Alison Miller – Auseinandersetzung mit den spirituellen Folgen von rituellem Missbrauch (Vortrag engl.)

Dies ist ein weiterer Vortrag von Alison Miller

Dieser dreht sich primär um die spirituellen Folgen von rituellem und spirituellem Missbrauch

Der Vortrag ist allein durch sein Thema nicht frei von triggerndem Material für Betroffene. Also achtet auf euch.

Quelle: YouTube

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Alison Miller – Arbeit mit traumatischen Erinnerungen und die Zerstörung von Mind Control/Programmen (Vortrag engl.)

Zugegeben eine sehr freie Übertragung des Titels des Vortrags, den Alison Miller im Rahmen einer Konferenz im Sommer hielt.

Sie arbeitet seit Jahrzehnten mit Überlebenden ritueller Gewalt. Einige der angesprochenen Themen finden sich auch in ihrem aktuellen Buch spezifisch für Überlebende von organisiertem Mind Control „Werde we du wirkllich bist: Mind Control und Rituelle Gewalt überwinden“

Vortrag in englischer Sprache, einige Inhalte könnten als triggernt empfunden werden. Bitte achtet auf euch

Auf Trauma basierende Bewusstseinskontrolle und ritueller Missbrauch an Kleinkindern – Interview mit Andrea Sadegh

Interview von Klagemauer.tv mit Mag. phil. Andrea Sadegh: auf Traumas basierende Bewusstseinskontrolle & ritueller Missbrauch an Kleinkindern. Frau Sadegh kann hier aus erster Hand einer Bezugsperson eines betroffenen Kleinkindes berichten. Sie hat sich offensichtlich auch sehr intensiv mit dem Thema Mind-Control und rituelle Gewalt auseinandergesetzt und selbst eine Initiative gegründet: http://www.traumabasedmindcontrol.com

Ich finde dieses Interview sehr interessant, weil sich hier jemand kompromisslos in die Öffentlichkeit stellt, trotz aller Repressalien und den Mut hat auch in die Tiefe der Thematik zu blicken. Auch weil die Sichtweise eine ganz andere ist. Ich kann nur von innen schauen, durch Filter von Programmen und Mind Control, die vieles verzerren. Daher ist es für mich spannend zu hören, wie jemand von außen, der sich so intensiv in diese Parallelwelt der RiGaGs eingefuchst hat, diese betrachtet.

 

Quelle: youtube

Interview mit Jessie Marsson, einem Überlebenden von ritueller Gewalt

Jessie Marsson ist ein Überlebender von ritueller und anderweitig organisierter Gewalt und berichtet von seinen Erfahrungen (Berichte über seine Erfahrungen mit ritueller Gewalt in der sog. „Odin-Sekte“ beginnen bei 0:51:25). Es werden auch harte Themen angesprochen, die nichts für schwächere Mägen sind und selbst-Betroffene auch stark triggern können. Bitte achtet beim betrachten des Videos auf euch selbst.

Zugegeben, einiges kann nach einer Prise zu viel Verschwörungstheorie klingen, allerdings sollten diese wenigen Elemente nicht dazu führen, dass man den gesamten Bericht von Jessie Marsson vollständig ins Reich der Märchen verbannt, nur um besser schlafen zu können.

Das Interview wurde von Jo Conrad von bewusst.tv geführt.

Quelle: youtube, bewusst.tv.

Persönlich möchten wir noch anmerken, dass wir einige Weltanschauungen, besonders dies sehr konservativen, von Herrn Marsson und Herrn Conrad nicht teilen. Für uns ist das an dieser Stelle kein Grund die Videos nicht zu teilen, da von stärker rechts-gerichteten Äußerungen Abstand genommen wird. Wir bewundern den Mut beider Herren sich mit einem so heiklen Thema auseinanderzusetzen. Wir selbst haben noch (ja, das ist eine Kampfansage) nicht die Chruzpe, wir sammeln noch.

„Kultidentität“

Kultidentität.

Ein Begriff, den unsere Therapeutin geprägt hat. Ein Begriff der uns offenbar hilft das wie im uns zu verstehen. Kompliziert ausgedrückt? Ist es wohl auch. Trotz eines nicht zu verleugnenden Aha-Effektes bei den Ausführungen unserer Therapeutin, wirft es mindestens genau so viele Fragen auf, wie es zu beantworten scheint.

