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Was es für uns bedeutet „Viele“ zu sein – Pt. II

Ca. 2005/’06 haben wir schon einmal versucht in Worte zu fassen, wie das Leben mit einer dissoziativen Identiätsstörung bei uns ausschaut, auch das möchten wir hier mit euch teilen und zu einem späteren Zeitpunkt das als Referenz für eine Bestandsaufnahme hernehmen, schauen, was sich eventuell bis heute verändert hat:

(Teil 1)

Der ganz normale Wahnsinn eines Alltags mit DIS (Teil 2)

Wie ist es multipel zu sein? Ich werde das öfter mal gefragt. Nun, stell dir vor, dein Gedächtnis ist ein Schweizer Käse, nein, es stinkt nicht und schmeckt gut… es ist voller Löcher. Stell dir vor, dein Wecker klingelt, du stehst auf, willst ins Bad gehen und das nächste was du weißt ist, wie du in der Straßenbahn stehst, ein Goofy-T-Shirt trägst und feststellst, dass du nur eine Tasche dabei hast und die Ordner für die Uni wohl noch daheim liegen – wo sie nicht hingehören. Kling lustig? Mag sein, von außen betrachtet.

Stell dir vor du stehst mitten im Kaufhaus, einer der Mitarbeiter spricht recht unfreundlich zu dir, um es vorsichtig zu formulieren, neben dir ist ein Regal wohl vollkommen abgeräumt, Scherben auf dem Boden, deine Hände sind blutig. Nicht mehr ganz so lustig, oder? Der Rest des Tages auch nicht.

Du gehst in der warmen Maisonne spazieren… und das nächste was du weißt ist, wie du daheim vor dem Fernseher sitzt, der Regen prasselt gegen die Fensterscheibe und das Datum, dass in deiner Nachrichtensendung eingeblendet ist lässt auf November schließen. Da bekommt Rudi Carrells Frage danach, wo der Sommer geblieben ist eine ganz neue Bedeutung.

Manchmal findest du dich an Orten wieder, die du weder kennst noch wüsstest du, wie du dort hin gelangt bist. Du möchtest deinen Dozenten anrufen und dich dafür entschuldigen, dass du in der letzten Seminarstunde gefehlt hast, denn du kannst dich partout nicht daran erinnern was gestern war – sicher ist sicher. der Tag ist wie aus deinem Gedächtnis radiert. Zufällig stolperst du über deinen Block mit den üblichen Aufzeichnungen für die Uni, dort steht in kleiner, ordentlicher Schrift das Datum vom gestrigen Tage, der Name des Seminars und darauf ungefähr 10 Seiten Notizen in dieser mikroskopisch kleiner Schrift, die wohl öfter mirakulös in deinen Aufzeichnungen auftaucht.

Du hörst Stimmen, jeden Tag und zu jeder Minute. Manchmal kannst du sie verdrängen. Stimmenhören ist nicht gut, das haben nur schizophrene Menschen, Menschen die deswegen in die Klapsmühle bekommen. Hoffentlich erfährt niemand, wie laut es in deinem Kopf ist, die würden dich bestimmt sofort einweisen. Die Stimmen sind in deinem Kopf, fast wie Gedanken die zu laut sind und die du nicht selber denkst. Du kannst sie regelrecht hören. Streitenden Stimmen, beruhigende Stimmen, ängstliche Stimmen, die immer und immer wieder die gleichen Sätze sagen oder brüllen, Unterhaltungen, du wirst angesprochen – bloß nicht reagieren, ich glaube ich werde verrückt – kleine Mädchenstimmen singen ein Lied, Babys jammern und Schreien, weit in der Ferne hörst du eine Frau schreien, ganz langsam und durchdringend. Du hast mal den Fehler gemacht und so etwas angedeutet, als du wieder nicht wusstest, was passiert ist und du dich in der geschlossenen Station der örtlichen Psychiatrie wieder gefunden hast, mit Tränen in den Augen hast du den Mann gebeten dir zu helfen, der Lärm im Kopf sei unerträglich. Auch was danach passierte weißt du nicht mehr genau. Irgendwann hast du einen Wisch gefunden wo etwas von „halluzinatorischer Psychose“ drinstand, offenbar wurdest du nach einigen Tagen entlassen…

Und bei alledem hast du keine Ahnung was da in dir vor sich geht.

(Teil 3)

(Teil 4)

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3 Kommentare zu “Was es für uns bedeutet „Viele“ zu sein – Pt. II

  1. Ich möchte mich bei Euch bedanken. Bedanken dafür, dass Ihr Euch die Arbeit macht und erklärt, was hinter den offiziellen Worten steht. Ich glaube, dass Niemand, der nicht selbst betroffen ist, sich vorstellen kann, was es bedeutet mit DIS zu leben.

    Es gibt leider viel zu viele Menschen, die diese Diagnose mystifizieren und fast schon mit verklärten Augen die Betroffenen anschauen. Jeder, der sich „wünscht“ „nicht alleine zu sein“, sollte diese Texte lesen und sich danach nochmals fragen, ob es wirklich so erstrebenswert ist.

    Ihr habt viel erreicht und Euch bereits jetzt ein Leben erkämpft, das so viel mehr ist, als nur zu überleben. Je weiter Ihr vordringt und Euch Schritt für Schritt ein eigenständiges Leben erarbeitet, desto mehr zeigt Ihr, dass Ihr viel mehr seid als die Diagnosen, die auf dem Papier stehen. Ihr könnt bereits jetzt sehr stolz auf Euch sein.

