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Wie spricht man über das Unaussprechliche?

Wie teilt man sich jemandem mit, wenn man genau weiß, dass man in letzter Konsequenz ohnehin an der Sprache scheitert? Zunächst am Mangel eben dieser und dann an der Tatsache, dass Worte fehlen, weil einem nie erklärt wurde und man sich früher oder später seine eigenen suchte. Auch eine Form des „Geheimnisbewahrens“, reden ohne etwas sagen zu können, literweise Salzwasser zu trinken und zu verdursten, egal wie viel mehr man nachschüttet.

Ich könnte mich hier hinstellen und darüber lamentieren, wie sehr die Schweigegebote über alles, was aus Familie und Täterkreisen nicht nach außen dringen soll, alles torpedieren, was ich versuche. Dass wir offensichtlich einen Weg gefunden haben uns mitzuteilen ist ja  offensichtlich. Würden die Schweigegebote noch so greifen, wie sie sollen, dann könnten wir nicht einmal darüber reden, worüber wir nicht reden können, der Blog wäre ohnehin nicht existent, es gäb keine Therapeuten, höchstens regelmäßige Einweisungen. Also Schwachsinn.

Wir können über vieles sehr offen sprechen, wir arbeiten seit Jahren mit uns, sammeln Erkenntnisse und finden Wege diese zu verstehen. Es ist oft wie ein Buch in einer fremden Sprache, mit fremden Schriftzeichen, dass ich so lang ich lebe mit mir trage. Ich könnte dir viele Seiten der Symbole nachmalen, ohne je begriffen zu haben, was die Worte bedeuten. Wir sind kreativ geworden um uns mitzuteilen. Wenn wir nicht sprechen dürfen, nicht malen, mit keinen Stiften schreiben… dann tippen wir. Das haben wir so spät im Leben gelernt, dass die spezifische Verhaltenskontrolle der Täter ein Schlupfloch bot. Bestimmte Worte sind Verboten? Ersetze ich es.

Wenn man bestimmte Ereignisse seines Lebens über Jahre hinweg immer wieder druchkauen muss, wird aus dem anfänglichen Schrecken, der sofortigen Selbstbestrafung, dem Rapport irgendwann Gewöhnung. Wir haben uns herausgesucht, was wir mitteilen können, ohne, dass wir die Kontrolle über die Konsequenzen verlieren. So verfügen wir über ein umfassendes Sammelsurium an Geschichten, die nichts bedeuten, aber den Anschein erwecken, dass wir ja total offen mit uns, unserer Vergangenheit unserer Systemstruktur, unserem Leben in der RiGaG, unsere Aufgabe und unser Wissen über Interna solcher destruktiver Gruppen und ihrer Methoden, egal ob sie Menschen für Kohle verticken, Bock auf Psylos und Ziegenmasken haben oder beides.

Wir haben schon oft gehört, dass wir ja so offen reden können. Toll, gell. Es ist leicht das, worüber kein Wort verloren werden darf hinter einem Schwall von Informationen zu verstecken.

Es kommt in dem Denken der Leute nicht („schriftstellerische“ Freiheit, für die, die uns sowieso durchschaut: nimm dich da raus) vor, dass wir es nicht schaffen, etwas mitzuteilen. Dabei sind genau die Dinge, die wir seit Jahrzehnten jeden Tag sehen, fühlen und wissen, die uns auffressen. Einige dieser Dinge müssen geäußert werden… glaube ich. Jedenfalls hat uns die bewerte Methode ja auch nicht gerade weit gebracht.

Und so ist meine therapeutische Leistung für den heutigen Tag (ich hab dafür aktuell 14 Std. gebraucht… die Anläufe der letzten Jahre nehm ich mal raus):

Ich hab da einige Punkte, die ich nicht äußern kann, die aber wichtig wären.

Tippen ist einfach im Vergleich. Mein starkes Bedürfnis mich zu geißeln kann ich noch so weit im Schach halten, dass ich mir einfach vorstelle, wie ich mich selbst dutzende Mal in die Luft jage (ja sorry, tut mir leid für die, denen meine Existenz ein Dorn im Auge ist: Ich bleib noch ne Weile und ich hab den längeren Atem :mrgreen: )

Es ist ein großes Ziel, dass ich vieles, was ich über Jahre verschwiegen habe und hinter Lügen versteckt habe („Neiiiin, ich zweifel nie an uns und dieser angeblichen Geschichte, ich bin der selbstsicherste „Multi“, den du kennst *Tell me lies, tell me sweet little lies* ) wenigstens für mich offenlegen – und für die, die aus dem, was ich tun könnte, wenn ich irgendwann genügend Courage und die Art von Dreistigkeit aufbringe, die ich an so vielen meiner Vorbilder bewundere.

Und morgen… morgen werde ich die Grundmauern der Welt ins Wanken bringen… oder vielleicht nächste Woche…

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13 Kommentare zu “Wie spricht man über das Unaussprechliche?