Wir sprachen über unsere Lebens- und (damit) auch Therapieziele. Wir sind schon einen langen Weg gegangen, haben ja schon einiges erreicht. Sind schon in einige Untiefen unserer Seele vorgedrungen, aber anstatt den Boden des Abgrundes erkennen zu können, scheinen wir (gefühlt) ein Fass ohne Boden zu sein.

Sein vielen Jahren suchen wir ja schon nach einer/m erfahrenen TherapeutIn, der/die bereit ist sich gemeinsam mit uns in diese Untiefen vorzuwagen.

Bisherige Therapien hatten eher „kosmetische“ Ziele. Jeder Therapeut machte uns deutlich, dass es zuerst wichtig ist, dass wir (möglichst unauffällig) in der Gesellschaft funktionieren (cool, da hätte meine Familie, als sie es herausfand gar nicht so ausflippen müssen, es wollten ja alle das gleiche)

Zunächst ging es darum die Essstörung zu überwinden, wen von dem krankhaften Untergewicht -> Ziel erreicht (gut, seien wir ehrlich, das Essverhalten ist immer noch gestört und was das Untergewicht betrifft sind wir über’s Ziel hinausgeschossen).

Es ging darum die Selbstverletzung, die damals massiv war und eingeschränkt werden musste, wenigstens der Schaden an Knochen und Weichteilen -> Ziel in dem Sinne erreicht. Selbstverletzung ist selten und passiert nur noch in Situationen mit großem Druck, die neu für uns sind (intensive Gefühle) und wo sonst wirksame Skills scheitern.

Es ging um die äußere Funktionalität. Von irgendetwas mussten wir ja leben, also war wichtig, dass wir auf der Arbeit zurecht kamen, dass wir nebenbei unser Studium bewältigen konnten und die parallel laufenden Ausbildung -> Ziel lange erreicht. Wir haben Skills gelernt mit bestimmten Triggern, die wir nicht vermeiden konnten umzugehen -> Ziel erreicht.

Wir haben gelernt uns als System zu akzeptieren, jede Menge Psychoedukation gemacht. Verstehen gelernt, warum das, was man hatte eben keine Schizophrenie ist, sondern Dissoziation. Das war wohl eher ein Nebeneffekt oder etwas, was wir einem damals noch sehr unerfahrenen, aber sehr verbissenen Therapeuten zu verdanken hatten (der uns davor bewahren konnte dauerhaft und ohne Aussicht auf Ausstieg in ein Programm für Schizophrene Menschen, die nicht mehr für sich sorgen konnten, zwangseingewiesen zu werden – man bedenke: damals hatten wir einen Job, eine gerade erfolgreich abgeschlossene Ausbildung und waren auch akademisch erfolgreich, dazu ein soziales Netz und tragfähige Beziehungen… aber das ist eine ganz andere Geschichte, damit könnte ich Bücher füllen und nicht nur ausschweifend vom Blog-Artikel Thema ablenken 😉 ). Dieser Therapeut leitet heute, 9 Jahre später übrigens recht erfolgreich eine wunderbare Institution, die sehr vielen psychisch Beeinträchtigten Menschen eine gute Stütze ist. Und auch wenn wir damals nur philosophiert und gemeinsam Unmengen an vorhandenem Material durchforstet haben, ihm die Freude einer (ein Jahr lang dauernden) ausführlichen Differentialdiagnostik gegönnt haben, so war das nicht ganz beabsichtigte Ziel: Erkenne dich selbst -> erreicht.

Auf sein Geheiß machten wir uns dann wieder auf die zermürbende Suche nach guten Traumatherapeuten. Oft wurden wir mehr oder weniger abgewiesen, weil z.B. noch der Studienabschluss ausstand. Das solle man doch bitte zuerst machen.