    Und mit diesem Blog tragt Ihr zu Verständnis bei. Ihr entmystifiziert, schafft Klarheit und füllt dadurch Diagnosenworte mit Leben. Dazu bedarf es viel Mutes und Selbstreflektion. Etwas, das vielen Menschen fehlt.

  2. Zunächst erstmal vielen Dank.

    Was die von dir angesprochene Mystifizierung betrifft, so stimme ich dir da zu. Das ist auch ein Thema, was mich schon öfter beschäftigt hat und gerade letzte Woche wieder verstärkt.

    Die DIS wird mystifiziert. Keine Frage. Therapeuten, Ärzte, andere Professionelle, Autoren und nicht zuletzt die Betroffenen selber haben stark zu dieser Mystifizierung beigetragen. DIS fasziniert zunächst. Auch verständlich, denn alles, was anders ist, fasziniert. So werden auch „Absonderheiten“ stark in den Vordergrund gestellt, die vielleicht gar nicht mal so häufig vorkommen oder „multispezifisch“ sind. Wer sich mit dem Thema auseinandersetzt stößt früher oder später auf die klassischen „Multiphänomene“… Multis stören elektromagnetische Felder, Multis haben Innenpersonen mit bestimmten Krankheiten, die andere Innenpersonen nicht haben, Multis könne quasi hellsehen und sich in den Verstand anderer „einloggen“, Multis wachen grundsätzlich aus Narkosen auf… die Liste ist endlos fortsetzbar.

    Ich zweifel nicht das auftreten solcher Phänomene an, habe aber in aller Regel Probleme mit den Erklärungen. Eigentlich sind die Ursachen für Phänomene wie das Aufwachen aus Narkosen gut nachvollziehbar – und beileibe weder ein typisches, noch ein exklusives DIS-Problem. Eigentlich ist alles gar nicht so mysteriös… aber scheinbar fällt es den meisten schwer das Mysteriöse loszulassen.

    (zu dem Thema habe ich auch noch eine Menge Ideen, die ich hoffentlich in Blogartikelform bringen kann 😉 )

  3. Zu dem Thema Narkose kann ich eine eigene kleine Annekdote beitragen. ALs ich mich mit dem Thema dissoziative Störung angefangen habe auseinanderzusetzen, bin ich in einem Forum gelandet, welches sich auf die Fahne geschrieben hat für Menschen mit dissoziativen Störungen zu sein. Letztendlich stellte sich heraus, dass es sich ausschließlich um DIS drehte. Wer nicht eindeutig DIS hatte, wurde entweder in die Kategorie Faker oder in die Kategorie „Du verleugnest das halt noch“ gesteckt. Beides nicht sonderlich prall, wie man sich vorstellen kann.

    Dort habe ich auch Bekanntschaft mit dem ein oder anderen Mythos gemacht, z.B. mit dem Thema „aus der Narkose aufwachen“. Da ich auf der einen Seite ein sehr rational denkender Mensch bin, aber auch zu irrationalen Ängsten neige und eine OP bei mir anstand, habe ich meine Therapeutin darauf angesprochen. Nicht weil ich der Meinung war, das ich ein vollausgeprägtes Bild der DIS habe, sondern weil ich vor dem Hintergrund der vorhandenen Innenwelt irritiert war und wie nicht anders zu erwarten irrationale Ängste entwickelt habe.

    Meine Therapeutin bestätigte mir, dass es dieses Phänomen gibt, aber nicht nur bei Menschen mit DIS, sonder aus diversesten Gründen, z.B. wegen einem „erhöhten Anspannungsniveau“ und damit einhergehend zu niedrig dosierten Narkosemitteln. Das hat mir eingeleuchtet und es wurde eine Bescheinigung geschrieben, die bestätigte, dass ich ein Psychoopharmaka-Junkee bin 😉 und ein erheblich erhöhtes Anspannungsniveau habe. Dies habe ich dem Narkosearzt vorgelegt, der das offensichtlich berücksichtigt hat. Ich bin nämlich nicht aufgewacht. 🙂

    Aber im Vorlauf zu der OP habe ich dennoch zu Erstaunen bei dem Anästesisten beigetragen. Ich weiss nicht wieviel Tavor sie mir gegeben haben, aber ich saß da völlig unentspannt und panikte den armen Kerl an. Der fragte die anwesende Schwester, ob sie denn vergessen hätten mir etwas zur Beruhigung zu geben, die völlig irritiert meinte, dass mehr als genug. Tja, wer als Hauptnahrungsmittel Lorazepan und andere Nahrungsergänzungsmittel in nicht unerheblichem Maß zu sich nimmt, bracht vielleicht ein wenig mehr am mehr.

    Was auch immer sie mir dann gegeben haben, ich hätte die Ärztin, die sich mir vorgestellt hat, gerne noch zugelabert, aber das letzte woran ich mich erinnere, ist eine weitausholende Handbewegung und der Kommentar „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie böse manche Menschen sein können…“ Ich hoffe sehr, dass ich nicht im Schlaf geredet habe. 😉

    Somit hab ich den Blog von den pandoras erfolgreich zugemüllt.

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