dass ich auf meine Intuitionen hören und danach handeln darf. Ich weiß auch nicht erst seit gestern, dass sie ein recht guter Indikator sind. Ich habe mich nun lange genug selbst beobachtet und kenne meine Selbstmanipulationsversuche. Dennoch kämpfe ich seit Jahren viel zu oft erfolglos gegen dieses Verhaltensmuster und für intuitives Handeln. Jedes Mal, wenn ich es geschafft hatte, wurde ich dafür belohnt und zwar mit den besten Freunden, die ich mir wünschen könnte, einer wunderbaren Partnerschaft und einer tollen Familie. Ich scheine es aber nicht lassen zu können wider besseren Wissen und Gewissen in Situationen und auf Menschen einzusteigen, die mir erheblichen Schaden zufügen.

Da ist nichts mit „Gefahr erkannt – Gefahr gebannt“, dieser Lernprozess, dieser Kampf ist einer der zähsten, die ich auszufechten habe. Der Erfolg stellt sich nur in winzig kleinen Schritten ein.

Und während ich hier schreibe frage ich mich in welche ungesunde Situation ich mich als nächstes hineinmanövriere oder auf welchen Menschen ich als nächstes reinfalle.

Orpheus ohne Rückfahrschein

Als mir bewusst wurde, dass das, was ich seit meiner Kindheit erleb(t)e Gewalt und Missbrauch ist (es mag paradox klingen, ich kannte die Begriffe, wusste, was dazu im Wörterbuch stand, konnte sie aber lange nicht mit dem, was ich erlebte, in Verbindung bringen), fiel es mir noch schwer die Folgen für mich in meinem Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln zu erkennen.

Ich lernte dann, dass das, was ich erfahren hatte, traumatisierend war. Ich lernte den Begriff Psychotrauma und erfuhr von Ärzten, dass ich offenbar unter einem solchen litt. Man erklärte mir dazu kaum etwas, aber ich habe mein Graecum und wusste, dass „Psychotrauma“ übersetzt in etwa „Verletzung der Seele“ bedeutet. Eine Vertraute schickte mir ein Selbsthilfebuch aus dem ich lernte, was es bedeuten kann traumatisiert zu sein. Ich lernte, dass viele meiner Verhaltensweisen, Gefühle und meiner Denkmuster Folgen der erlittenen Gewalt und dem Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familienstruktur waren. Bis dahin war ich der Meinung dass ich so war, wie ich bin, weil ich einfach schlecht war. Ängste, Zwänge, Tics und Anfälle waren für mich Zeichen, dass ich wohl einfach mit einem „minderwertigen“ Gehirn geboren worden war, Depressionen ein Zeichen von Faulheit, scheinbar irrationale Verhaltensweisen ein Zeichen für Dummheit und die furchtbaren Bilder in meinem Kopf, die mich Tag und Nacht quälten zeigten doch nur zu deutlich, dass ich zu all dem anderen offenbar auch verrückt und wahnsinnig war.

Schnittwunden kann man nähen, Abszesse kann man eröffnen und gebrochene Knochen lassen sich schienen. Wenn sich körperliche Wunden heilen lassen, dann muss es doch auch Wege geben die seelischen zu heilen. Das schien mir logisch und ich machte mich auf den Weg der Heilung. Ich suchte mir neue therapeutische Unterstützung, kaufte Bücher, lieh Fachartikel, ging in Selbsthilfegruppen, denn ich wollte wissen, was auf mich zukommen sollte.

Immer wieder hörte ich, dass ich noch einmal zurück in die Hölle müsse, mich meinen Dämonen stellen, sie mir betrachten, sie mir bewusst machen, um dann gestärkt, genesen, integriert wieder zurückzukehren.

Ich schnürte meine feuerfesten Wanderschuhe und stieg hinab.

Wie bei fast allen neuen Wegen, die ich beschreite, begleitete mich eine Naivität, die dem härtesten Rocker die Milch einschießen lässt, und ein merkwürdiger Optimismus, der nur Kopfschütteln verdient hat. Dass ich dennoch Panik schob, ist für mich kein Widerspruch. Wie schlimm konnte es schon sein sich mental in die Hölle zu wagen und die Dämonen betrachten, wenn man mit dem ganzen Rest seines Seins noch immer in ihren Tiefen feststeckte.

Auf der Reise stellte ich fest, dass die von mir betretene Unterwelt aus Ebenen oder Schichten bestand, wie eine Zwiebel oder die Höllenkreise aus Dantes Inferno. Nur unterschieden sich die Kreise, die ich nach und nach betrat, nicht darin, wer dort gepeinigt wurde, sondern darin, was ich erneut und doch ganz anders zu erleben hatte.

Ich pflegte stets zu sagen, dass es nicht so schwer sein würde sich mit mir und meinem Hintergrund auseinanderzusetzen, schließlich sei das Schlimmste die Gewalt und der Missbrauch selbst gewesen. Je tiefer ich aber in die Abgründe meiner Herkunft und meines bisherigen Lebens eintauchte, desto klarer wurde mir, dass dieser Glaubenssatz, an den ich mich wie eine Ertrinkende klammerte, nicht der Realität entspricht. Was zu stimmen scheint ist, dass mir jetzt weniger Schaden zugefügt wird. Es werden nicht konstant neue Wunden geschlagen. Es tut aber nicht weniger weh. Auf eine ganz bestimmte Weise ist es schlimmer. Während ich aufwuchs und solange ich noch körperlich in den destruktiven Strukturen meiner Familie und der RiGaG feststeckte wurde alles, was ich dort erlebte – Dissoziation sei Dank – in kleine, feine Päckchen aufgeteilt und getrennt voneinander in meinen Hirnwindungen abgespeichert. Nun aber soll oder will ich verarbeiten. Was das bedeutet wird mir mit jedem Schritt, den ich wage, klarer. Einer der ersten Therapeuten, die ich aufsuchte, sagte mir ich müsse über das, was mir widerfahren ist, reden. Wenn ich das täte, wäre ich geheilt. Aus der multiplen Persönlichkeit würde automatisch eine einzige, ganze, unbelastete Person werden, wenn ich alles ausspreche.