Den Therapeuten, den wir fanden, hat sich immerhin unserer angenommen. Auch hier war das erklärte Ziel: Äußere Funktionalität. Funktionalität über allem. Dennoch nahmen wir einiges für uns mit. Er hatte keine Ahnung, war aber in der Welt herumgekommen und brachte viele Sichtweisen in die Therapie mit. Häufig war uns beiden klar, dass das, was wir innerhalb der Therapie besprachen, erarbeiteten, usw. gelinde gesagt suboptimal war. Es half uns aber unsere eigenen Wege und Interventionen zu finden. Die eingeübten Imaginationsübungen nach Muster gingen nach hinten los? Also wurden neue geschrieben. Wir schafften uns Projekte und damit unfreiwillig die ersten Anläufe von Innenkommunikation und später sogar (steuerbarer) Co-Bewusstheit. Unsere Funktionalität verbesserte sich zeitweise -> sein Ziel erreicht (leider schien er es regelrecht persönlich zu nehmen, als dieses Korsett der äußeren Funktionalität begann zu knarzen und dann zu zerbrechen). Unser Ziel: ein Miteinander zu schaffen haben wir in den Anfängen – erreicht.

Damit können wir jetzt arbeiten. Mit vielen Innenpersonen und Gruppen (wir haben uns da die Begrifflichkeiten der Systemik, wie wir sie gelernt haben, angeeignet und bezeichnen solche Gruppen als Subsysteme, wir als ganzer Mensch, mit allen bekannten und unbekannten Anteilen, nennen wir System) haben wir die Möglichkeit in Kontakt zu treten. Wir können bedürftige Innenpersonen (z.B. traumatisierte Kinder) an innere, imaginierte, sichere Orte schicken oder – falls es (wie in den meisten Fällen) nicht funktioniert einen imaginierten sicheren Ort zu schaffen, so können sich andere Innenpersonen nach ihren Fähigkeiten kümmern.

Es ist also schon eine Basis vorhanden.

Für die jetzige Therapie haben wir klar gemacht, dass es uns kurzfristig nicht um „Frisur und Make-up“ geht, sondern, dass wir jetzt diese Therapie machen um dort zu graben, wo es vor sich hinschimmelt, dass man es bis nach draußen riechen kann. Was wir auch tun, das, was aus uns versucht wurde zu machen, das was wir auch sind, beeinflusst und heute kaum weniger als noch vor ein paar Jahren. So viele eingepflanzte Überzeugungen, die es fast unmöglich machen gesunde Entscheidungen zu treffen. So viel zerstörtes, dass man seine gesamte Energie darauf verwendet, dass es nach außen nicht so auffällt, dass man imitiert, wie man angemessene Gefühle äußert, dass man Nähe spielt, ohne je wirklich zu vertrauen.

Wir wissen um diese Untiefen. Wir wissen, wie man ein Kind seiner Bindung berauben kann. Ich weiß, dass ich meine Mutter bestimmt liebe, aber ich habe mich auch als Kind nie nach meiner Mami gesehnt, wenn ich krank war. Ich wollte nie zu ihr (oder einer der anderen „Bezugspersonen“) laufen, um ihnen zu erzählen, was der freche Andi heute in der Schule wieder angestellt hat. All diese Menschen waren mir egal. Und auch, wenn ich heute mit viel Mühe versuche eine Beziehung zu meiner Mutter (die übrigens nie aktive Täterin an mir war, sie war nur die unglückliche Seele, die mich austragen musste) aufzubauen, so trifft es mich doch immer wieder, wie egal es mir ist. Stürbe sie, so wäre meine erste Sorge, wie ich ihren Nachlass verwalten soll und wie man eine Beerdigung organisiert.

Für mich ist es eine dieser Abgründe. Mit Bindungen war ich schon als Kind nicht zu ködern. Einmal in unserem Leben, haben sich welche von uns „verwoben“. Ich hoffe es war nicht das letzte Mal.

So, wie schlage ich nun den Bogen?

Was mich ja eigentlich beschäftigte war der Begriff „Kultidentität“, der mich und uns auf so vielen Ebenen traf. Die Therapeutin sprach davon, dass es für uns notwendig ist, dass wir uns mit dieser Kultidentität auseinandersetzen. Zunächst war mir nicht ganz klar, was sie meint. Glaubt sie da gibt es einen einzigen Anteil, der sämtliches Gedankengut der RiGaG in sich vereint und mit dem müsse gearbeitet werden? Nein, so sieht sie es offensichtlich nicht. Sie sprach damit den Teil unserer Gesamtpersönlichkeit, des gesamten Systems an, der in der RiGaG entstanden ist, deren Gedankengut vertritt, der darin gefangen ist, aber noch mehr betonte sie die Anteile, die in der RiGaG ja ihre Heimat gefunden haben. Die dort jemand waren. Die Gefühle der Grandiosität, die mit bestimmten Aufgaben oder einfach dem „Stand“ einhergehen, das Ausleben von sadistischen Gelüsten. All die Widerwärtigkeiten, die man sehr gerne von sich abschiebt.