  1. Ich hab‘ oft überlegt, ob es für bestimmte Dinge überhaupt Worte gibt. Ob sie überhaupt erfunden worden sind und wenn nicht, ob’s möglich ist, etwas zu konstruieren – also Sätze – die nur annähernd beschreiben, was … Was eine verkehrte Welt bedeutet. Und schon lache ich über dieses Wort „verkehrt“. Ihr seid mutig. Für das, was ihr erreichen wollt, braucht ihr wohl noch ein wenig mehr Bewusstsein über die Kraft, die ihr wohl bereits habt.

    • Danke für das Mutmachen. Das mit der Stärke ist ja auch so ein Ding. Wir können sehr gut leben, dass wir ja wissen, was wir schon alles erreicht haben, welche Kompetenzen wir haben usw. Wir bemühen uns ja auch genau das zu vermitteln… so ähnlich wie singen im Wald… oder wenn ich es nur lange genug tue oder sage, glaube ich es irgendwann auch selbst…

      Aber eigentlich würde es Zeit auch zu äußern, wie unzulänglich wir auch sind. Ja, da ist natürlich zum einen das permanente Problem mit dem mangelnden Selbstwert, den wir überspielen, so lange wir denken können… und zum anderen eben, dass selten wissen, wie wir unsere Unzulänglichkeiten einfach mal stehen lassen können.

      Anfänge machen sich… ich bin gespannt

  2. Ich hatte euch einmal per Email nach einem Passwort gefragt, aber vermutlich ist die Email untergegangen. Deshalb frage ich hier nochmal: Darf ich eure geschützten Beiträge lesen? (Ihr könnt mir auf die Emailadresse hier in meinem Profil das Passwort schicken, falls ihr euch dazu entscheidet, dass ich es bekommen darf.)

  3. In Situationen, wo ich am wenigsten sagen will oder kann oder darf, rede ich am meisten. Vielleicht ist das auch so ein Verstecken von Dingen, die durch Unsicherheit hervorgerufen werden.

  4. Ja. Vielleicht ist es auch ein unbewusster Versuch doch noch mitzuteilen, was einen eigentlich bedrückt… wenn man nur lange genug redet, schafft man es vielleicht irgendwann auch etwas zu sagen oder hier und da ganz unbemerkt von allen inneren und äußeren Kontrollinstanzen einige Körnchen der (verbotenen) Wahrheit fallen zu lassen.

    Und wenn man dann noch Glück hat, dann findet man Ohren, die hören, was wirklich wichtig ist.

  5. „Wir haben uns herausgesucht, was wir mitteilen können, ohne, dass wir die Kontrolle über die Konsequenzen verlieren.“

    und

    „Es ist leicht das, worüber kein Wort verloren werden darf hinter einem Schwall von Informationen zu verstecken.“

    Diese beiden Sätze haben mich sehr beeindruckt weil ich mich zu 100 % wiedererkannt habe. Das hast du toll auf den Punkt gebracht.

    Auch wenn es bei mir um völlig andere Dinge geht als in deiner Vergangenheit, so ist es doch interessant, wie sehr man anderen Menschen den Eindruck vermitteln kann, man würde wahnsinnig offen und reflektiert mit dem Erlebten umgehen. Dabei ist es letztendlich nur der Versuch, sich soweit wie möglich von den wirklich schmerzhaften Geheimnissen zu distanzieren. Man wählt Worte bei denen man weiß, dass das Gegenüber sie sofort in eine der pathologischen Schubladen einordnet, oft kann man zusehen wie sich der Gesprächspartner sein Bild zusammenzimmert. Aber man spricht eben nie die Dinge aus, die von wahrer Bedeutung sind.

    Ich habe erlebt, dass ich für mein vorbildliche Mitarbeit in der Therapie gelobt wurde und eine Zeit lang habe ich mir sogar selbst geglaubt, dass ich alle Gefühle die hinter meinen abstrakten Worten versteckt sind, verarbeitet hätte. Aber ich weiß heute, dass das nicht stimmt.

  6. Wie spricht man über das Unaussprechliche?

    Danke für die Gedanken hierzu.

    Das bewegt mich sehr. Vielleicht ist genau dieser „Versuch“ – das mühsame lernen „Sprechen“ zu lernen? Ich glaube fest daran! Ich glaube wenn sich das richtige Ohr zur richtigen Zeit öffnet, dann wird das „Unaussprechliche“ sprechbar und dann trägt dieser Kampf , dieser „unüberwindbar scheinende“ Kampf seine Früchte. Es wird etwas verändern.

    Alle Kraft dafür!

    LG
    Murmel

    • Danke Murmel

      Das Thema ist auch jetzt noch lange nicht für uns vom Tisch und scheint gelegentlich aktueller denn je. Trotzdem glaube ich auch, dass es lohnt Sprache zu finden. Die muss ja nicht für andere sein.

      Auch dir viel Kraft
      Pandora

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