Die Dinge beim Namen zu nennen ist ein wichtiger Schritt, aber nach meiner Erfahrung nicht alles und auch nicht so einfach, wie es zunächst scheint. Es ist schwer jemanden zu finden, der sich das, was man zu sagen hätte, anhören kann und will. Der erwähnte Therapeut stellte nach kurzer Zeit fest, dass er sich den Inhalten nicht gewachsen fühlt und damit war er auch nur einer in einer langen Reihe Ärzten und Therapeuten in ambulanten und stationären Settings, die mir rieten doch endlich über die Traumatisierungen zu sprechen – aber bitte woanders.

Fall man doch das Glück hat einen Ort zu finden, wo man aussprechen dürfte, was einem auf der Seele brennt und was einen so sehr geprägt hat, dann finden sich noch genügend innere Barrieren, die das zu verhindern wissen. Oft kennt man keine Worte, die annähernd beschreiben könnten, was man erlebt hat. Man hat ja nie darüber geredet. Es fehlt das Vokabular, denn vieles findet keine Entsprechungen im normalen Alltag. Zudem ist man lange darauf trainiert worden niemals auszusprechen, was hinter den verschlossenen Türen vor sich geht. Man muss kreativ werden, um diese Schweigegebote zu umgehen, viel Geduld mitbringen und Vertrauen lernen, um sie zu durchbrechen.

Reden ist wichtig um sich die Gründe für das Trauma bewusst zu machen. Reden allein ist aber nicht der ganze Verarbeitungsprozess, es kann ihn lediglich auslösen oder ein Teil von ihm sein. Will ich „heilen“, das Trauma integrieren, muss ich das, was dissoziiert wurde, re-assoziieren. Was abgespalten wurde, muss wieder zusammengesetzt werden. Eine Erinnerung besteht aus verschiedenen Ebenen, (Körper)Empfindung, Emotion, Fakten, Bilder und Bedeutung des Geschehenen. Bei dissoziierten Erinnerungen an traumatische Erlebnisse sind diese Ebenen voneinander getrennt. Zu einigen Erlebnissen habe ich nur einige Bilder, weiß aber nicht was eigentlich passiert ist. Getrennt davon sind Emotionen, Empfindungen oder das Faktenwissen. Bei uns ist es aufgrund der dissoziativen Persönlichkeitsstruktur so, dass die Ebenen dieser Erinnerungen auf verschiedene Personen verteilt sind. Eine empfindet immer wieder starke Schmerzen in den Fingerkuppen, ohne zu wissen warum. Eine zweite Person sieht vor sich Bilder von einer fixierten Hand und einer Zange, die an einem Fingernagel ansetzt. Eine dritte weiß, dass ihr die Fingernägel gezogen wurden und wieder jemand anderes weiß, dass dies getan wurde um für ein ganz bestimmtes Fehlverhalten zu bestrafen. Hass auf die Täter, Scham, weil man bestraft werden musste oder der Ekel vor den eigenen blutverschmierten Fingern werden von weiteren Innenpersonen getragen.

Man dissoziiert das Erleben, weil alle Aspekte auf einmal in dem Moment zu viel für die Psyche sind. Für uns stellt sich immer wieder die Frage, ob wir eigentlich vollkommen wahnsinnig geworden sind, wenn wir versuchen ein Ereignis mit all dem, was einzelne von uns dazu beitragen konnten, zu rekonstruieren. Gefoltert zu werden und zu dissoziieren ist leichter als alle Aspekte dieses Ereignisses auf einmal zu erleben. Es zerreißt einen förmlich, wenn man die Schmerzen spürt, das Gesicht des Täters vor sich sieht, durchgeschüttelt von widersprüchlichen Gefühlen und alles in dem Wissen, dass es hier keinen tieferen Sinn zu finden gibt. Warum hat er das getan? Weil er’s kann.

Je länger ich mich auf dieser Reise in meine Unterwelt befinde, je tiefer ich vordringe, umso deutlicher wird, dass mein halb gescherztes Motto „einmal Hölle und zurück, bitte“ nicht mehr ist als das – nämlich halb gescherzt. Es gibt kein Zurück. Nach all dem, was ich gesehen, gefühlt, erkannt habe kann ich nicht zurück. Zurück bedeutet zurück zum Leugnen, zurück zum abgespalten Leben, zurück zum verzweifelten Versuch wenigstens einen Anschein von Normalität zu schaffen. Selbst wenn ich das wollen würde (und noch gibt es immer wieder Phasen, in denen ich mir das wünsche), ich könnte es nicht, egal wie sehr ich mich anstrengen mag.

Es bleibt mir nur tiefer in die Hölle einzudringen, bis ganz auf den Grund und dann noch ein Stück tiefer, immer in der Hoffnung, dass sich ganz weit unten ein neuer Ausgang verbirgt.