Ein weinendes und sich vor Schmerzen windendes Innenkind, dass gerade in einem Flashback eine Folterszene wiedererlebt mag für viele herzzerreißend sein. Aber der Mensch, der dieses Innenkind in sich beherbergt wird leichter Akzeptanz erfahren, als wenn statt des kleinen Kindes ein erwachsener Mann da steht, der süffisant grinst, deutlich macht, dass seiner Meinung nach alle anderen nur Bodensatz für ihn sind. Einer der  vielleicht mit Lust in seiner Stimme von Handlungen erzählt, die er noch gestern durchgeführt hat und die man hier nicht so ohne weiteres beim Namen nennen kann. Und es ist immer noch der gleiche Mensch, dessen Innenkind nur Stunden vorher Schutz unter einer Decke gesucht hat, sein Kuscheltier an sich nahm, den Daumen in den Mund steckte und nach seiner innerlich durchlebten Tortur endlich einschlief.

Das ist es also, was uns erwartet, wir schauen genauer hin. Arbeit mit der Kultidentität. Es geht um Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle, wir mögen den Begriff „mind-control“ mit jedem Tag mehr, er erfasst mehr und ist doch deutlich kürzer. Wir wollten es ja auch. Wir wollten im zähen Morast waten, denn früher oder später breitet sich die Fäulnis aus dem inneren bis ganz an die Oberfläche durch – und so können und wollen wir nicht leben.

N24 Doku „Ritueller Missbrauch“

Die folgende Dokumentation befasst sich mit ritueller Gewalt in destruktiven satanischen Kulten. Ich möchte auch an dieser Stelle wieder anmerken, dass nicht alle Sekten und Zirkel, die einen satanistischen Glauben als Mittelpunkt haben, rituelle Gewalt praktizieren. Umgekerht kommt rituelle Gewalt in Gruppen allerlei möglichen Ausrichtungen vor, sei es neuheidnisch, bzw. neopaganistisch, chistlich, thelemisch, neofaschistisch, rein sadistisch oder Ideologiefrei schlichtweg zur Produktion entsprechender Pornographie.

Die Gesamtdokumentation wurde in mehrere, ca. 10 min. lange Abschnitte aufgeteilt. Einige Elemente und angesprochene Themen können für (nicht nur) für Betroffene sehr belastend sein und triggern



Quelle: YouTube

Orpheus ohne Rückfahrschein

Als mir bewusst wurde, dass das, was ich seit meiner Kindheit erleb(t)e Gewalt und Missbrauch ist (es mag paradox klingen, ich kannte die Begriffe, wusste, was dazu im Wörterbuch stand, konnte sie aber lange nicht mit dem, was ich erlebte, in Verbindung bringen), fiel es mir noch schwer die Folgen für mich in meinem Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln zu erkennen.

Ich lernte dann, dass das, was ich erfahren hatte, traumatisierend war. Ich lernte den Begriff Psychotrauma und erfuhr von Ärzten, dass ich offenbar unter einem solchen litt. Man erklärte mir dazu kaum etwas, aber ich habe mein Graecum und wusste, dass „Psychotrauma“ übersetzt in etwa „Verletzung der Seele“ bedeutet. Eine Vertraute schickte mir ein Selbsthilfebuch aus dem ich lernte, was es bedeuten kann traumatisiert zu sein. Ich lernte, dass viele meiner Verhaltensweisen, Gefühle und meiner Denkmuster Folgen der erlittenen Gewalt und dem Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familienstruktur waren. Bis dahin war ich der Meinung dass ich so war, wie ich bin, weil ich einfach schlecht war. Ängste, Zwänge, Tics und Anfälle waren für mich Zeichen, dass ich wohl einfach mit einem „minderwertigen“ Gehirn geboren worden war, Depressionen ein Zeichen von Faulheit, scheinbar irrationale Verhaltensweisen ein Zeichen für Dummheit und die furchtbaren Bilder in meinem Kopf, die mich Tag und Nacht quälten zeigten doch nur zu deutlich, dass ich zu all dem anderen offenbar auch verrückt und wahnsinnig war.

Schnittwunden kann man nähen, Abszesse kann man eröffnen und gebrochene Knochen lassen sich schienen. Wenn sich körperliche Wunden heilen lassen, dann muss es doch auch Wege geben die seelischen zu heilen. Das schien mir logisch und ich machte mich auf den Weg der Heilung. Ich suchte mir neue therapeutische Unterstützung, kaufte Bücher, lieh Fachartikel, ging in Selbsthilfegruppen, denn ich wollte wissen, was auf mich zukommen sollte.

Immer wieder hörte ich, dass ich noch einmal zurück in die Hölle müsse, mich meinen Dämonen stellen, sie mir betrachten, sie mir bewusst machen, um dann gestärkt, genesen, integriert wieder zurückzukehren.

Ich schnürte meine feuerfesten Wanderschuhe und stieg hinab.

Wie bei fast allen neuen Wegen, die ich beschreite, begleitete mich eine Naivität, die dem härtesten Rocker die Milch einschießen lässt, und ein merkwürdiger Optimismus, der nur Kopfschütteln verdient hat. Dass ich dennoch Panik schob, ist für mich kein Widerspruch. Wie schlimm konnte es schon sein sich mental in die Hölle zu wagen und die Dämonen betrachten, wenn man mit dem ganzen Rest seines Seins noch immer in ihren Tiefen feststeckte.

Auf der Reise stellte ich fest, dass die von mir betretene Unterwelt aus Ebenen oder Schichten bestand, wie eine Zwiebel oder die Höllenkreise aus Dantes Inferno. Nur unterschieden sich die Kreise, die ich nach und nach betrat, nicht darin, wer dort gepeinigt wurde, sondern darin, was ich erneut und doch ganz anders zu erleben hatte.

Ich pflegte stets zu sagen, dass es nicht so schwer sein würde sich mit mir und meinem Hintergrund auseinanderzusetzen, schließlich sei das Schlimmste die Gewalt und der Missbrauch selbst gewesen. Je tiefer ich aber in die Abgründe meiner Herkunft und meines bisherigen Lebens eintauchte, desto klarer wurde mir, dass dieser Glaubenssatz, an den ich mich wie eine Ertrinkende klammerte, nicht der Realität entspricht. Was zu stimmen scheint ist, dass mir jetzt weniger Schaden zugefügt wird. Es werden nicht konstant neue Wunden geschlagen. Es tut aber nicht weniger weh. Auf eine ganz bestimmte Weise ist es schlimmer. Während ich aufwuchs und solange ich noch körperlich in den destruktiven Strukturen meiner Familie und der RiGaG feststeckte wurde alles, was ich dort erlebte – Dissoziation sei Dank – in kleine, feine Päckchen aufgeteilt und getrennt voneinander in meinen Hirnwindungen abgespeichert. Nun aber soll oder will ich verarbeiten. Was das bedeutet wird mir mit jedem Schritt, den ich wage, klarer. Einer der ersten Therapeuten, die ich aufsuchte, sagte mir ich müsse über das, was mir widerfahren ist, reden. Wenn ich das täte, wäre ich geheilt. Aus der multiplen Persönlichkeit würde automatisch eine einzige, ganze, unbelastete Person werden, wenn ich alles ausspreche.

Die Dinge beim Namen zu nennen ist ein wichtiger Schritt, aber nach meiner Erfahrung nicht alles und auch nicht so einfach, wie es zunächst scheint. Es ist schwer jemanden zu finden, der sich das, was man zu sagen hätte, anhören kann und will. Der erwähnte Therapeut stellte nach kurzer Zeit fest, dass er sich den Inhalten nicht gewachsen fühlt und damit war er auch nur einer in einer langen Reihe Ärzten und Therapeuten in ambulanten und stationären Settings, die mir rieten doch endlich über die Traumatisierungen zu sprechen – aber bitte woanders.

Fall man doch das Glück hat einen Ort zu finden, wo man aussprechen dürfte, was einem auf der Seele brennt und was einen so sehr geprägt hat, dann finden sich noch genügend innere Barrieren, die das zu verhindern wissen. Oft kennt man keine Worte, die annähernd beschreiben könnten, was man erlebt hat. Man hat ja nie darüber geredet. Es fehlt das Vokabular, denn vieles findet keine Entsprechungen im normalen Alltag. Zudem ist man lange darauf trainiert worden niemals auszusprechen, was hinter den verschlossenen Türen vor sich geht. Man muss kreativ werden, um diese Schweigegebote zu umgehen, viel Geduld mitbringen und Vertrauen lernen, um sie zu durchbrechen.

Reden ist wichtig um sich die Gründe für das Trauma bewusst zu machen. Reden allein ist aber nicht der ganze Verarbeitungsprozess, es kann ihn lediglich auslösen oder ein Teil von ihm sein. Will ich „heilen“, das Trauma integrieren, muss ich das, was dissoziiert wurde, re-assoziieren. Was abgespalten wurde, muss wieder zusammengesetzt werden. Eine Erinnerung besteht aus verschiedenen Ebenen, (Körper)Empfindung, Emotion, Fakten, Bilder und Bedeutung des Geschehenen. Bei dissoziierten Erinnerungen an traumatische Erlebnisse sind diese Ebenen voneinander getrennt. Zu einigen Erlebnissen habe ich nur einige Bilder, weiß aber nicht was eigentlich passiert ist. Getrennt davon sind Emotionen, Empfindungen oder das Faktenwissen. Bei uns ist es aufgrund der dissoziativen Persönlichkeitsstruktur so, dass die Ebenen dieser Erinnerungen auf verschiedene Personen verteilt sind. Eine empfindet immer wieder starke Schmerzen in den Fingerkuppen, ohne zu wissen warum. Eine zweite Person sieht vor sich Bilder von einer fixierten Hand und einer Zange, die an einem Fingernagel ansetzt. Eine dritte weiß, dass ihr die Fingernägel gezogen wurden und wieder jemand anderes weiß, dass dies getan wurde um für ein ganz bestimmtes Fehlverhalten zu bestrafen. Hass auf die Täter, Scham, weil man bestraft werden musste oder der Ekel vor den eigenen blutverschmierten Fingern werden von weiteren Innenpersonen getragen.

Man dissoziiert das Erleben, weil alle Aspekte auf einmal in dem Moment zu viel für die Psyche sind. Für uns stellt sich immer wieder die Frage, ob wir eigentlich vollkommen wahnsinnig geworden sind, wenn wir versuchen ein Ereignis mit all dem, was einzelne von uns dazu beitragen konnten, zu rekonstruieren. Gefoltert zu werden und zu dissoziieren ist leichter als alle Aspekte dieses Ereignisses auf einmal zu erleben. Es zerreißt einen förmlich, wenn man die Schmerzen spürt, das Gesicht des Täters vor sich sieht, durchgeschüttelt von widersprüchlichen Gefühlen und alles in dem Wissen, dass es hier keinen tieferen Sinn zu finden gibt. Warum hat er das getan? Weil er’s kann.

Je länger ich mich auf dieser Reise in meine Unterwelt befinde, je tiefer ich vordringe, umso deutlicher wird, dass mein halb gescherztes Motto „einmal Hölle und zurück, bitte“ nicht mehr ist als das – nämlich halb gescherzt. Es gibt kein Zurück. Nach all dem, was ich gesehen, gefühlt, erkannt habe kann ich nicht zurück. Zurück bedeutet zurück zum Leugnen, zurück zum abgespalten Leben, zurück zum verzweifelten Versuch wenigstens einen Anschein von Normalität zu schaffen. Selbst wenn ich das wollen würde (und noch gibt es immer wieder Phasen, in denen ich mir das wünsche), ich könnte es nicht, egal wie sehr ich mich anstrengen mag.

Es bleibt mir nur tiefer in die Hölle einzudringen, bis ganz auf den Grund und dann noch ein Stück tiefer, immer in der Hoffnung, dass sich ganz weit unten ein neuer Ausgang verbirgt.